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«Das Leben hat mir zugesetzt»: Weshalb sich das einstige Pop-Girl Lilly Allen verändert hat

Das einst unbeschwerte englische Pop-Girl Lily Allen klingt heute ernst und traurig. Im Interview erklärt sie, wie es zu dieses Veränderung kam.

Steffen Rüth
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Auch optisch kaum wiederzuerkennen: Lily Allen.

Auch optisch kaum wiederzuerkennen: Lily Allen.

Bella Howard

Lily Allen, Sie sind musikalisch kaum wiederzuerkennen. Ihre neuen Lieder klingen sehr ernst. Was ist passiert?

Lily Allen: Vor drei, vier Jahren war ich verwirrt. Ich mochte mein Album «Sheezus» nicht. Alle Leute um mich herum, Plattenfirma und Radiosender, wollte ich irgendwie zufriedenstellen. Ich selbst war komplett unglücklich, wirklich wahnsinnig betrübt.

Sind die Songs deshalb so traurig?

Ich musste traurige Musik machen, damit ich selbst weniger traurig sein konnte. Ich hatte mich verloren. In den ersten Jahren meiner Karriere war ich jung, sorglos und hatte keine Verantwortung, ausser für mich selbst. Jetzt bin ich 32, habe zwei Kinder und bin geschieden. Ich kann nicht mehr so tun, als wäre alles toll. Das Leben hat mir zugesetzt, und ich habe keine Angst, über meine Gefühle zu singen.

Was ist in Ihrer Ehe schiefgelaufen?

Ich kann es nicht genau sagen. Es war einfach so, dass ich nichts mehr fühlte. Mir ging es so schlecht, dass ich zu meinem Therapeuten sagte «Vielleicht ist es an der Zeit, dass ich es mit Heroin versuche».

Haben Sie?

Nein. Das wäre die Endstation gewesen.

Hätten Sie es getan, wenn Sie keine Kinder gehabt hätten?

Kann gut sein. Meine Mum hat Heroin genommen, als ich klein war. Ich fragte sie mal, wie sich das anfühlt, und sie sagte «Als wenn Du auf einer mit Honig überzogenen Wolke sitzt». Ich dachte nur «Oh, das hört sich nett an».

Wie lief die Trennung?

Nicht schön. Ich habe für unsere Ehe gekämpft, aber ich habe mich nicht so verhalten, wie man das tun sollte, wenn man verheiratet ist und es bleiben möchte.

Was heisst das?

Auf meiner letzten Tour geriet ich ausser Kontrolle, auch was das Sexuelle angeht. Ich war sehr promiskuitiv, um diese Leere irgendwie zu füllen. Ich war verzweifelt wegen meiner Musik, die mir nicht gefiel. Ich ass nicht mehr gescheit, weil ich mich unter Druck gesetzt fühlte, was das Schönheitsideal als Popstar anging. Und ich trank schon früh am Morgen. Das war das Schlimmste. Ich war fürchterlich einsam und traurig. Alle waren weg – meine Kinder, mein Mann.

Wie haben Sie sich rausgezogen?

Mit Musik. Therapie. Aufhören zu trinken. Aufhören zu koksen. Ich trinke schon mal ein Gläschen Wein, aber ich gehe kaum noch aus, schon gar nicht auf Partys.

Ist «No Shame» ein Trennungsalbum?

Ja, ich war immer ehrlich in meiner Musik, das zeichnete mich am Anfang aus, gerade meine ersten zwei Alben waren krass und schonungslos. Ich hätte keine Songs aufnehmen können, in denen es um nichts geht. Das werde ich sowieso nie wieder tun.

Wie aktiv sind Sie im Internet?

Nur, weil ich es beruflich muss. Meine Plattenfirma würde nicht in mich und mein Album investieren, wenn ich mich der Onlinewelt verweigern würde. Aber glaube mir, ich hätte am liebsten nichts damit zu tun. Für eine Frau sind Instagram & Co. wie die Rückkehr in die 50er-Jahre. Wir kriegen nur Aufmerksamkeit, wenn wir uns ausziehen oder viel Make-up tragen. Mir macht es Angst, dass Leute wie Mark Zuckerberg oder Rupert Murdoch die mächtigsten Menschen der Welt sind.

Sie haben doch Ihre Karriere auch dank des Internets gestartet?

Ja, aber wir waren auf Myspace. Es ging dort wirklich noch um die Musik und nicht um idiotische Äusserlichkeiten oder ums Abnehmen. Von Myspace haben wir unheimlich profitiert, die Arctic Monkeys, Florence & The Machine oder Ellie Goulding.

Wird «No Shame» ein kommerzieller Erfolg?

Verkaufszahlen kümmern mich wirklich nicht mehr. Klickzahlen schon gar nicht. Ich bin glücklich, wenn meine Musik jene Menschen erreicht, die sich durch mich berühren lassen.

Mit 32 sind Sie immer noch jung.

Aber nicht in der Popmusik. Und nicht als Frau. In Grossbritannien haben wir ein echtes Problem mit Altersdiskriminierung.

Ab wann ist man im Pop denn alt?

Ab 30 spielen sie dich weniger im Radio. Was wohlgemerkt nicht für Männer gilt. Coldplay haben diese Probleme nicht. Alle anderen Branchen werden seit #MeToo extrem durchgeschüttelt und zu einem Umdenken gebracht, nur die Musikindustrie macht einfach so weiter wie vorher. Wo sind denn nur die weiblichen Führungskräfte? Wo sind die Frauen, die mutig und intelligent und aufrührerisch sind.

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