Der mutigste Festivaldirektor

Christian Jungen will Corona nutzen, um das Zürich Film Festival wichtiger zu machen im deutschen Sprachraum

Ein Filmfestival zum Anfassen, und das im Coronajahr 2020: Christian Jungen, Direktor des Zurich Film Festival, macht alles ein wenig anders.

Ein Filmfestival zum Anfassen, und das im Coronajahr 2020: Christian Jungen, Direktor des Zurich Film Festival, macht alles ein wenig anders.

Dass das Zurich Film Festival überhaupt stattfindet, führt Christian Jungen auch auf seine eigene Naivität zurück. Wer ist der Mann mit den aussergewöhnlich ehrgeizigen Zielen?

Als die Pandemie ausbrach, hatte Christian Jungen keine Ahnung, was auf ihn zukommen sollte. Nun, ein halbes Jahr später, startet das Zurich Film Festival, kurz ZFF. Das erste unter Jungens Leitung. «Hätte ich Anfang März gewusst, dass sich die Pandemie länger hinzieht, das ZFF würde vielleicht nicht in der jetzigen Form durchgeführt», sagt er in seinem Büro in Zürich.

War es Naivität? Naiv waren wir vielleicht alle, Epidemiologen mal ausgenommen, die auch ohne eigene Pandemieerfahrung wissen, wie sich so etwas abspielt. Was Jungen jedoch von der Mehrheit der Menschen in diesem Land unterschied: Er war zu keinem Moment erstarrt. Nicht zu einer jener Salzsäulen, wie er selbst sie in seinem Umfeld beobachtete. Er betont, zu keinem einzigen Zeitpunkt habe er an einer Ausgabe 2020 gezweifelt.

Christian Jungen (rechts) begrüsst Mathieu Jaton, den Direktor des Montreux Jazz Festivals am diesjährigen Zurich Film Festival.

Christian Jungen (rechts) begrüsst Mathieu Jaton, den Direktor des Montreux Jazz Festivals am diesjährigen Zurich Film Festival.

Vom Filmjournalisten zum Festivaldirektor

Unterschätzt habe er die Pandemie, gewiss, sagt der 47-Jährige. Doch seine Blauäugigkeit war zum Vorteil des ZFF. Das nun in vollem Umfang stattfindet, nicht abgespeckt, wie Venedig oder Toronto. Sondern mit Filmvorführungen vor Publikum, nichts davon online und damit in den isolierten Wohnzimmern. Davon hält Jungen ohnehin wenig. Das kollektive Erlebnis stehe beim Kinobesuch im Zentrum. Das gemeinsame Lachen, Weinen von Menschen, die sich nicht kennen. Streaming führt nicht zum Kinosterben, ist er überzeugt.

Die Räumlichkeiten des ZFF sind eng, das Treiben ist emsig. Wegen Bauarbeiten an der Fassade des Gebäudes im Quartier Enge bleiben die Fenster zu. Es gilt strikte Maskenpflicht, wie in den Festival-Filmvorführungen ab nächster Woche auch. Dass sich im Büro nun alle daran halten, dafür brauchte es ein Machtwort des Chefs.

Man merkt ihm die Anspannung an: Was, wenn sich ein ZFF-Anlass im Nachhinein als Superspreader-Event herausstellt? Dutzende Festivalbesucher sich anstecken, viele weitere in Quarantäne müssen?

Jungen weiss, dass er damit rechnen muss. «Das wäre schlimm», sagt er. Gleichzeitig mahnt er vor übertriebener Vorsicht:

Trotzdem: Wäre ein Covid-19-Ausbruch am Festival das Worst-Case-Szenario? «Nein, solange es ein Einzelfall ist», sagt er bestimmt, «schlimmer wäre ein Ausfall des Festivals und wenn viele Leute in Quarantäne müssten.»

Von allen Seiten seien sie gekommen, die Ratschläge zur Absage. Doch Jungen wollte nicht hören, setzte sich durch, und das ZFF erhält nun die Aufmerksamkeit, die Zürich in einem normalen Jahr nicht geschenkt bekommt. Sie will Jungen mehrfach nützen.

Einerseits fürs Kino, für den Film, für die Filmschaffenden. Jungen sieht die Branche wegen Corona bedroht. Die Kinos befänden sich in einer schwierigen Situation, das ZFF solle ein Zeichen des Optimismus setzen.

Christian Jungen Direktor Zurich Film Festival

Christian Jungen Direktor Zurich Film Festival

Natürlich hat Jungen auch persönliche Ambitionen. Das Festival, erst 2005 gegründet, soll dank Corona den ganz grossen Durchbruch schaffen und anderen Festivals den Rang ablaufen. Für Jungen hat der deutschsprachige Raum Priorität. Deshalb hat er die vielleicht grössten Stars des deutschen Kinos nach Zürich geholt: Iris Berben, die ihren Award bereits letzte Woche entgegennahm, und Til Schweiger.

