Opernhaus Zürich
Christoph Marthaler scheitert am Meisterwerk «Orphée et Euridice»

Der Schweizer Regisseur versucht im Opernhaus Zürich, seine ewiggleiche Schablone auf C. W. Glucks «Orphée et Euridice» zu legen. Das geht schief.

Christian Berzins
Merken
Drucken
Teilen
Orphée (Links) und Euridice (Mitte) in Erwartung des Endes.

Orphée (Links) und Euridice (Mitte) in Erwartung des Endes.

Monika Rittershaus/Opernhaus

Eine unverständliche Rahmenhandlung, Dauer-Blödelei, Retro-Kitsch, altbekannte Verrenkungen: Die geballte Ladung von Köstlichkeiten aus dem Standardrepertoire Christoph Marthalers schafft es nicht, Christoph Willibald Glucks Oper «Orphée et Euridice» zu bedrängen.

Glucks Musikatem ist unglaublich viel länger als jener von Marthaler, und die packende Handlung seit zweitausend Jahren ein Hit. Glucks Werk von 1762 auszudeuten, schafft Marthaler nicht, seine Monologe der Akrobatik und des Nonsens laufen ins Leere.

Die Handlung wäre (zu) einfach: Ein Sänger beklagt den Tod seiner Geliebten so innig, dass ihm die Götter erlauben, sie aus der Unterwelt zurückzuholen. Einzige Auflage: Er darf nicht zurückschauen. Aus diesem dramaturgischen Nichts schaffte es Gluck, revolutionäres Musiktheater zu erschaffen.

Plattitüden und ein Radiowunschkonzert

«Wo sind wir?», wird zu Beginn gefragt, um einige Plattitüden über das Jenseits folgen zu lassen. Laut Besetzungszettel sind es die «seligen Geister», die auf der Bühne ihr Unwesen treiben, jene Gestalten, die im 2. Akt als die glücklichen Seelen der Verstorbenen dran wären. Wenn es dann so weit ist, wird ihr Reigen als Radiowunschkonzert-Nummer angesagt.

Es ist der müde Versuch, dem erhabenen Geschehen vermeintlich Witziges aus der Marthaler-Überraschungsbüchse hinzuzufügen. Zu den bitteren Köstlichkeiten gehört auch ein Lift, der in die Unterwelt führt: Die Kindlichkeit des Gedankens ist lieb, seine Banalität gross. Jeder, der im Leben schon einen halben Marthaler gesehen hat, weiss: Beim Öffnen der Lifttür gibt’s Probleme.

Bei aller Kritik am Detail: Der Stream ist für Christoph Marthaler das Hauptproblem. Bisweilen nämlich ergötzte man sich in einer Aufführung des Bühnenzauderis im Gewusel der Nichtigkeiten an irgendeinem Detail oder konnte sich an den Bühnenbildern von Anna Viebrock nicht satt genug sehen.

Der gelenkte Blick ist ein Problem

Im Stream gibt die Kamera vor, wo etwas los ist: Da ein leerer Blick, dort eine Turnübung, hier eine Nebenszene im Hinterzimmer – nichts will zusammenpassen, da bei Marthaler alles eins werden muss. Und dann sollte die Kamera ja auch noch diese Sänger einfangen, die kaum einen Finger rühren ...

Gott sei Dank, denn so kann die Kunst von Nadezhda Karyazina (Orphée) noch viel üppiger blühen. Famos, wie sie über die 90 Minuten Präsenz zeigt, zu immer neuen Klagen anstimmt. Chiara Skerath (Euridice) ist der lyrisch-leichte Gegenpart.

Nadezhda Karyazina in einer anderen Aufführung als Carmen.

youtube

Stefano Montanari dirigiert die Philharmonia Zürich überaus packend, legt mehr als einen (bisweilen lauten) Boden. Erzählt der Chor vom Gebrüll des Höllenhundes, will er ihm orchestral ein Abbild geben. Erstaunlich allerdings, dass man auch ohne Publikum daran festhält, das Orchester im Proberaum spielen zu lassen, und der Klang nur mittels Glasfaser auf die Bühne gelangt.

Der Stream ist – inklusive Link zum Spendenaufruf – gratis. Auch ohne Obolus ist es möglich, den dramatischen Höhepunkt der Oper zu erleben: Orphée blickt zurück, Euridice stirbt und ein seliger Geist lässt per Fernsteuerung ihre Urne wie eine Silvestertischbombe an der Julisonne explodieren. Pfft. Aus.

Opernhaus Zürich: C. W. Gluck: Orphée et Euridice, Video bis 5. April verfügbar.