Interview

Coronakrise: «Vielleicht sind Kulturschaffende zu nett»

Live in Concert: Hendrix Cousins Trio im September im Bluus Club Baden.

Live in Concert: Hendrix Cousins Trio im September im Bluus Club Baden.

Der neue Aargauische Kulturverband ist Ansprechpartner für die Politik. Vorstandsmitglied Susanne Slavicek über die Situation bei Kulturbetrieben, Künstlerinnen und Künstlern.

Susanne Slavicek, wann waren Sie das letzte Mal an einem Konzert?

Das war Ende September das Konzert vom Hendrix Cousins Trio im BLUUS CLUB Baden und wir hoffen, im November und Dezember, noch drei Konzerte durchführen zu können mit dem Acoustic BluesTrio, Little Chevy Trio und der Andy Egert Blues Band. Natürlich unter Einhaltung der Coronavorgaben.

Die Vorgaben sind hart. Es trifft vor allem Kulturschaffende. Empfinden Sie sie als ungerecht?

Ich finde nicht, dass man dies als ungerecht bezeichnen kann, aber es ist schwierig, die aktuelle Situation einzuschätzen. Wir sind keine Fachleute und wir wollen dazu beitragen, dass die Pandemie abflacht. Wir haben deshalb strenge Schutzkonzepte erarbeitet. Ansteckungen in Kulturbetrieben sind bis jetzt sehr wenige bekannt. Die Frage ist, ob es wirklich nötig ist, auf 50 Personen zu reduzieren, auch in grossen Häusern. So sind jedenfalls kaum Veranstaltungen ohne finanzielle Verluste möglich. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Kulturbetriebe entschädigt werden.

Die Verunsicherung ist gross.

Ja, besonders da viele Veranstalter vom Kanton noch keine Entschädigungsgelder für den ersten Lockdown erhalten haben. Sie wissen teilweise auch noch nicht, ob und wie viel sie bekommen. Angesichts dieser Situation überlegt man sich natürlich, ob man Veranstaltungen überhaupt durchführen soll.

Aber gemäss der aktuellen Verordnung kriegen sie nichts, wenn sie freiwillig schliessen. Das KIFF, das Nordportal, die Baronessa Bar und andere haben geschlossen. Sie sollten demnach also auch nichts erhalten.

Ja, aber das kann es nicht sein. Im Sinne der Schadensbegrenzung soll es möglich sein, das Haus zu schliessen, um viel grössere Verluste zu vermeiden. Wir als AGKV stehen diesbezüglich in Kontakt mit dem Kanton. Die Sachlage dürfte sich hoffentlich bald klären.

Der Kanton ist in Rückstand mit den Entschädigungsgesuchen. Was bedeutet das für die Kulturschaffenden?

Der Kanton ist sich dieser Situation bewusst und verspricht die Bearbeitung und Auszahlung bis Ende Jahr. Das gibt schon mal etwas Licht im Tunnel. Doch geht es für gewisse Institutionen und Personen auch um die wirtschaftliche Existenz, die Zeit drängt, dies umso mehr, als man heute nicht weiss, wie es weitergehen soll oder ob es überhaupt weitergeht. Es gibt absolut keine Planungssicherheit. Erschwerend dazu kommt, dass der administrative Aufwand bei den Entschädigungsgesuchen riesig ist. Man kämpft sich durch einen Dschungel von Formalitäten. Hier zeigt sich, dass der Kulturbetrieb nicht immer vergleichbar ist mit anderen Betrieben. Der Aufwand, um an diese Entschädigung zu kommen, ist unheimlich gross und steht zumindest bis jetzt in keinem Verhältnis zum Ertrag. Das Prozedere müsste radikal vereinfacht werden. Schnell und unbürokratisch, wie es der Bund am Anfang der Krise versprochen hat und wie es für gewisse Branchen auch angewendet wurde. Das würde auch den kantonalen Behörden entlasten und die Entschädigungen könnten schneller ausbezahlt werden.

Und wie ist die Situation bei den Künstlern?

Auch diese sind natürlich verunsichert und wissen nicht, wie es längerfristig weitergehen soll. Dementsprechend zurückhaltend sind sie mit neuen Projekten. Beim Kuratorium gibt es merklich weniger Eingaben. Man darf auch nicht vergessen, dass die Verunsicherung im Publikum ebenfalls gross ist. Wir haben zwar Schutzkonzepte, aber eine totale Sicherheit gibt es natürlich nicht.

Der AGKV ist am 20.11.2019 gegründet worden. Wieso gibt es erst jetzt einen solchen Verband?

Der Bedarf war schon lange erkannt, doch es braucht zuerst Personen, die die Initiative für so ein grosses Projekt ergreifen. Diese Personen sind nun vorhanden und seit Anfang Jahr sehr intensiv unterwegs.

Was kann der Verband ausrichten?

