Literatur

Caveltys Heiligenlegende führt satirisch in die Weltabschaffung

Gion Mathias Cavelty. (Foto: Paolo Dutto)

Gion Mathias Cavelty. (Foto: Paolo Dutto)

Inquisition, Satanismus und wieder eine haarsträubende Reise. Der Schweizer Schriftsteller Gion Mathias Cavelty bleibt sich und seinem grotesken Mystizismus treu.

Dieser Schriftsteller hat die Umkehrung aller Werte, Logik und Weltbilder zum literarischen Programm gemacht. 1974 in Chur geboren, ist Gion Mathias Cavelty katholisch infiziert: als Knabe war er Ministrant bei Bischof Haas, sein Vater war CVP-Ständerat. In seinen Romanen wühlt er sich in biblische und mystische Abgründe – und feiert ein anarchisches Verständnis von Satire, deren Krönung für Cavelty die Blasphemie ist. Sich lustig machen über Weltliches interessiert ihn nicht, er dreht gleich die Weltordnung auf den Kopf und spielt mit der Abschaffung der Welt. Oberflächlich gesehen liest man hier durchgeknallten Quatsch, beim Nachrecherchieren jedoch findet man in Caveltys Büchern eine Fülle biblischer, literarischer und ketzerischer Motive. Ein Faible für das Haarsträubende sollte man als Leser allerdings mitbringen.

In Schwamendingen haben sich Satanisten festgesetzt

Im Erstling schickte er einen Jüngling im Geigenkoffer mit sprechendem Pudel auf Selbstfindung. Vor drei Jahren liess er Franz Klammer von der Skipiste nach Jerusalem fliegen und auf Jesu’ Haupt knallen.

Cavelty, der sich vor zwanzig Jahren mit «Endlich Nichtleser» einen Platz in den Reihen junger Kultautoren erschrieben hat, ist sich auch im neuen Buch treu geblieben. Nun dreht er ein besonderes literarisches Genre auf den Kopf: die Heiligenlegende.

© CH Media

Die blinde, sanfte, heilige Odilia schmückt das Buchcover. Das aufgeklappte Buch in Händen, nur zwei Augen sind auf den sonst leeren Seiten zu sehen. Es ist das ikonische Bild dieser Heiligen aus dem späten 7. Jahrhundert. So sanft Odilia schaut, so düster und grotesk ist der Buchinhalt. Caveltys schöner Kniff: Sein Erzähler ist ebendieses Buch. Unbeschrieben liest es die Gedanken seines Besitzers, des heiligen Innozenz, der vom Papst ausgesandt wird, einen Bund von Satanisten zu vernichten und deren Kultobjekt, den Schädel des ersten Menschen, das Abbild Gottes, nach Rom zu bringen.

Ausgerechnet im Zürcher Vorortquartier Schwamendingen haben sich die Satanisten festgesetzt. Gegen Hexenrituale, perverse Jungfrauen und dämonische Gambenmusik ist das reine Herz des Innozenz allerdings machtlos. Dass gerade dieser Innozenz durch einen Trick der Satanisten zum Vollstrecker ihrer Weltabschaffung wird, ist eine der vielen makabren Pointen dieser literarischen Satire. «Kaum denken wir, lügen wir», begrüsst Cavelty zu Beginn seine Leser. Man kann dem Autor Selbstironie nicht absprechen.

Gion Mathias Cavelty Innozenz. Legende. lectorbooks, 120 Seiten.

Gion Mathias Cavelty. (Foto: Paolo Dutto)

Gion Mathias Cavelty. (Foto: Paolo Dutto)

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