Interview

Das erste Interview mit dem Ehepaar Lewinsky: «Wir waren beide kindlich jung und hatten schon so früh Torschlusspanik»

Seit 54 Jahren verheiratet: Charles und Ruth Lewinsky.

Seit 54 Jahren verheiratet: Charles und Ruth Lewinsky.

Bestsellerautor Charles Lewinsky hat mit seiner Frau, der Grafikerin Ruth Lewinsky, einen Cartoonband mit witzigen Anekdoten aus dem jüdischen Alltag gestaltet. Sie erzählen, wie sie sich 1965 kennen gelernt haben, wie sie als Juden in der Schweiz leben und was typischer jüdischer Humor ist.

Für Interviews und viele andere Gespräche bittet Charles Lewinsky jeweils ins Kafi Paradiesli, sein Lieblingscafé in Zürich-Hottingen. Das charmante, winzige Café mit überwachsenem Garten liegt bei ihm gleich um die Ecke. Es ist wie ein erweitertes Wohnzimmer. Wenn er nicht gerade in seinem Haus in Frankreich an Büchern, Artikeln oder Bühnenprogrammen schreibt, ist er hier oft zu Gast. Seinen Latte Macchiato bekommt er denn auch ohne Bestellung auf den Tisch. Ruth Lewinsky steht nicht gerne im Rampenlicht. Für das Gespräch über das gemeinsame Buch mit ihrem Mann macht sie eine Ausnahme. Es wird ein persönliches und humorvolles Gespräch, in welchem auch einige Witze über den Tisch fliegen.

© CH Media

Sie sind schon 50 Jahre verheiratet. Wo haben Sie sich kennen gelernt?

Charles Lewinsky: Auf einem Ball des ostjüdischen Frauenvereins Zürich, wo man mich überzeugten Nichttänzer 1965 hingeschleppt hatte. Einziger Zweck war es, dass sich die Jungen kennen lernen und nicht ausserhalb der jüdischen Gemeinde heiraten. Bei uns hat es funktioniert.

Also keine arrangierte Ehe.

Charles Lewinsky: Nein, nein, nein, nein. Das ist eine superorthodoxe Untergruppe, in der Ehen arrangiert werden.

In einigen Cartoons machen Sie sich lustig über arrangierte Ehen.

Charles Lewinsky: Das ist auch eine komische Situation. Mir ist ein Vater in Erinnerung, der sich fortschrittlich fühlte, wenn er sagte, die beiden Vermählten dürften sich vor der arrangierten Heirat kennen lernen.

Sie, Herr Lewinsky, sind in einem orthodoxen Milieu aufgewachsen.

Charles Lewinsky: Es gibt viele Abstufungen zwischen orthodox und superorthodox und fanatisch orthodox. In meiner Generation war es in meinem Milieu nicht üblich, Ehen zu arrangieren. Später aber wurden viele Familien noch orthodoxer, und die arrangierten Ehen wurden üblich.

Wie war das in Ihrer Familie, Frau Lewinsky?

Ruth Lewinsky: In meiner Familie waren arrangierte Ehen auch nicht üblich. Ich hatte schon als junge Frau viele der Regeln nicht mehr gekannt. Da bin ich mal am Samstag bei meiner Grossmutter vor der Türe gestanden und wusste nicht, wie ich ins Haus komme. Am Sabbath darf man eigentlich nicht klingeln. Aber zu diesem Ball ging ich aus eigenem Antrieb. Ich dachte damals schon, ich würde keinen Mann mehr finden.

Sie waren aber doch erst 21 Jahre alt.

Charles Lewinsky: Wir waren beide kindlich jung und hatten schon so früh Torschlusspanik.

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War Ihr Mann schon beim Kennenlernen ein Witzeerzähler?

Ruth Lewinsky: Er war schon der Unterhalter. Ich war eher still, das hat sich mit den Jahren durch das Zusammenleben mit Charles verändert. Heute habe ich das Gefühl, ich sei ein Schnorri geworden.

Nun haben Sie zusammen ein Buch mit witzigen Cartoons herausgegeben.