Jungen ist überzeugt, Zürich hat in der Filmbranche mehr als das Etikett verdient, eine schöne Stadt in der Schweiz zu sein. «Sie ist das Eintrittstor für den deutschsprachigen Markt mit 100 Millionen Konsumenten.» Das wüssten auch die Amerikaner. Und so kann das Festival auch heuer viele Hollywood-­Produktionen zeigen.

Die glänzende Kaffeemaschine ist einer der wenigen Hingucker im spärlich eingerichteten Büro des ZFF-­Direktors. Natürlich ist es eine Kolbenmaschine. Jungen gilt als Geniesser. Genuss steht auch zuoberst bei seinen Kriterien an einen guten Film. Jungen sagt Dinge wie:

Neben der Kaffeemaschine hängt ein von Regisseur Ladj Ly signiertes Filmplakat des letztjährigen ZFF-Erfolgs «Les Misérables».

Noch etwas steht im Raum. Jungens Abschiedsgeschenk bei der «NZZ am Sonntag», für die er von 2009 bis 2019 schrieb: Die Druckplatte der Zeitungsseite, auf der sein erster Artikel für das Sonntagsblatt stand: ausgerechnet ein Interview mit ZFF-Gründer Karl Spoerri. Zehn Jahre später übernahm er dessen Job. Bekannte von Jungen sehen in diesem Schritt die logische Folge.

Das Gründer-Duo: Nadja Schildknecht und Karl Spoerri leiteten das ZFF bis zur letztjährigen Ausgabe 2019.

Das Gründer-Duo: Nadja Schildknecht und Karl Spoerri leiteten das ZFF bis zur letztjährigen Ausgabe 2019.

Der gläubige Katholik aus protestantischem Hause

Für das Foto wechseln wir den Raum, im Erdgeschoss gibt es einen kleinen Screening-Raum. Der Fotograf will hier Bilder machen. Wir machen grosse Augen. Im Screening-Raum des ZFF, das sich im Dienste der Kinos versteht, hängt nicht etwa eine Leinwand, sondern ein grosser Flatscreen.

Jungen wirkt ein wenig erschöpft, als er für die Fotos posiert.

© Chris Iseli (Zürich, 15. September 2020

Hatte er die Arbeit unterschätzt? Jungen nennt die hinter ihm liegende Zeit als grösste ­Herausforderung, die er jemals bewältigen musste. Die Pandemie brachte immensen Mehraufwand mit sich. Und eine Hiobsbotschaft folgte auf die vorhergehende.

Jungen erinnert sich gut an die erste Absage mittels eingeschriebenen Briefs während des Lockdowns. «Ich war da, im Büro, die anderen arbeiteten im Homeoffice. Also ging ich zur Tür, als der Pöstler klingelte. Es war die erste Absage eines Sponsors. Die Firma erklärte, bei den Einnahmeausfällen wegen der Coronakrise liege eine Beteiligung schlicht nicht mehr drin.» Es war die erste von vielen Absagen aus der Privatwirtschaft.

Jungen lief es kalt den Rücken hinunter. Was, wenn die Sponsoren sich abwenden vom ZFF? «Sicher, in einer solchen Zeit wäre es gemütlicher gewesen an der Spitze eines jener Kulturfestivals, die hochsubventioniert sind», sagt er. Doch den Bettel hinschmeissen, einfach so? Das ist überhaupt nicht das Ding von Jungen. Von früh wurde ihm das arbeitsame Streben nach Erfolg eingeimpft. Jungen wuchs in einer Winterthurer Arbeiterfamilie auf.

«Vo nüt chunnt nüt», war ein Leitmotiv. Der Vater arbeitete in der Sulzer-Fabrik, die Familie ist streng gläubig. Protestanten. Jungen selbst ist geprägt von einer protestantischen Arbeitsmoral, bezeichnet sich auch als libertär Denkenden, der sich vom Staat nicht reinreden lassen will. Während seines Studiums in Italien konvertierte er zum Katholizismus, der ihm lebensbejahender erschien als die zwinglianische Enge.

Jungen bezeichnet sich selbst als gläubig. Einer von wenigen im Kunstkuchen, der mit Religion generell wenig am Hut hat. Auch als Mann in der Landschaft der Filmfestivals, die in der Schweiz mehrheitlich von Frauen geführt werden, ist Jungen in einer Minderheitenposition. «Eigentlich bin ich ein Diversity-Beitrag in dieser Szene», sagt er mit einem spitzbübischen Lächeln.

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