Comic
Cuno Comix Affolter – Gründer des Comic-Zentrums in Lausanne – tritt ab

Ihm verdankt Lausanne die zweitgrösste Comic-Sammlung Europas, Luzern das «Fumetto»: Cuno Affolter hat viel für die Schweizer Comic-Szene getan. Nun geht er in Pension.

Anna Raymann
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Cuno Affolter, abtretender Konservator des Comic-Zentrums in Lausanne

Cuno Affolter, abtretender Konservator des Comic-Zentrums in Lausanne

Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Abgänge gibt es in der Comic-Welt ikonische. Wie Lucky Luke, der singend in den Sonnenuntergang reitet, zufrieden mit dem erledigten Auftrag. Zufrieden klingt auch Cuno Affolter, abtretender Konservator des Comic-Zentrums der Stadt Lausanne – mit über 300'000 Dokumenten die zweitgrösste in Europa, eine der grössten überhaupt. Rund 40'000 Artefakte steuerte er selbst bei. Sammler, Experte, Förderer, Ausstellungsmacher, Festivaldirektor: Beruflich machte Cuno Affolter alles, was mit den gezeichneten Bildergeschichten zu tun hat. Nun, mit 63 Jahren, tritt er in den Ruhestand. Und hinterlässt ein Lebenswerk.

Tatsächlich ist Affolter allem voran Ikonograph. Das schöne Bild allein interessiert ihn nicht, sondern auch seine semiotischen Bedeutungen, seine Wirkungen. «Comics sind ein Spiegel der Gesellschaft», sagte er in den 80er Jahren am Fernsehen, als Cuno Comix am Radio, und sagt es heute.

Gemeinsam erwachsen werden

Die Entwicklung des Genres beobachtete und begleitete Affolter seit über 45 Jahre (oder mehr noch) von innen heraus: «Die Geschichte der Comics entwickelte sich beinahe zeitsynchron zu meinem eigenen Erwachsenwerden.» Das Genre hatte viele Hürden zu nehmen, bis es sich sogar in der Deutschschweiz aus der Nische befreite. Das kommerzielle Interesse an der zunehmend ernstgenommenen Kunstform sieht Affolter durchaus kritisch. «Die Stile gleichen sich an, die Themen folgen Trends wie aktuell dem der Autobiografie.» Und er selbst?

Freiberuflich, entlang einzelner Aufträge führte es den Autodidakten von Olten aus quer durch die Welt bis etwa nach Japan zu den Mangazeichnern. Und die Welt brachte er mit in die Schweizer Szene, wo er 1992 gemeinsam mit Freunden das Comic-Festival «Fumetto» in Luzern, das auch dieses Jahr Ende März wieder stattfindet, ins Leben rief. Was Cuno Affolter für die Schweizer Comic-Szene bedeutet, mag man erahnen, wenn man die vielen Gastauftritte zählt, die ihm hiesige Zeichner in ihren Bänden einräumen.

Olten – kein Ort für Comics

Seine Sammlung hätte er gerne in Olten gesehen – doch Olten verschmähte. Generell ist Olten kein Hotspot des Genres. So findet man zwar das Matterhorn und überraschend oft den Zoll bei Mickey Mouse und Asterix abgebildet, doch kommt die Heimatstadt Affolters kaum einmal vor.

Stattdessen zog ihn die Sammlung nach Lausanne, wo er gemeinsam mit seinem Mentor Pierre-Yves Lador das Comic-Zentrum aufbaute. Das Herzstück der Sammlung? «Ein Herz allein ergibt keinen funktionierenden Körper. Jeder Fötzel ist wichtig, um das Phänomen Comic als Spiegel unserer Welt zu begreifen», sagt Cuno Affolter. Als Konservator war er rund 20 Jahre für Ankäufe, Schenkungen und Dokumentation zuständig. Längst sind nicht alle Stücke katalogisiert. Affolters hofft, dass das Comic-Zentrum einmal die Bedeutung vergleichbar mit einer «Cinemateque» erlangt. «Die Sammlung ist ein Lebenswerk. Aber ein Lebenswerk macht es auch leichter loszulassen, man ist nicht mehr der Freak.»

Eine Biografie in Comics erzählt

Affolters Biografie in Bildern? Obwohl er selbst zeichnet, wird es das jedenfalls aus seiner Feder nie geben: «Es gibt genug schlechte Comics, da muss ich keinen hinzufügen.» Mit einem eigenen Schatz von 40'000 Comics, zahlreichen Universen, Helden und Heldinnen weiss Cuno Affolter für jeden seiner wichtigen Momente einen, der dafür steht:

Auf seinem Weg haben Cuno Affolter viele Helden begleitet.

Die erste Begegnung:

Cuno Affolter: Die deutschen Bände von «Tim und Struppi», die wir jeweils an Weihnachten von unserer Tante Mathilde aus Genf erhalten haben. Auf die Fortsetzung von «Reiseziel Mond» haben wir ein ganzes Jahr gewartet. Spannung pur.

Und jene, die Sie dem Genre endgültig verfallen liess:

In der Bezirksschule habe ich von meinem Freund Geri Born, heute bekannter Fotograf, eine grosse Sammlung von «Zack»-Heften geerbt. Da wurde ich mit «Blueberry», «Corto Maltese» und anderen französischen Serien angefixt und bin endgültig Bildersüchtig geworden.

Die schwerste Entscheidung in Ihrer Karriere als Comic-Experte:

Ich habe einen Beruf erfunden, den es bis anhin noch nicht gab. Das brauchte viel Mut. Um Geld zu verdienen musste ich mir die Fähigkeiten von Dagobert Duck und jene von Daniel Düsentrieb aneignen, sonst wäre ich auf ewig zu einem Donald Duck verdammt gewesen.

Damit haben Sie den Deutsch-Schweizern das Phänomen erklärt:

Dass Comic Lesen nicht dumm macht und sogar philosophischen Tiefgang haben kann, entnimmt man dem Schweizer Klassiker «Globi wird Soldat»: «Schmerz erfasst im Seelengrund, alle beide, Herr und Hund.»

Was nach 45 Jahren bleibt:

Meine Sammlung reduziere ich von 40‘000 auf 40 Comics. Da hatte ich schlaflose Nächte wie der Held in «Dreams oft the Rarebit Fiend. Die sonderbaren Träume des Feinschmeckers, der immer nur Käsetoast ass» vom genialen Winsor McCay.

Comic-Festival «Fumetto»: verschiedene Standorte in Luzern, 20.3. – 28.3.