Charles Lewinsky: Das sind doch gar keine Witze, sondern relativ sachliche Beschreibungen. Da ist viel Philosophie drin und viel Realität.

Was ist Ihr Lieblingscartoon, Frau Lewinsky?

Ruth Lewinsky: Folgender: Im Apfel denkt der Wurm, er sei im Paradies. Das ist aber gar kein Witz, sondern Philosophie. Ich könnte mir diesen Satz gut auch vorstellen vom Dalai Lama.

Charles Lewinsky: Einen klassisch jüdischen Witz hat es in diesem Buch. Sagt ein Jude, er lasse die Türe immer offen, damit die Einbrecher denken, er sei zu Hause. Dann wird trotzdem eingebrochen und er sagt dazu: Die Goyim, die Nichtjuden, können einfach nicht logisch denken! Diesen Witz gibt es schon lange, den haben wir nicht erfunden. Er übertreibt das im Talmud angelegte komplizierte logische Denken ins Absurde.

Lachen die orthodoxen Juden auch über diese Cartoons?

Charles Lewinsky: Es kann nichts passieren. Jenen, die es lesen, wird das Buch gefallen. Wer beleidigt wäre, liest solche Bücher nicht.

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In den Cartoons nehmen Sie religiöse Vorschriften, Lesesucht, Kinderreichtum, koscheres Essen aufs Korn. Zuerst erschienen die Cartoons in der jüdischen Zeitschrift «Tachles».

Charles Lewinsky: Ja, ursprünglich sind diese Cartoons als Auftragsarbeiten entstanden. Aber da drin hat es nirgends böse Pointen.

Diese Cartoons haben einen sanften Humor, sind liebenswürdige Satiren.

Charles Lewinsky: Wir haben ja auch niemanden angegriffen. Was für nichtjüdische Leser satirische Kritik scheint, sind für jüdische Leser alltägliche Selbstverständlichkeiten. Deshalb sind das ja auch keine Witze, sondern eben realistische Alltagsszenen. Darüber kann man problemlos lachen.

Wie ist Ihre Zusammenarbeit für diese Cartoons entstanden?

Charles Lewinsky: Es war eine Familienintrige. Ich gehe oft nach Frankreich zum Schreiben und hatte den Eindruck, meine Frau begleite mich zu selten. Dann besprach ich mit der Zeitschrift «Tachles» diese Serie und sagte meiner Frau, sie müsse nach Frankreich kommen, um daran mitzuarbeiten.

Und zeichnen kann Ihr Mann nicht.

Ruth Lewinsky: Das kann nicht jeder, es braucht uns beide. Manchmal arbeitete ich sehr lange daran, die Cartoons so minimalistisch wie möglich zu zeichnen. Ich wollte mit so wenigen Strichen wie möglich die Stimmung, die Gestik, die Gefühle zum Ausdruck bringen.

Warum kommen Frauen in diesen Cartoons nie zu Wort?

Charles Lewinsky: Es gibt viele Bücher mit Witzen über die jüdische Mamme. Wir haben uns einfach diese Konstellation ausgesucht: Treffen sich zwei orthodoxe Juden mit den grossen Hüten und den langen Bärten.

Ruth Lewinsky: Es hat auch gestalterische Gründe. Wir wollten uns optisch auf diese Figuren konzentrieren.

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Legen die Bücher mit der jüdischen Mamme, die doch oft weise und lebenstüchtig ist, einen anderen humoristischen Schwerpunkt?

Charles Lewinsky: Ja. Am besten veranschaulicht man das mit folgendem Witz: Was ist der Unterschied zwischen einem Terroristen und einer jüdischen Mamma? Antwort: Mit dem Terroristen kann man verhandeln.

Da schluckt man aber leer.

Charles Lewinsky: Im jüdischen Haushalt ist die Mutter die dominante Figur. So nach dem Motto, der Mann entscheidet die wichtigen Sachen, etwa wer amerikanischer Präsident wird oder wer die Fussballweltmeisterschaft gewinnt. Die Frau entscheidet die sogenannt unwichtigen Sachen wie etwa, wohin man in den Urlaub fährt, in welche Wohnung man zieht. Er darf den Patriarchen spielen, aber die eigentliche Macht hat die Frau. Darum die überbehütende Helikoptermutter als Kernbild der jüdischen Frau.

