Seine Videoclips sahen schon immer aus wie Spielfilme. Seine Songs erzählten schon immer mehr als 95 Prozent aller Hip-Hop-Stücke. Und seine Künstlerpersönlichkeit war schon immer zu gross für ein einziges Genre – man hätte wissen müssen, dass da noch sehr viel mehr kommt: Donald Glover alias Childish Gambino, 33-jährig, Rapper und Musiker aus Georgia, ist derzeit in aller Munde.

Glover, das ist ein Tausendsassa. Musiker, Rapper, Sänger, Drehbuchautor und Schauspieler und Stand-up-Comedian in einem. Ein Selfmade-Man, vielseitig und kreativ wie Kanye West – allerdings ohne dessen Gorilla-Gehabe, ohne negative Konnotationen.

Während die Musikwelt auf sein neues Album wartet – es soll ein Meilenstein werden, diese Messlatte hat er sich selber gegeben –, setzt er auf anderem Terrain Akzente. Aktuell zeigt der US-TV-Sender FX mit grossem Erfolg die von ihm entwickelte Serie «Atlanta». Und vor rund einer Woche wurde bekannt, dass er nun auch den Bogen nach Hollywood spannt: Glover wird eine Hauptrolle im nächsten Spin-off der «Star Wars»-Filmreihe spielen. Er ist dort als Lando Calrissian zu sehen, einee Figur, die bereits 1980 in «Das Imperium schlägt zurück» auftauchte.

Childish Gambino - 3005

Childish Gambino - 3005

Ein ungebremster Unterhalter

Glover begann seine Karriere vor zehn Jahren in der Unterhaltungsindustrie als Drehbuchautor der NBC-Serie «30 Rock», trat zuweilen auch in kleinen Rollen vor der Kamera in Erscheinung, veröffentlichte 2009 sein erstes selbstgeschustertes Album, versuchte sich immer wieder recht erfolgreich als Stand-up-Comedian. Den Durchbruch als Rapper unter dem seltsamen Namen Childish Gambino – die Kreation eines Online-Spiels, bei dem ein Generator Namen im Stil der Hip-Hop-Gruppe The Wu-tang Clan ausspuckt – schaffte er vor gut fünf Jahren. Schon damals war seine Musik zu schrankenlos, zu grossflächig, um schlicht Rap zu sein. Chorstimmen kündigten sein Kommen an, dumpfe Trommeln untermalten seine Reime.

Das war mehr energetischer Indiepop als Hip-Hop, durchsetzt von hellen Lichtstrahlen und langen Schatten. Samt Balladen, Effekten, mit viel Pathos und vielen ehrlichen Geschichten.

Camping mit Childish Gambino

Den beiden offiziellen Alben «Camp» (2011) und «Because The Internet» (2013) soll mit «PHAROS» noch dieses Jahr eine dritte Soloplatte folgen. Er habe sich lange überlegt, wie er dieses Album präsentieren wolle, sagte er im Vorfeld in der Late Night Show von Jimmy Fallon. «Ich hatte all diese Songs komponiert und wollte dann, dass die Leute spüren können, wie es sich in diesen Songs anfühlt. Und ich dachte: Ich sollte alle zum Campieren einladen.»

Gesagt, getan: Anfang September lud Glover ausgewählte Fans in die Weiten des kalifornischen Joshua-Tree-Nationalparks, liess ihre Smartphones einsammeln und bot ihnen laut Augenzeugenberichten ein Multimediaspektakel, das die Darbietungen eines Kanye West als Schülervorstellung erscheinen lässt.

Er selber trat in einem gigantischen Kuppelzelt auf, trug mit grosser Band im Rücken, Bodypainting und Kriegeroutfit zwölf neue Songs vor. Augenzeugen zufolge eine modern anmutende Mischung aus Jazz, Funk und 80er-Jahre-Pop. Wer da war, sprach von einem visuellen Feuerwerk.

Schattenseiten des Musikgeschäfts

Eingerahmt wurde das Ganze von der Präsentation seiner aktuellen Fernsehserie «Atlanta», eine Mischung aus Komödie, David-Lynch-Epos und Milieustudie. Gezeigt wird jene Seite des Musikgeschäfts, die sonst aussen vor bleibt: die Erfolglosigkeit. In der Serie spielt Glover den jungen Familienvater Earnest «Earn» Marks, der sich als Manager seines rappenden Cousins zu behaupten versucht. Doch kaum etwas gelingt. Das Musikgeschäft zeigt sich von seiner wenig glamourösen Seite, mit der Glover durchaus vertraut ist. Natürlich hat die Serie, haben die Rollen auch autobiografische Züge: In seinen Songs berichtet Childish Gambino immer wieder davon, wie er aufgrund seiner dunklen Hautfarbe und seines exzentrischen Charakters konstant aneckte.

Als «Schwuchtel» oder «Oreo», ein
«Guetzli mit dunklem Biscuit und weisser Füllung» wurde er bezeichnet. Quelle und Motor seines unermüdlichen künstlerischen Outputs sind nicht zuletzt diese Erfahrungen. Aber es ist nicht die Bitterkeit eines Kanye West, die ihn ständig weitertreibt. Es ist die Neugier.

TV-Serie «Atlanta», in den USA auf FX Networks.

CD «PHAROS» erscheint noch dieses Jahr.