Radio-«Tatort»

Das ist die unbekannte Schwester des Fernseh-«Tatorts»

Ein Angriff auf Hörgewohnheiten: «Der dunkle Kongress», erster Schweizer Radio-«Tatort».

Ein Angriff auf Hörgewohnheiten: «Der dunkle Kongress», erster Schweizer Radio-«Tatort».

In der Schweiz kennt man ihn kaum: Der Radio-«Tatort» ist die erfolgreichste Hörspielreihe des deutschen Hörfunks. Seit letztem Dezember ist auch ein Schweizer Ermittler mit dabei. Reinhören lohnt sich.

Sonntagabend. Ab auf die Couch und Fernseher an! Stopp! So einfach geht es nicht. Sein Ritual muss man sich als Hörerin eines Radio-«Tatorts» schon selbst erfinden. Man kann ihn geniessen, im Freien, auf einer Parkbank. Man kann sich von ihm berieseln lassen beim Kochen oder auf dem Klo. Und wird dabei feststellen, dass die vielen angestauten Bilder vom jahrelangen «Tatort»-TV-Konsum sich zwangsläufig über das Hörerlebnis legen werden.

Der Groove der erfolgreichsten Hörspielreihe des deutschen Rundfunks ist derjenigen ihrer grossen Fernsehschwester sehr ähnlich, auch wenn die Reihe inhaltlich autonom vom Fernseh-«Tatort» produziert wird.

Auch im Radio-«Tatort» hört man regelmässig Floskeln wie: «Wir stehen erst am Anfang der Ermittlungen.» Mit dem Unterschied, dass sie in den Ohren doppelt so weh tun, weil die schicke Lederjacke des Ermittlers nicht davon ablenkt.

144 Folgen, 1 Million Zuhörer

Zehn Ermittlerteams mit urwüchsigen Dialekten und regionalen Eigenheiten, erfunden in den Redaktionsräumen deutschsprachiger Rundfunksender, arbeiten sich seit 2008 im Radio-«Tatort» an zeitgeistigen Themen ab – vom bedingungslosen Grundeinkommen bis zum Amoklauf in der Schule.

In knappen 55 Radio- statt 90 Spielfilmminuten – schliesslich muss so ein Fall im Radio zwischen zwei Nachrichtenblöcke passen –, wird einmal monatlich eine Geschichte präsentiert. Bis heute sind es 144 Folgen. Sie sind im Radio, im Netz und auf Podcast-Plattformen abrufbar. Deutlich über eine halbe Million Hörer nutzen die digitalen Downloadangebote jeden Monat, die Zahl der Radiohörer dürfte sich ebenfalls um eine halbe Million bewegen.

Weil das Schweizer Radio erst seit Dezember einen Ermittler stellt, bekamen die Schweizer von dem Hype bislang wenig mit. Das ist auch dem Schweizer Schauspieler Ueli Jäggi («Wilder») aufgefallen, der als süd­badischer Ermittler Xaver Finkbeiner für den Südwestrundfunk (SWR) seit zwölf Jahren ermittelt und einer der dienstältesten Radiokommissare ist.

Schweizer Ermittler reist durch die Epochen

Mit dem von Michael Neuenschwander gesprochenen, aus der Schweiz kommenden Ermittler H.P. Anliker dürfte das ändern. Mit ihm liefert das SRF, das im TV-«Tatort» eher gefälliges Mittelmass abgeliefert hat, eine gelungene Provokation für die konventionelle Hörspielreihe.

Denn der erste, bereits im Dezember ausgestrahlte Schweizer Fall spielt nicht im Heute, sondern im Meiringen des Jahres 1891. Dass Sir Arthur Conan Doyle seinen Kultdetektiv Sherlock Holmes im selben Jahr in die Reichenbachfälle bei Meiringen in den Tod stürzen liess, ist wie vieles in dieser Folge kein Zufall.

Und weil das Autorentrio um Matthias Berger, Gion Mathias Cavelty und ­Lukas Holliger die Erfindung der Tonwalzen, die Vorläufer heutiger Tonträger, thematisch in ihren Kriminalfall eingebunden hat, spielt die Story virtuos auf der Klaviatur des Gehörsinns. «Der dunkle Kongress» in der Regie von Susanne Janson ist insofern revolutionär, als er der erste Fall der «Tatort»-Geschichte ist, der in der Vergangenheit spielt.

«Als wir die Folge bei unseren deutschen Kollegen vorstellten, haben manche zuerst skeptisch geschaut, waren dann aber sehr begeistert», sagt Anina Barandun, Hörspielleiterin beim SRF. Im Mai wird Anliker, eine durch und durch zeitlose Erscheinung, seine Ermittlungen in der Jetztzeit im Sektenmilieu fortsetzen («Das dritte Ohr»). Nächstes Jahr geht es dann ab in die ­Zukunft.

Tatsächlich fordere man klassische Krimimuster von den Radiosendern nicht mehr so stark ein wie in den ersten Jahren, während die regionale Verortung ein wichtiger Aspekt bleibe, erklärt Radioredakteur Ekkehard Sko­ruppa, der das Format vor zwölf Jahren erfunden hat. Die Idee dazu war naheliegend. Schon der verstorbene «Tatort»-Gründer Gunther Witte hatte sich Ende der 1960er-Jahre von einem Radiokriminalspiel zur Fernsehkult­serie inspirieren lassen. Wer den Radio-«Tatort» hört, kehrt also auch ein wenig zu den Wurzeln des Fernseh-«Tatorts» zurück.

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