Es hat ein hübsches Beispiel im Buch, wo ein Mann sagt, seine Frau tue alles, was er wolle. Und was willst Du, fragt der andere. Worauf der antwortet: Frag meine Frau. Der Witz mit dem Terroristen und der Mamma kommt in Ihrem Buch aber gerade nicht vor.

Charles Lewinsky: Der würde da auch nicht hineinpassen. Wenn solche Cartoons in einer katholischen Zeitschrift veröffentlichen würden, käme auch kein Witz vor über Jesus am Kreuz. Das wäre unpassend.

Einmal fällt in einem Cartoon das Wort Pogrom, sonst meiden Sie Reizthemen wie Krieg, Holocaust, Hitler oder auch Palästinenser.

Charles Lewinsky: Das erinnert mich an Kritiken zu meinem Roman «Melnitz». Mir wurde vorgeworfen, das Buch thematisiere den Holocaust nicht. Dabei endet die Geschichte vorher. Ich wollte bewusst einen Roman mit einer jüdischen Familiengeschichte schreiben, in dem für einmal der Holocaust nicht vorkommt. Das wurde mir aber übel genommen. Vielleicht kann man da mit Karl Kraus sagen, zu Hitler fällt mir nichts ein.

Sie kennen sicher den verzweifelten Witz zweier jüdischer Emigranten in New York, wo der eine entsetzt beim Besuch feststellt, dass der andere ein Hitlerbild an der Wand hängen hat. Worauf dieser entgegnet, das sei gut gegen Heimweh.

Ruth Lewinsky: Man könnte ein ganzes Buch mit Emigrantenwitzen machen. Nur war das für uns nicht das Thema. Wir wollten augenzwinkernd auf den jüdischen Alltag, auf das jüdische Leben schauen.

Man hört oft, der jüdische Witz sei die Notwehr eines unterdrückten Volkes. Humor als Selbstverteidigung. In einem Ihrer Cartoons behauptet einer, Goethe sei Jude gewesen. Das stimme zwar nicht, ärgere aber die Antisemiten.

Charles Lewinsky: Der Antisemitismus kommt in unserem Band nicht in seiner gefährlichen Variante vor. Sondern als etwas Alltägliches, wo man noch mit einer Pointe dagegen ankommt.

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Was ist aus Ihrer Sicht charakteristisch für den jüdischen Humor?

Charles Lewinsky: Der jüdische Humor unterscheidet sich nicht prinzipiell vom Humor anderer Kulturen, aber es ist der typische Humor einer unterdrückten Untergruppe, die sich nicht mit Muskeln und Waffen wehren kann, sondern sich deshalb mit Humor wehrt.

Es gibt die wunderbare Anekdote über den Kabarettisten Werner Finck, der in den Dreissigerjahren in Berlin bei einem Auftritt einen Gestapo in Zivil im Publikum erkannte. Und zu diesem mit genialer Doppeldeutigkeit sagte: Rede ich zu schnell? Soll ich langsamer sprechen, damit Sie mitkommen? Oder soll ich mitkommen?

Charles Lewinsky: Ja, ein brillanter Mann. Nachdem die Nazis ihn wieder einmal aus der Zensur entlassen hatten, sagte er mit einem gefährlichen Wortspiel auf der Bühne: Gestern waren wir zu, heute sind wir offen. Sind wir heute zu offen, sind wir morgen wieder zu. Dass er die Nazizeit überlebt hat, ist ein Wunder.

Die Sicherheit ist derzeit wieder ein Thema für die jüdischen Gemeinden. In unseren Nachbarländern steht vor jedem Gemeindelokal und jeder Synagoge ein Polizist. Wie ist die Situation in der Schweiz?

Charles Lewinsky: Hier weigert sich der Staat, die Sicherheit zu finanzieren, was doch seine Aufgabe wäre. In Österreich käme der Staat sicher nicht auf den Gedanken, der jüdischen Gemeinde eine Rechnung zu schicken. Jedes Mitglied der jüdischen Gemeinde in Zürich zahlt einen grossen Teil seiner Gemeindesteuern nur für die Sicherheit. In der Schweiz ist es wirklich übel. Da rät eine vorberatende Kommission dem Bundesrat, die jüdischen Gemeinden sollten ihre Sicherheit durch eine eigene Stiftung finanzieren.

