Comeback
Um die deutsche Rock-Legende Inga Rumpf war es still geworden – jetzt meldet sie sich mit Doppelalbum und Autobiografie zurück

Die heute 75-Jährige blickt zurück auf eine Karriere als Frau in einer Männerwelt mit vielen Risiken, Versuchungen und Chancen.

Stefan Künzli und Steffen Rüth
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Die City Preachers: Jean-Jacques Kravetz, Dagmar Krause, Karl-Heinz Schott, Udo Lindenberg und Inga Rumpf (von links).

Die City Preachers: Jean-Jacques Kravetz, Dagmar Krause, Karl-Heinz Schott, Udo Lindenberg und Inga Rumpf (von links).

Egon Teske
Die 75-jährige Inga Rumpf heute.

Die 75-jährige Inga Rumpf heute.

Jim Rakete

Die Rockszene war in den Anfängen eine Männerwelt. Das weibliche Geschlecht war höchstens als Groupie der Rockstars geduldet. Auch in der Schweiz. «Es gibt kaum Rock-Mädchen», beklagte sich Anfang 1975 Verleger Jürg Marquard im Editorial des Magazins «POP». Aber es gab Ausnahmen: Janis Joplin in den USA und Inga Rumpf in Deutschland.

1946 in Hamburg als Tochter einer Schneiderin und eines Seemanns geboren, entdeckte sie früh ihre Leidenschaft für amerikanische Musik. «Blues und Gospel war mein Urschrei», sagt sie. In den 1960er-Jahren sang sie mit dem gleichaltrigen Udo Lindenberg, damals noch am Schlagzeug, in der Band «Die City Preachers» Folk und Blues. Den Durchbruch schaffte sie 1969 mit der Band «Frumpy», die 1972 in «Atlantis» umbenannt wurde. Der Sound wurde der damaligen Zeit entsprechend progressiver und krautiger, Markenzeichen war aber die aussergewöhnliche Stimme von Inga Rumpf. Sie ist nicht nur einfach kräftig, sondern auch dunkel, verraucht und etwas verrucht.

Risiken, Verführungen und Chancen

Als Sängerin war Rumpf in der Rockwelt eine Ausnahmeerscheinung, doch sie hat nie irgendwelche Nachteile erfahren. «Als Künstlerin waren mir die Geschlechterkategorien egal», sagt sie heute, «bei Frumpy habe ich mich kaum von den Männern unterschieden. Ich bin ein androgyner Typ, trug meist ein Unterhemd und die Haare genauso lang wie die Jungs. Zudem hatte ich eine relativ tiefe Stimme.

Die Leute im Publikum haben oft erst auf den zweiten Blick gemerkt, dass da eine Frau auf der Bühne stand.»

Inga Rumpf schaut zufrieden auf diese Pionierzeit zurück und bereut nichts. «Ich hatte eine gute Zeit und habe sowieso immer das gemacht, worauf ich Bock hatte. Die Freiheit habe ich mir genommen. Ich bin gern ein paar Risiken eingegangen. Es gab viele Verführungen, Drogen, viele Musiker wurden Alkoholiker. Auch ich habe einiges ausprobiert und hätte abrutschen können. Aber wenn ich merkte, ich kann nicht mehr singen, dann habe ich aufgehört. Auch mit dem Rauchen.»

Neben den Verführungen gab es auch Chancen: «Mit der Musik öffneten sich für mich schnell viele Türen, und ich erkannte, dass ich damit meinen Lebensunterhalt verdienen und die Welt sehen kann», sagt sie. Mit Atlantis ging sie mit den gefragtesten Bands wie Procol Harum und Traffic auf England-Tour. Udo Lindenberg stiess wieder zur Truppe, und das Debütalbum fand vor allem auch in den USA grossen Anklang, wo man Rumpfs bluesige und soulige Stimme liebte. Sie tourte im Vorprogramm von Aerosmith oder Lynyrd Skynyrd durch die USA.

Tina Turner sorgte für finanziellen Regen

Inga Rumpf war auf dem Sprung zur Weltkarriere, doch irgendwie hat es dann doch nicht geklappt. «Weltstar stand nie auf meiner Wunschliste», sagt sie, «ein paar Mal war ich kurz davor, aber dann kam immer was dazwischen. Für mich war es immer wichtig, mit meiner Musik unterwegs zu sein und genug Geld zu verdienen.» Geholfen hat ihr bei diesem Plan Tina Turner. Bei ihrem Comeback 1983 hat sie Rumpfs Song «I Wrote A Letter» interpretiert. «Für mich war das ein unglaubliches Glück und auch finanziell ein warmer Regen. Ich habe Tina leider nie kennen gelernt, bin aber eine grosse Bewunderin von ihr», sagt Rumpf.

Aufnahmen mit Keith Richards und Ronnie Wood

«I Wrote A Letter» finden wir auch in einer berührenden Slow-Blues-Version auf Rumpfs neuem Album «Universe Of Dreams». Es ist Teil eines bluesigen und souligen Doppelalbums mit alten und neuen Liedern, auf denen Rumpf beweist, dass ihre Stimme nichts an Ausdrucksstärke und Intensität verloren hat. Dazu kommt das Album «Hidden Tracks» mit unveröffentlichten Aufnahmen. Darunter sind Songs, die die deutsche Sängerin Ende der 80er-Jahre mit den Rolling-Stones-Musikern Keith Richards, Ronnie Wood, Mick Taylor sowie zwei Flaschen Jack Daniels und einer Kiste bayrischem Bier in London eingespielt hat.

Am Anfang des späten Kreativitätsschubs stand die Autobiografie «Darf ich was vorsingen?», die zu ihrem 75. Geburtstag am 2. August erschienen ist. Beim Recherchieren ist Rumpf dann auf die alten Aufnahmen gestossen und hat die stille Zeit während Corona für neue Aufnahmen genutzt. Inga Rumpf gibt mit 75 Jahren also nochmals mächtig Gas.

Inga Rumpf
Autobiografie. «Darf ich was vorsingen?» (Ellert & Richter).
CD: Universe of Dreams & Hidden Tracks.

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