Ist Lana Del Rey eine Song-Diebin? Die britische Band Radiohead wirft ihr vor, ihren Hit «Creep» von 1993 kopiert zu haben. Doch wann hört Inspiration auf und beginnt der Diebstahl, das Plagiat? Gibt es heute überhaupt noch Komponisten, die ohne äusseren Einfluss arbeiten und das Unerhörte erfinden können?

Inspiration und Reproduktion gehören zur Entwicklung der Musik. Es ist ein wichtiger Antrieb der Kunst. Selbst das, was wir als Innovation betrachten, ist stets in einem Entwicklungsprozess zu sehen. In der klassischen Musik war die Adaption von Musik nicht nur erlaubt, sondern auch üblich.

Vor allem im Barock wurde eifrig variiert, kopiert, abgekupfert und parodiert. So etwas wie Tantiemen gab es nicht. Johann Sebastian Bach selbst war auch ein Meister der Parodie. Umgekehrt hat Ozzy Osbourne den Kirchenmusiker Erfinder des Hardrock genannt. Alle haben irgendwie alle beeinflusst – über Jahrhunderte und über Genres hinweg.

Niemanden hats gestört

Auch im Jazz. Hier dienten bestehende Akkordfolgen als Grundlage für neue Stücke. Selbst der Erneuerer Charlie Parker verwendete für seine Kompositionen häufig Harmonien von bestehenden Jazz-Standards wie «I Got Rhythm» von George Gershwin oder «What Is This Thing Called Love» von Cole Porter. Das war üblich. Erst recht im Blues, wo die Form des 12-taktigen Blues sogar bis heute stilbildend ist.

Prägende Rockbands wie die Rolling Stones oder Led Zeppelin haben sich bei den alten Bluesmusikern bedient. Niemanden hats gestört, niemand hat prozessiert. Weniger Glück hatte Gary Moore mit seinem Hit «Still Got The Blues». Er wurde als Plagiator verurteilt und musste tief in die Taschen greifen. Ein umstrittenes Urteil.

Die aktuelle internationale Popmusik bedient sich überall und in allen Epochen. Sie baut auf klare, einfache und vertraute Strukturen und tendiert damit zur Gleichförmigkeit und radiophilen Durchhörbarkeit. Wiedererkennung und emotionale Vertrautheit gelten gar als Erfolgsmuster. Umso schwieriger die Überführung eines Plagiators.

Polo war ein eifriger Klauer

Ein raffinierter Song-Klauer war Polo Hofer. Wie kein anderer bediente er sich aus dem riesigen Schatz der Musik der amerikanischen Südstaaten. Als sein Hit «Kiosk» als «Dixie Chicken» von Little Feat enttarnt wurde, sagte er den legendären Spruch: «Besser genial stehlen als schlecht komponieren.»

Wann ist ein Song geklaut? «Wenn man einen erkennbaren, urheberrechtlich geschützten Teil eines fremden Liedes übernimmt und nicht erwähnt, dass es von einem anderen komponiert wurde», sagt die Schweizer Musik-Verwertungsgesellschaft Suisa. Doch was heisst «erkennbar»?

Für die Suisa ist die «Melodie der wichtigste Bestandteil» zur Erkennung eines Plagiats. Doch gerade im heutigen Pop kann auch eine Akkordfolge, ein Beat oder ein Sound einen Song definieren. «Harmoniefolgen sind nicht geschützt», sagt dagegen Poto Wegener, Direktor von Swissperform, der schon in seiner Dissertation «Sound Sampling» (2006) darauf hinwies, dass «Sounds und Beats» in Urheberrechtsfragen vernachlässigt würden.

Der Grat zwischen Inspiration und Ideenklau ist schmal. Im Pop und erst recht in der Werbung. Sie schreitet dort ganz bewusst und arbeitet mit sogenannten «Soundalikes». Das sind Stücke, die sich möglichst nah an einen bekannten Song anlehnen, beim Hörer Emotionen und Erinnerungen wecken sollen, ohne justiziabel zu werden.

Bei Lana Del Ray und ihrem Song «Get Free» scheint der Fall allerdings klar. Für Poto Wegener sind «Creep» von Radiohead und «Get Free» «sehr ähnlich». Während sich die jeweiligen B-Teile unterscheiden, seien die Melodielinien der beiden A-Teile «weitgehend identisch». Sogar die Harmoniefolge ist gleich. Kann das Zufall sein? Lana del Rey behauptet es. Sie habe den Song «Creep» nicht gekannt.

Unabhängig voneinander gleich?

Tatsächlich kennt das Urheberrecht die Doppelschöpfung, also Werke von Künstlern, die unabhängig voneinander zum gleichen Ergebnis gekommen sind. Doch der Künstler des jüngeren Werkes muss seine Unkenntnis plausibel machen können.

Das ist im Fall einer professionellen Musikerin wie Lana Del Rey, die mit einem Heer von Produzenten zusammenarbeitet, nur schwer nachvollziehbar. Erst recht im digitalen Zeitalter, wo alles verfügbar und vergleichbar ist. Die Sängerin hat schlechte Karten.

Wegener hat berechnet, dass es theoretisch nur schon innerhalb eines Taktes 549 755 813 888 melodische Kombinationsmöglichkeiten gibt. Dass Del Rey in einer ganzen Strophe auf dieselbe Melodielinie kommt, ist also höchst unwahrscheinlich.

Radiohead will nicht Klagen, behält aber den Plagiatsvorwurf aufrecht. Denkbar ist also eine aussergerichtliche Einigung wie schon bei DJ Bobo. Er hatte seinen Song «Somebody Dance With Me» bei «Somebody’s Watchin Me» abgekupfert und einigte sich mit dem Urheber Rockwell auf eine einmalige Zahlung. Es war trotzdem der Startschuss für seine Karriere.

Aber auch die ganz Grossen des Popzirkus beteiligten sich am grossen Wettklauen. Coldplay entschädigten den Gitarristen Joe Satriani für «Viva la Vida» und selbst Michael Jackson (für «Will you Be There») und George Harrison («My Sweet Lord»). Vorbestraft sind aber auch Madonna («Frozen»), Pharrell Williams und Robin Thicke («Blurred Lines») und Jay-Z, der ungefragt ein Sample des Schweizer Jazzmusikers Bruno Spoerri benutzte. Lana Del Rey kann sich also trösten. Sie ist in bester Gesellschaft.