Marco Jencarelli sitzt in einem der neuen Studioräume seiner «Soundfarm» in Kriens und testet einen restaurierten Fender-Verstärker Jahrgang 1968. Der Klang kommt klar und durchdringend, aber trotzdem nicht «clean». Der Gitarrist ist hingerissen, der Sound beflügelt ihn. Nahtlos wechselt er zwischen Akkord- und Singlenote-Spiel, legt ein paar feine Blues-Soli hin, dehnt mit Feeling die Saiten. Ein kurzer Soundcheck, ein geiler Gitarrist.

Der 46-jährige Jencarelli ist der musikalische Direktor der Band von Bluesmusiker Philipp Fankhauser, und zum zweiten Mal ist er in diesem Jahr für den Swiss Blues Award nominiert und hat bei der Verleihung am 11. April am Bluesfestival Basel beste Chancen auf den Gewinn des Awards. Doch zunächst ist er mit Fankhauser auf grosser Tour. Die Band hat ihr neues Repertoire intus. Schliesslich haben sie die Songs während dreier Wochen gemeinsam entwickelt und intensiv geprobt, bevor sie das Album im Sommer 2017 in den legendären Malaco-Studios in Jackson/Mississippi aufnahmen.

Idole Albert Collins und Jeff Beck

Marco Jencarelli ist ein Blues-Kind der 1980er-Jahre, wo Gitarristen wie Stevie Ray Vaughan, Robert Cray oder auch Gary Moore ein Blues-Revival einläuteten. «Als ich zum ersten Mal Stevie Ray Vaughan hörte, dachte ich: That’s the shit, nichts anderes!» Damals begann er, die Bluesgeschichte nach rückwärts zu verfolgen, und stiess auf grosse Bluesgitarristen wie Albert King, Albert Collins, B.B. King oder Freddie King. «Inzwischen bin ich bei Bluesern wie Charlie Patton oder Tampa Red angelangt», sagt er. Den Vertretern des archaischen Country-Blues.

Am meisten beeindruckt ihn Albert Collins (1932–1993). Er hatte die Gitarre locker um eine Schulter gehängt, spielte nur auf den obersten Bünden und alles mit dem Daumen. «Du kannst ihm zuschauen und begreifst trotzdem nicht, wie er es macht, dass er so tönt.» Sein definitiver Lieblingsgitarrist aber ist Jeff Beck: «Du hörst einen Ton und weisst, es ist Jeff Beck, und er klingt anders als alle anderen.»

Er habe kein superfundiertes Wissen über den Blues und setze sich auch nicht besessen mit den alten Spielweisen auseinander, sagt Jencarelli. «Aber der Blues ist für mich absolut zentral. Die blauen Töne, das blaue Lebensgefühl, das prägt mich musikalisch.» Die Phrasierung, das Feeling und die Art und Weise, wie Jencarelli spielt, all das ist vom Blues durchtränkt. Selbst dann, wenn er als Gitarrist gelegentlich in einem anderen stilistischen Kontext zu hören ist.

Kein Wunder, dass er in der Band von Philipp Fankhauser landete. Die Chemie stimmt, die Musiker können einander blind vertrauen. «Mit siebzig bis hundert Gigs im Jahr können wir wirklich viel spielen. Das ist wertvoll. Ob vor, während oder nach einem Konzert: Ich spüre eine grosse Selbstverständlichkeit, die sehr entspannend wirkt.» Der Gitarrist hält kurz inne und meint dann mit einem Lächeln: «Inzwischen weiss ich gar nicht mehr, ob ich überhaupt je noch in einer anderen Band würde spielen wollen.»

In seiner Rolle als Musical Director trägt Jencarelli auch die Verantwortung, wie die Musik auf der Bühne daherkommt, wie dynamisch sie wirkt. In den teilweise recht offen angelegten Songs gibt er die Einsätze. Bei Jencarelli laufen auch die musikalischen und persönlichen Befindlichkeiten zwischen Fankhauser und der Band zusammen. «Ich kann Philipp am besten lesen, da ich schon seit 25 Jahren mit ihm spiele. Ich sorge dafür, dass das, was er will, auf der Bühne auch passiert.»

Daneben fördert er junge Musiker wie den Blues-Gitarristen Dominic Schoemaker. Wie ernst er diese Arbeit nimmt, macht er in seinem Studio Soundfarm deutlich, das in den letzten Monaten umfassend aus- und umgebaut wurde. Vier Produzenten werden dort in eigenen Regieräumen selbstständig arbeiten (neben Jencarelli, Anna Murphy, Tobi Gmür und Patrick Zosso).

Dazu sollen mit der Zeit sieben bis acht weitere Sound-Engineers und Produzenten stossen. Das Studio ist den Bedürfnissen der Zeit angepasst: grösser und offener. Es ist eine Art Pool oder Plattform. «Der grössere Teil des Equipments ist mobil. Wer mit seiner Musik auf dem Laptop vorbeikommt, kann schon zehn Minuten später loslegen und in einem professionellen Rahmen und toller Akustik sein Werk produzieren.»

Bald gibt es Hip-Hop aus Zug

Jencarelli hat die Alben von One Lucky Sperm, Tobi Gmür und dem Jodelterzett Engiadina produziert. Auch die Debüts von 2Henning und Intoxica sind hier entstanden. Zurzeit arbeitet er am neuen Album von 7 Dollar Taxi sowie an der ersten Scheibe der Zuger Band Weibello. Jencarelli, der Blueser, schwärmt. «Das ist Hip-Hop, live mit Keyboard, Perkussion, Gitarre und Schlagzeug eingespielt, ohne Maschinen. Das ist spektakulär.» Man darf sich freuen.