Sie selber bezeichnen sich als liberale Juden. Was heisst das im konkreten Alltag? In einem Cartoon lacht man ja über eine Frau, die drei Sorten Geschirr hat: für Milchiges, Fleischiges und Verbranntes.

Charles Lewinsky: Als Knabe bin ich in dieser Welt aufgewachsen. Deshalb kenne ich sie sehr gut. Aber heute ist sie mir fremd.

Ruth Lewinsky: Meine Eltern waren nicht fromm. Und trotzdem hatten wir zwei verschiedene Sorten Geschirrtücher, rote für Fleischspeisen, blaue für Milchspeisen.

Wann lacht Charles Lewinsky über sich selbst?

Charles Lewinsky: Wenn ich mich dabei ertappe, dass ich mich zu ernst genommen habe. Aber zum Glück habe ich meine Frau, die mich dann wieder auf den Boden zurückholt.

In Ihren Büchern gibt es aber doch viel Wertvolles zu entdecken, das man nicht genug betonen kann.

Charles Lewinsky: Mag sein. Nichtjüdische Leser nehmen wohl neben dem Humor aus diesen Cartoons einiges mit an Informationen über eine Gruppe, von der sie wenig wissen. Das ist ein schöner Nebeneffekt, aber wir haben ja kein Lehrbuch des Judentums gemacht.

Im jüdischen Magazin «Tachles» waren diese Cartoons eine selbstironische Sicht auf die eigene Gemeinschaft. Wie kam es später zur Buchveröffentlichung?

Charles Lewinsky: Das ging nicht von uns aus. Jedes Jahr gibt es den europäischen Tag der jüdischen Kultur. Einmal war das Thema Humor. Dazu hat das jüdische Museum in München eine Ausstellung mit diesen Cartoons organisiert. Eine Verlegerin sah diese Bilder, kam auf uns zu und wollte gleich ein Buch machen. Für uns war das eine schöne Überraschung.

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Gehört Ihr Auftritt in der Fernsehsendung «Arena» zur Kategorie «zu ernst genommen»? Da sagten Sie, jener verweigerte Handschlag eines moslemischen Buben gegenüber seiner Lehrerin werde unnötig aufgeblasen. Im orthodoxen Judentum sei das immer so gewesen.

Charles Lewinsky: Diese Handschlag-Geschichte war noch unwichtiger als der Sack Reis, der in China umfällt. Das war nur aus politischen Gründen zum Skandal aufgebläht. Mich ärgerte schon, dass man darüber eine Fernsehsendung macht.

Woody Allen hat mal in seiner Religionsskepsis gewitzelt, gäbe Gott ihm doch nur ein starkes Zeichen, zum Beispiel eine grössere Überweisung auf seinen Namen in einer Schweizer Bank. Finden Sie den lustig oder ärgert Sie das alte Klischee des Juden, der nur ans Geld denkt?

Charles Lewinsky: Auf diese Interpretation bin ich gar nicht gekommen. Die Pointe ist gut. Woody Allen hat die Fähigkeit, grosse Themen mit einer Pointe auf den Boden zu holen. Zum Beispiel: Ich fürchte mich nicht vor dem Tod, ich will nur nicht dabei sein, wenn es passiert. Das ist einfach eine brillante Pointe.

Ein anderer von Woody Allen: Ich will nicht im Kopf meiner Leser weiterleben, sondern in meiner Wohnung.

Charles Lewinsky: Woody Allen hat wunderbare Witze über Religion gemacht. Ein Beispiel: Er habe mal eine Freundin gehabt, das ging aber auseinander. Weil sie Atheistin war, er Agnostiker. Und sie konnten sich nicht einigen, in welcher Religion sie ihre Kinder nicht erziehen wollen.

Charles und Ruth Lewinsky: Kohnversation. Nagel&Kimche, 160 Seiten

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Autor

Hansruedi Kugler

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