Literatur

Das harte Los der Künstlerin

Autorin Siri Hustvedt (60) gehört zu den wichtigsten Stimmen der gegenwärtigen amerikanischen Literatur. Serge Picard/Agence VU/Keystone

Autorin Siri Hustvedt (60) gehört zu den wichtigsten Stimmen der gegenwärtigen amerikanischen Literatur. Serge Picard/Agence VU/Keystone

Die Protagonistin im Roman von US-Autorin Siri Hustvedt scheitert als Frau – aber als Mann startet sie durch

Siri Hustvedt hat einen Künstlerroman geschrieben, dessen Hauptkonflikt sich darin zeigt, dass das Wort Künstlerinnenroman gar nicht existiert: Harriet Burden heisst ihre Protagonistin, eine fiktive bildende Künstlerin, die Teile ihres eigenen Werks als von Männern geschaffenes ausgibt. Der Geschlechterwechsel bringt ihren Installationen dann die erhoffte Aufmerksamkeit.

Harriet Burden ist die Witwe eines einflussreichen New Yorker Galeristen und beginnt ihr Kunstwerk in den Siebzigerjahren. Als ihre beiden Kinder aus dem Haus sind und ihr Mann plötzlich stirbt, fängt für sie ein Leben jenseits des Üblichen an. Siri Hustvedt erzählt das Leben dieser Frau nicht plan nach, sondern tut so, als würde eine Professorin für Ästhetik nach deren Tod einen Band über Harriet Burden herausgeben, der nicht nur ihre Notizbücher wiedergibt, sondern auch Interviews, Rezensionen, Aussagen der Kinder, Berichte von Freunden und der männlichen Künstler: Lesarten eines Lebens. All das versieht die Professorin mit vielen Fussnoten, die auf wissenschaftliche Werke, weiterführende Literatur zum Thema und anderes verweisen, einmal auch auf einen Roman von Siri Hustvedt selbst, die als obskure Schriftstellerin Erwähnung findet.

Intime Kennerin der Kunstszene

Aus all dem ergibt sich ein wahrhaft vielstimmiger Roman, der ganz unterschiedliche Textsorten kombiniert. Man merkt ihm die Freude an, die Siri Hustvedt bei seiner Erschaffung gehabt haben dürfte. Längst gehört die Autorin, die im Februar ihren 60. Geburtstag gefeiert hat, zu den wichtigsten Stimmen der gegenwärtigen amerikanischen Literatur. In ihrem neuen Roman geht es ihr um die Rolle der Frau wie um die Kunst, um das Leben wie um die Liebe. All die grossen Themen, mit denen sie sich auch in ihren Essays immer wieder auseinandersetzt, ausdrücklich empfohlen sei an dieser Stelle ihr jüngster Essayband «Leben, Denken, Schauen».

Wahrnehmung und Erinnerung sind zwei Fährten ihres Werks. In «Die gleissende Welt» schreibt sie über die Tücken der Erinnerung, die verschiedenen Versionen der Wirklichkeit generieren. Lustvoll spielt die Autorin dabei mit Realitäten und Fiktionen. Von ausgedachten Künstlern ist ebenso die Rede wie von tatsächlichen.

Wie schon in ihrem grandiosen Roman «Was ich liebte» zeigt sich Hustvedt auch in ihrem neuesten Werk als intime Kennerin der Kunstszene, ihren Mechanismen und Täuschungen. Minuziös beschreibt sie einzelne Werke, beäugt die Leute, die sich bei Vernissagen blicken lassen, und kalkuliert die Aufgeregtheiten der Kunstszene neu durch.

Sexismus in der Kultur

Harriet Burdens Leben als Frau steht dabei im Mittelpunkt. Nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Liebe erlebt diese eigenartige Frau ihr Ungenügen. Ihrem Mann konnte sie nicht den männlichen Liebhaber bieten, nach dem er gierte, und ihre Kunst verkauft sich erst, als sie exzentrische Männer als deren Urheber ausgibt.

Dabei bewegt sich der Roman immer auf der Höhe gegenwärtiger Diskurse und entspinnt ein kunstvolles Geflecht aus Querverweisen. Die Überlegungen zur Kunstrezeption spiegeln auch ihr eigenes Werk und rufen beim Leser manche Frage hervor: Lesen wir den Roman so und nicht anders, weil wir wissen, Siri Hustvedt hat ihn geschrieben? Was würden wir darüber denken, wenn wir nicht wüssten, wer ihn geschrieben hat? Würden wie ihn anders beurteilen, wenn Paul Auster, Hustvedts Ehemann, ihn verfasst hätte?

Lustigerweise operiert Hustvedt, die einen ganz anderen Stil pflegt als ihr Mann, in ihrem neuen Buch mit vielen Auster-Motiven und -Manierismen. Doch so genial und ausgefuchst die Konstruktion ihres Buches ist, so erschöpfend käut der Roman doch dieselbe, zweifellos richtige These über den Sexismus in der Kultur, besonders in der Kunstwelt wieder. Das ergibt sich freilich auch aus dem Umstand, dass sich unterschiedliche Figuren zu den gleichen Ereignissen zu Wort melden, wohlgemerkt alle in ihrem ganz eigenen Tonfall. Dabei beschreibt Hustvedt das Leben der Harriet Burden, die ihre Last schon im Nachnamen trägt, in all seiner Drastik und lotet seelische Schmerzen bis in feinste Verästelungen aus. Als Künstlerin bleibt diese Frau trotzdem merkwürdig undeutlich, als Liebende indes gerät sie zur unvergesslichen Figur.

Siri Hustvedt - Die gleissende Welt.
Roman. Aus dem 
Englischen von Uli Aumüller. Rowohlt-Verlag, 490 Seiten, Fr. 32.90.

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