Literatur

Das erste romantische Kindermärchen der Geschichte

Seit 200 Jahre verzaubert die Geschichte des Nussknackers Gross und Klein. Illustration von Lisbeth Zwerger aus der Neuausgabe des «Nussknackers».

Seit 200 Jahre verzaubert die Geschichte des Nussknackers Gross und Klein. Illustration von Lisbeth Zwerger aus der Neuausgabe des «Nussknackers».

Vor genau 200 Jahren erschien mit «Nussknacker und Mausekönig» das erste romantische Kindermärchen.

Der kleine Kerl feiert an Weihnachten Geburtstag. Vor genau 200 Jahren blinzelte er zum ersten Mal unter den Zweigen des Weihnachtsbaums hervor. Nein, die Rede ist natürlich nicht vom Christkind. Denn in Sachen Pausbacken und Goldlocken zieht dieses Geburtstagskind eindeutig den Kürzeren: Gross sind seine Glupschaugen, gross auch die Zähne.

Das muss so sein. Ist ihre Aufgabe doch, Nuss um Nuss zu knacken. Denn beim «knackigen» Kerl handelt es sich um niemand anders als «Nussknacker» aus dem gleichnamigen Märchen von E. T. A. Hoffmann. Auch gegen Nussknackers «Wuchs», so sein Schöpfer, «wäre freilich vieles einzuwenden»: zu lang der Oberkörper, zu mickrig die Beine, zu klobig der Kopf. Der erste Augenschein mit dem hölzernen Helden weckt also nicht eben überschäumende Begeisterung.

Ausser bei der kleinen Protagonistin Marie, dem mittleren Geschwisterkind im Haus Stahlbaum: Sie empfindet von Anfang an zärtliche Gefühle für «Nussknackerchen», wie sie ihn nennt. Als ahnte sie, dass unter dessen grober Oberfläche ein Märchenprinz schlummert. Tatsächlich war das Holzmännchen einst ein ansehnlicher Jüngling. Seine markante Physiognomie erhielt er erst durch einen «mäusischen» Fluch – auf dass nur die aufrichtige Liebe eines Mädchens ihn erlöse.

Kriegerischer Aspekt verblasst

All das gehört zur Geschichte des berühmten Weihnachtsmärchens, das 1816 als «Nussknacker und Mäusekönig» in Druck ging. Auch die Wettkampf-Struktur à la «Portugal - Frankreich», die der Titel nahelegt, ist gerechtfertigt. Im Originalmärchen geht es ausgesprochen militärisch zu und her – die zeitgenössische Presse lobte denn auch E. T. A. Hoffmanns «Feldherrntalent», wenn dieser «die gewaltige Schlacht» beschreibt zwischen den malefizenten Mäusen und Nussknackers Heer. Erst die 200-jährige Geschichte hat den Mäusekönig fast ganz aus dem Titel des Märchens gewaschen – und mit ihm den kriegerischen Aspekt.

Eine steile Karriere hat der «knackige» Kerl trotzdem zurückgelegt: Komponist Peter Tschaikowsky begeisterte sich als erklärter Weihnachtsfan für den Stoff. Denn auch in Tschaikowskys Elternhaus wurde opulent gefeiert: Nach dem Diner öffnete sich die Tür zum Weihnachtszimmer, hell erleuchtet prangte da der Baum, und die Tschaikowsky-Kinder tanzten ausgelassen eine Polonaise um ihn herum. Nur dass die sogenannten Kinder bereits allesamt zwischen 50 und 60 Jahre zählten. «Die spinnen, die Tschaikowskys», würde mancher dazu sagen. Trotzdem: Der Komponist hatte eine Nase für Weihnachtsthemen, auch seine Vertonung des «Nussknackers» mauserte sich zum Weihnachtshit und so hölzern E. T. A. Hoffmanns Held auch sein mochte – in Sachen Beliebtheit war er ganz und gar nicht auf dem Holzweg.

Vielleicht ist es dieses Schillern zwischen Kind-Sein und Erwachsenenwelt, das nicht nur die Tschaikowskys um den Baum hopsen liess, sondern auch dem Nussknacker zu seiner Beliebtheit verhalf. Als Holzpuppe steht er zwar mit einem Bein in der Kinderwelt – als Erwählter von Marie jedoch mit dem anderen in der Welt der Erwachsenen.

Literarisch zu schillern war ohnehin eine Kunst, auf die sich E. T. A. Hoffmann meisterhaft verstand. Kein Wunder, galt er als einer der bekanntesten und fantasievollsten Märchenautoren. Sein «Sandmann» liess mit dunkler Alchemie die Bürgerfräuleins gruseln und das Märchen von der täuschend echten Puppe Olympia manchen jungen Mann die Auserwählte argwöhnischer beäugen – ob sie wirklich aus Fleisch und Blut sei. Doch Hoffmanns Märchen richteten sich allesamt an Erwachsene. Nicht aus Ignoranz – erst 50 Jahre zuvor hatte Philosoph Rousseau «entdeckt», dass die Kindheit eine eigene Lebensphase ist – und nicht bloss das Raupenstadium vor dem Erwachsensein.

Eigens für Kinder – egal wie alte

Und dann kam Weihnachten 1816 – und mit ihm der «Nussknacker», in dem E. T. A. Hoffmann schreibt: «Ich wende mich an dich selbst, sehr geneigter Leser oder Zuhörer Fritz – Theodor – Ernst – oder wie du heissen magst und bitte dich, dass du dir deinen letzten mit schönen bunten Gaben reich geschmückten Weihnachtstisch recht lebhaft vor Augen bringen mögest!» Kein Zweifel, dass der «sehr geneigte Leser oder Zuhörer» kaum grösser als dreikäsehoch war.

War es eine Laune? Ein Geschenk an die Kinder seines Freundes Hitzig, nach denen die kleinen Helden Marie und Fritz geformt sind? Jedenfalls schrieb E. T. A. Hoffmann dieses Märchen eigens für Kinder. Deshalb spielt es auch unverkennbar in der Alltagsrealität der Bürgerkinder. Eine absolute Besonderheit Anfang des 18. Jahrhunderts! Der Sammelband «Kinder-Mährchen», worin «Nussknacker und Mausekönig» im Erstdruck erschien, als die erste Märchen-Sammlung für Kinder. Und noch 200 Jahre später knackt der hölzerne Held unablässig die Herzen der Kinder – ganz egal, wie alt diese sein mögen.

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