Es zeigt sich gerade in der Krise, dass der Austausch zwischen Kultur und Politik wichtig ist. Seit Beginn der Pandemie sind wir regelmässig mit der Abteilung Kultur des Kantons im Austausch. Das hat es bisher nicht gegeben, da schlichtweg die Ansprechpersonen fehlten. Wir wollen die in der Aargauer Kultur tätigen Menschen vernetzen und ihnen nicht nur in dieser schwierigen Zeit eine Stimme geben. Wir möchten ihre Anliegen gegenüber der Politik, der Wirtschaft und der Gesellschaft vertreten. Und wir machen sichtbar, was die Kultur der Aargauer Bevölkerung bietet, aber auch wo der Schuh drückt. Aktuell geht es vor allem darum, die kulturellen Strukturen zu erhalten, die jetzt in akuter Gefahr sind. Sie sind schnell zerstört, aber umso schwieriger ist es, sie wiederaufzubauen.

Die Kulturschaffenden sind die grössten Opfer der Pandemie. Hat die Kultur eine schlechte Lobby?

Ich denke, es ist noch zu früh zu sagen, wer das grösste Opfer der Pandemie sein wird. Aber die Kultur ist sehr stark betroffen. Für mich ist eindeutig, am besten lobbyiert der Bauernverband. Wir vom Aargauischen Kulturverband stehen erst am Anfang, unsere Arbeit ist noch lange nicht getan.

Trotzdem: Sind die Schweizer Kulturschaffenden zu nett?

Wir haben auch registriert, dass der laute Aufschrei bei Schweizer Kulturschaffenden bisher ausgeblieben ist. Jedoch hat die nationale Taskforce-Kultur, in der sich über 30 Kulturverbände zusammengeschlossen haben, auf nationaler Ebene hinter den Kulissen eine grosse Arbeit geleistet. Sie hat das Covid-19-Kulturgesetz massgebend mitgeprägt. Aber ja, vielleicht sind Kulturschaffende zu nett, vielleicht sind sie sich auch einfach gewohnt, den Gürtel enger zu schnallen. Die meisten verdienen wenig, jetzt verdienen sie halt einfach noch weniger. Und wenn es nicht geht, sucht man halt einen anderen Weg. Vor allem jene, die sich nicht in der hochsubventionierten Kulturwelt bewegen. Doch die Kultur könnte sicher noch bestimmter und mit grösserem Selbstvertrauen auftreten und sich gemeinsam und verstärkt für ihre Bedürfnisse einsetzen.

Und doch sind bei den jetzigen Entscheiden die betroffenen Verbände nicht konsultiert worden.

Das ist auf Bundesebene so und ist extrem störend. Doch da sind wir ja leider nicht alleine und wir hoffen, dass nun für die Zukunft die Verbände und deren Expertisen auf nationaler und kantonaler Ebene mit einbezogen werden. Der Kanton hat mit uns einen Ansprechpartner, der die Kulturschaffenden und -Veranstalter vertritt.

Es stehen im Aargau 17 Millionen Entschädigung zur Verfügung. Gemäss Schätzungen des Kantons werden aber nur 10 Millionen ausbezahlt. Es sind 7 Millionen, die der Kultur zustehen. Was werden Sie unternehmen, damit das Geld die richtigen Empfänger findet?

Wir werden genau beobachten, was passiert. Diese Krise wird noch lange dauern und die Rückkehr zum «Normalbetrieb» braucht seine Zeit. Die 17 Millionen sind der auszahlbare Maximalbetrag. Was effektiv ausbezahlt werden kann, hängt von den Eingaben der Kulturbetriebe ab. Sollte am Ende der Krise noch Geld vorhanden sein, werden wir unsere Inputs gern einbringen. Eine Möglichkeit wäre, besonders hart betroffene Künstlerinnen, Dienstleister und Veranstaltende, die durch die Maschen gefallen sind, zu unterstützen. Im Sinne einer Kantonalen «Culture Sociale».

Es ist zu befürchten, dass das Coronaregime bis in den Frühling andauert. Das erfordert Flexibilität von den Kulturbetrieben, Künstlerinnen und Künstlern. Neue Formen sind gefragt, kleinere, intimere Projekte. Haben Sie schon etwas in diese Richtung beobachtet?

An Ideen und Kreativität fehlt es sicher nicht, diese Initiativen und Vorschläge müssen von den Kulturschaffenden an die verantwortlichen Stellen gebracht werden. Ich habe das Gefühl, dass bei Politik und Behörden die Bereitschaft für alternative Veranstaltungsformen und das zur Verfügung stellen von öffentlichem Raum vorhanden ist. Hier sehe ich auch ein Aufgabengebiet des AGKV, die Sensibilisierung der Behörden für unkonventionelle Lösungen.

Was ist Ihr Wunsch für die kommenden Monate?

Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben und umzugehen, und gleichzeitig soll, wenn immer möglich, die Kultur weiterleben und sollen weiterhin Kulturveranstaltungen stattfinden. Es bringt nichts, wenn wir uns vergraben und uns nicht mehr hinauswagen. Aber es kommt auf das Verhalten jedes Einzelnen und der Kulturbetriebe an. Sie sind gefordert, alles zu tun, damit das Publikum sich geschützt fühlt. Denn Kultur ist ein wichtiger Begegnungsort für unsere Gesellschaft.

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Autor

Stefan Künzli

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