Neuer Roman

Charles Lewinsky erzählt die Vorgeschichte der Schlacht am Morgarten ganz neu

Immer mit einem Schalk im Gesicht: Charles Lewinsky präsentiert mit seinem neuen historischen Roman zugleich eine zeitlose politische Parabel.

Immer mit einem Schalk im Gesicht: Charles Lewinsky präsentiert mit seinem neuen historischen Roman zugleich eine zeitlose politische Parabel.

Auf 677 Seiten lässt der begnadete Autor und charmante Humanist im Roman «Halbbart» einen Dorfbuben die krassen Konflikte der Innerschweiz um 1300 berichten: grosses Kino – meisterhaft!

Wenn ganz zum Schluss dieses grossartigen Romans der junge Sebi als Chronist und zum Lügen gezwungen gegen alle Vernunft eine Heldengeschichte für Prahlhanse erzählen muss, ist dies wahrlich eine bittere Ironie der Geschichte. Es ist eine Demütigung: Der Glanz des Erzählens wird zur Propaganda. Morgarten ist geschlagen, die Diplomaten sind verlacht und an den Rand der Geschichte verbannt. Sebis Lehrmeisterin, das Teufels-Anneli, bleibt das lakonische Schlusswort:

Das Heldenepos am Morgarten hat man ja auch allen Schulkindern bis in die jüngste Zeit für bare Münze verkauft.

Die halb historisch korrekte, halb erfundene Vorgeschichte zu Morgarten, welche Sebi lieber erzählt hätte, die Geschichte also über die aufmüpfigen Schwyzer im Jahr 1314, in welchem sie das Adelskloster Einsiedeln plündern, erzählt nun Charles Lewinsky auf 677 Seiten. Diese Geschichte ist weit weniger heroisch, dafür von einem unglaublichen erzählerischen Reichtum: spannend, witzig und drastisch, erschütternd und feinfühlig – und gesättigt mit einem melancholischen Glauben an die Vernunft. Zusammengekommen ist hier: ein Entwicklungsroman, ein Schauerroman, eine Aufklärungsschrift, eine Sammlung erfundener alter Sagen, eine politische Parabel, eine Umschreibung eines Gründungsmythos, eine subtile Reflexion auf den Sinn von Geschichten – und nicht zuletzt ein lebenspraller Roman über die mittelalterliche, ländliche Unterschicht. Und als Zugabe erzählt er auch noch die Erfindung der Hellebarde in einer Schwyzer Schmiede. Fast unnötig zu betonen: ein grosses Buch.

Lewinsky vereint Mundart und gewitzten Verstand

Vor genau 50 Jahren hat sich bereits Max Frisch im schmalen Bändchen «Wilhelm Tell für die Schule» an der Gründergeschichte der Eidgenossenschaft probiert: Sein dicklicher, gemütlicher Vogt mit Kopfweh sah sich einem mürrischen Haufen von Starrköpfen ausgesetzt, die keinen Sinn für Diplomatie haben. Wie bei ihm läuft in Lewinskys Roman der letztlich blutige Konflikt auf ein Gegenüber von hitzköpfigen Raufbolden und einem zögerlichen Habsburger hinaus.

Doch Lewinskys Kunst geht weit über diese satirische Engführung hinaus. Sein erzählerischer Trick, den schon Grimmelshausen mit seinem «Simplicissimus» und dessen Bericht über die Gräueljahre des Dreissigjährigen Krieges angewendet hat: Er lässt den Dorfbuben Sebi in aller Unschuld, aber mit gewitztem Verstand seine Epoche schildern: von Hunger, Kälte und Aberglaube, Söldnerunwesen, Machtwillkür und Gerichtspossen. Lewinskys Sprache und Erzählperspektive verbinden sich nahtlos zu einer authentischen Sicht. Das Mundartliche spiegelt Sebis Redeweise. Der Hang ist «stotzig» und der Erzähler ein «Finöggel», dem vom Bier «trümmlig» wird. Der Genitiv ist in der Mundart konsequent ersetzt, etwa wenn das Nachbarhaus das «Haus vom Nussbaumer» genannt wird.

Eine melancholische Utopie auf Frieden und Aufklärung

In das Dorf des Knaben Sebi und seinen Brüdern, dem vernünftigen Geni, der Diplomat wird, und dem Möchtegernsöldner Poli, kommt ein Fremdling, Halbbart genannt: Er kennt sich in Medizin aus, bringt dem Sebi Schach bei und hat ein schauerlich verbranntes Gesicht, das von den Gräueln seiner Zeit zeugt: Die Lust am Quälen und Verbrennen hat er als Opfer des vom religiösen Wahnsinn befallenen Mittelalters erlitten. Dieses Opfer der Geschichte wirkt bis fast zuletzt als Verkörperung von Milde und Vernunft. Man ahnt: Es ist fast übermenschlich und wird kippen – was Lewinsky schelmisch mit der Erfindung der Hellebarde verknüpft.

Die historischen Eckdaten stimmen und schon früh ahnt man den Überfall der Schwyzer auf das Adelskloster Einsiedeln in der Nacht vom 6. auf den 7. Januar 1314. Der Marchenstreit, der Streit um das Landrecht, dauerte da bereits 200 Jahre. Als Geni bei der Fronarbeit im Klosterwald fast ums Leben kommt und Sebi im Kloster schauerliche Dinge tun soll, heizt das den Konflikt weiter an. Die Geistlichkeit kommt da, gelinde gesagt, sehr schlecht weg.

Über viele Seiten lässt Lewinsky die Vernunft gewitzt über Dummheit und Aberglaube siegen. Aber naiv ist er ja nicht. Ein altbackener Historienroman war von ihm, der mit «Melnitz» und «Gerron» zwei grosse jüdische, historische Romane geschrieben hat, nicht zu erwarten. «Halbbart» ist eine zeitlose Parabel und eine melancholische Utopie auf einen möglichen Frieden und auf die Aufklärung. Sein Roman ist für den Deutschen Buchpreis nominiert. Lewinsky wäre auch ein würdiger Büchnerpreisträger.

Charles Lewinsky: Halbbart. Roman. Diogenes, 677 Seiten. Ab Mittwoch im Handel.

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