Literatur
Conrad Ferdinand Meyer – akustisch verjüngt

Die Gesamtausgabe des bedeutenden Schweizer Schriftstellers Conrad Ferdinand Meyer ist nun in Buch- und Hörbuchform erhältlich.

Peter K. Wehrli
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Conrad Ferdinand Meyer (1825–1898).

Conrad Ferdinand Meyer (1825–1898).

120 Jahre nach seinem Tod findet C.F. Meyer (1825–1898) eine neue, aktuelle Gegenwart in der deutschsprachigen Öffentlichkeit. Da wird nicht einfach eine vergriffene Buchauflage nachgedruckt, sondern ganz neue Wege der Literaturvermittlung eingeschlagen. Der Sinus-Verlag in Kilchberg bei Zürich, wo Meyer ab 1877 bis zu seinem Tod wohnte, hat eine verlegerische Grosstat vollbracht: den Abschluss der Gesamtausgabe der Werke von Conrad Ferdinand Meyer. Aber nicht als leinengebundene Druckausgabe, sondern als Hörbücher. In der Produktion des Sinus-Verlages ist beim Hörbuch aber das Lesebuch stets mitgemeint. Statt des Booklet ist jeder CD-Schachtel der vollständige gesprochene Text in Druckform eingegliedert. Die Gesamtausgabe umfasst so nicht weniger als 46 CDs samt 2500 Seiten Text.

Die Formulierung «Buch UND Hörbuch» ist das Markenzeichen des Sinus-Verlages. Mit diesem UND sind ja die beiden wichtigsten Arten der Wahrnehmung von Text angesprochen. Und damit eine Totalität des Erlebens: «Literatur UND Literatur». Verleger Albert Bolliger verankert die gelesene Literatur auf diese Weise mit den Epochen ihrer Herkunft aus der oralen Vermittlung. Und diese geschieht bei Sinus auf auserlesenem Niveau. Die Liste der mitwirkenden Sprecher und Sprecherinnen umfasst nicht weniger als 24 Namen.

Geschichte wird lebendig

Ein Festival bestechender Sprechkunst. Der sprachliche und klangliche Reichtum von Meyers Sprache wird auf atemberaubende Weise manifest. In historische Ereignisse verwickelte Persönlichkeiten zeichnet Meyer mit psychologischer Raffinesse nach, lässt sie so lebendig werden und hievt so Schweizer Geschichte machtvoll in die Gegenwart hinüber. Frank Arnold beispielsweise vermittelt mit seinem Organ Stimmungen und nicht nur Inhalt einer Erzählung, wenn er in «Der Schuss von der Kanzel» die prekäre Gegenwart der Ironie mitklingen lässt.

Oder Stefan Kaminski. Er spricht das 71 Strophen lange Gedicht «Huttens letzte Tage» in einer Stimmlage, die, als sei sie eine Absonderung des Textes selbst, dem Lyrischen einen pulsenden Atem gibt. Alle Regelstrenge, die Meyers Handhabe des Reimes herbeiführt, bricht er auf und gibt dem historischen Stoff eine Aktualität.

Ein weiteres Beispiel für die editorische Qualität ist etwa das aus vier CDs bestehende Hörbuch, in dem Peter Matic’ «Das Leiden eines Knaben» spricht und Brigit Minichmayr «Gustav Adolfs Page». Und wie in allen diesen Hörbüchern festigen ein reichhaltiger Anmerkungsapparat, ein Essay und differenzierte Kommentare die flüchtigen Impressionen des Hörerlebnisses. Am Schluss jedes Prosatextes wechseln sich Sprecher und Sprecherin in Vortrag einer Auswahl von Meyers Gedichten ab. Sie stimmen uns auf diese Weise ein auf den letzten Hörbuch-Band, der die Lyrik zu Gehör und vor Augen bringt und so die Gesamtausgabe abschliesst.

Sinus-Verleger Albert Bolliger hat C.F. Meyer zu neuen Ehren und zu neuer Präsenz verholfen, wie man sie künftighin auch andern Klassikern unserer Literatur wünschen möchte.

Conrad Ferdinand Meyer: Das Gesamtwerk Buch UND Hörbuch. 46 CDs mit dem ganzen gesprochenen Text auch in Buchform in 12 einzeln erhältlichen Hörbüchern. Sinus-Verlag, Kilchberg.