«Hallo?», fragt der junge Filmheld nervös. Er erhält keine Antwort, also läuft er weiter durch das scheinbar leere Haus. Er bleibt stehen und blickt langsam um sich. Während das Kinopublikum seine Finger im Sessel verkrallt, steigt das ominöse Gepolter auf der Tonspur kaum merkbar an. Gleich wird etwas Schreckliches passieren.

Die Kamera schwenkt ein wenig nach links und offenbart, dass sich hinter dem Mann irgendetwas befindet. Man blickt durch die vorgehaltene Hand auf die Leinwand, will nicht wissen, was oder wer es ist, aber man schaut trotzdem hin und sieht, dass… Oh, jesses Gott!

Dies ist nur eine von vielen nervenaufreibenden Szenen von «Hereditary», dem bisher furchterregendsten Film des Jahres. In jüngster Zeit hat kaum ein anderer Film die Kinolandschaft so aufgewirbelt wie das Debüt des amerikanischen Jungregisseurs Ari Aster.

Einen Monat nach seiner Premiere in den USA hat der Film bereits das Siebenfache seiner Produktionskosten eingespielt. Die Kritiker überschlagen sich mit Superlativen: «Hereditary» sei ein «modernes Meisterwerk» und Aster der neue Meister des Horrors.

Angst kann auch positiv sein

Fühlen sich Horrorliebhaber von der eingangs beschriebenen Szene gleich angezogen, verzichten andere liebend gerne auf diese Erfahrung. Meisterwerk hin oder her, sie machen einen weiten Bogen um diesen Film und wundern sich über ihre Mitmenschen, die sich freiwillig solchen Qualen aussetzen.

«Der Mensch sucht nach einem Kick, nach etwas, das ihn vitalisiert. Horrorfilme erfüllen diese Funktion», erklärt Psychologe und Psychotherapeut Allan Guggenbühl gegenüber der «Nordwestschweiz».

Doch wieso sucht man sich gerade so einen angsteinflössenden Kick aus? «Angst ist nicht nur etwas, das wir ablehnen. Man redet in diesem Fall von der Angstlust», so Guggenbühl. Unter dem Begriff Angstlust versteht man eine Gefühlslage, die aus einer Mischung von Furcht und Wonne besteht. Bei Horrorfilmen empfindet das Publikum den Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung positiv.

Der Psychologe Guggenbühl sieht in Horrorfilmen einen positiven Indikator. «Wenn die Inhalte der Horrorfilme in fiktiven Geschichten abgehandelt werden, ist es eigentlich ein beruhigendes Zeichen dafür, dass die Menschen in relativ friedlichen Zuständen leben.»

Horror lässt die Kassen klingeln

Der Erfolg von «Hereditary» lässt sich auf weitere Gründe zurückführen. Filmkenner sehen den Horrorfilm von Ari Aster als Bestätigung eines Trends: Horror ist zurück im Geschäft und lässt die Kassen ordentlich klingeln.

Letztes Jahr haben Horrorfilme an den weltweiten Kinokassen über 2,3 Milliarden Dollar eingespielt und das Jahr 2017 somit zum ertragreichsten Jahr in der Geschichte des Horrorfilms gekürt. Allein die Neuverfilmung des Stephen-King-Romans «It» (Regie: Andy Muschietti) hat über 700 Millionen Dollar eingespielt.

In Hollywood liess sich mit Horrorfilmen immer Geld verdienen. Aber die neue Generation erreicht etwas, das ihren Vorgängern oft verwehrt blieb: Sie feiern kritische Erfolge.

In der Filmbranche ist mittlerweile von einer regelrechten Renaissance des Horrorfilms die Rede. Ein Beleg dafür ist «Get Out» (2017). Der Film von US-Regisseur und Schauspieler Jordan Peele entstand mit einem Mini-Budget von 4,5 Millionen Dollar, spielte 255 Millionen ein und gewann sogar einen Oscar für das beste Original-Drehbuch.

Der Erfolg von Horrorfilmen wie «It Follows» (David Robert Mitchell, 2015), «The Witch» (Robert Eggers, 2016) und «A Quiet Place» (John Krasinski, 2018), die wie «Get Out» bei kleinen, unabhängigen Filmstudios entstanden sind, beruht darauf, dass sie mit Horror-Klischees brechen. Also weg vom inflationären Gebrauch der sogenannten jump scares – kurze und heftige Schreckmomente –, weg von halbbatzigen Drehbüchern und eindimensionalen Figuren.

Stattdessen setzen die Independent-Horrorfilme auf originelle Geschichten und glaubhafte Charaktere. Vielen ist gemein, dass sie Themen aufgreifen, die unter den Fingernägeln brennen. «Get Out» richtet zum Beispiel seinen Blick auf den Rassismus in den USA, «A Quiet Place» spricht Ängste des Elterndaseins an.

Triebfeder hinter nahezu jedem dieser Filme sind die zwei unabhängigen Filmproduktionsgesellschaften Blumhouse Productions und A24. Sie beweisen Mut zum Risiko, indem sie vor allem auf junge, talentierte Filmemacher setzen und ihnen Raum zur Entfaltung lassen. Tatsächlich sind viele der Independent-Horrorfilme Erstlingswerke, wie «Hereditary» von Ari Aster.

Drama mit dunklen Abgründen

Am Anfang von Asters Film steht eine Beerdigung. Annie (Toni Collette) hat ihre Mutter Ellen verloren, zu der sie ein schwieriges Verhältnis hatte. Sie hatte zurückgezogen gelebt und sich viel mehr für Annies Tochter (Milly Shapiro) interessiert als für Annie. Mit Ellens Tod gelangen erschreckende Familiengeheimnisse ans Tageslicht, die Annie und ihre Kinder in einen tiefen und dunklen Abgrund stürzen.

Hereditary (2018) offizieller Trailer

Hereditary (2018) offizieller Trailer

Das Erstlingswerk von Regie-Wunderkind Ari Aster gilt als neues Meisterwerk des Horrors.

Wie seine filmischen Seelenverwandten besticht auch «Hereditary» durch eine stilistisch hervorragende Inszenierung und komplexe Figuren. Doch Aster setzt die Messlatte noch ein Stück höher. Das Grauen schlummert bei «Hereditary» stets knapp unter der Oberfläche und schleicht sich subtil an. Aster spielt souverän auf der Klaviatur des Horrors, doch über weite Strecken funktioniert der Film auch als Familiendrama.

Sein Schauspielerensemble brilliert durch einen Mix aus Neuentdeckungen (Milly Shapiro, Alex Wolff) und Veteranen (Gabriel Byrne, Ann Dowd), der von Charakterdarstellerin Toni Collette («The Sixth Sense») angeführt wird. Ihre Tour de Force als trauernde Mutter erschüttert bis ins Mark und empfiehlt Collette als heisse Anwärterin auf den Oscar. «Hereditary» ist der vorläufige Höhepunkt der Independent-Horrorfilme und der endgültige Beweis dafür, dass der Horror zurzeit für die innovativsten Geschichten Hollywoods verantwortlich ist.

Hereditary (USA 2018) 127 Min. Regie: Ari Aster. Jetzt im Kino. ★★★★★