Zeitgeist

Cancel Culture war bloss früher eine reale Macht

Kann das denn sein? Ist Bruce Springsteen ein Advokat des Teufels, äh, der Cancel Culture? Das konservative Amerika tobt, weil er jetzt ganz offiziell Biden unterstützt und Trump weghaben will.

Kann das denn sein? Ist Bruce Springsteen ein Advokat des Teufels, äh, der Cancel Culture? Das konservative Amerika tobt, weil er jetzt ganz offiziell Biden unterstützt und Trump weghaben will.

Was bewirkt der Kampfbegriff der Cancel Culture wirklich? Und ist sie so neu, wie ihre Erfinder uns das glauben machen?

Als mich ein Freund während des Lockdown fragte: «Na? Was hältst du denn so von Cancel Culture?», verstand ich erst mal «Cancer Culture». Krebskultur statt Stornierungs- oder Absage- oder Annullierungskultur. Was symptomatisch war. Denn diejenigen, die Cancel Culture anprangern, sehen darin eine rhetorische Pandemie. Das Krebsgeschwür der Zensur. Die Aufhebung der Meinungsfreiheit. Der Anfang eines neuen Totalitarismus.

Cancel Culture ist für sie die Seuche, die aus den sozialen Medien gekrochen kommt. Denn dort hockt der «Mob». Wüste Zusammenrottungen intoleranter Idioten, die vor dem Einschlafen Gendersternchen zählen und sich überlegen, wen sie am nächsten Tag wieder ans Messer liefern könnten. Etwa einen alten weissen Sexgrüsel wie Harvey Weinstein? Oder einen alten schwarzen Sexgrüsel wie Bill Cosby? Oder doch lieber eine mittelalte weisse Frau wie J.K. Rowling, weil sie sich fragte, ob man Transfrauen überhaupt Frauen nennen könne? Oder etwa eine sehr junge weisse Frau wie die Kabarettistin Lisa Eckhart, die sich als Antisemitin (miss-)verstehen lässt? Oder den überholten Namen eines Schaumkusses?

J.K. Rowling, deren Bücher quasi ein diversitäts-sensibles Paradies sind, schockte die Trans- und weite Teile ihrer Fangemeinde, als sie auf Twitter fragte, wie denn eigentlich der Name für «people who menstruate» überhaupt noch lauten würde.

J.K. Rowling, deren Bücher quasi ein diversitäts-sensibles Paradies sind, schockte die Trans- und weite Teile ihrer Fangemeinde, als sie auf Twitter fragte, wie denn eigentlich der Name für «people who menstruate» überhaupt noch lauten würde.

Aber schauen wir uns doch mal an, was die angeblich so mächtige Cancel Culture wirklich anrichtet. Hat sie etwa Harvey Weinstein aus dem grossen Hollywood-Tableau radiert? Nein, dazu haben grosse, klassische Medien wie der «New Yorker» und die «New York Times» mit ihren orchestrierten Recherchen den Anstoss gegeben – nachdem Weinstein jahrelang die Karrieren von Frauen, die nicht willig waren, gecancelt hatte. Erst dann kam die sozialmediale Welle mit #MeToo, am Ende hat ein Gericht entschieden. Und Cosbys Antrag auf Berufung wurde vor kurzem teilweise stattgegeben.

Oder wie dies der Musiker und Aktivist Billy Bragg im «Guardian» zusammenfasste: Ältere Menschen, die sich viel Verehrung gewöhnt sind, sehen diese von jungen Menschen in Frage gestellt und flippen aus.

Ist Lisa Eckhart verstummt? Überhaupt nicht! Sie hat so viel Redezeit und Zustimmung in den Medien erhalten wie noch nie in ihrem Leben, sie durfte erklären und differenzieren, sich zur Linken bekennen, aber diese auch kritisieren, sie hat das ganz gut gemacht und das Angebot zum Dialog (oder zur PR für ihren ersten Roman) genutzt.

Lisa Eckhart will Antisemitismus kritisieren, indem sie diesen in ihren Programmen auf die Spitze treibt. Manchmal wird sie ihrem eigenen Konzept nicht unbedingt gerecht.

Lisa Eckhart will Antisemitismus kritisieren, indem sie diesen in ihren Programmen auf die Spitze treibt. Manchmal wird sie ihrem eigenen Konzept nicht unbedingt gerecht.

Auch wenn Eckhart nach der Kritik an einem älteren Programm von der AfD umarmt und kurzzeitig zum Opfer-Postergirl der Cancel Culture erhoben wurde, lässt sich eines mit Sicherheit sagen: Weder Weinstein noch Cosby, Rowling oder Eckhart sind Rechte, die von Linken gecancelt wurden. Und nur einer ist ein alter weisser Mann, also das Filetstück unter den Opfern der Cancel Culture.

Trotzdem findet jene Rechte, die in Amerika die Abtreibung abschaffen will, die allgemein bereits Greta Thunberg das Recht auf Öffentlichkeit abgesprochen hat und mitten in Europa der türkischstämmigen Kabarettistin Idil Baydar, den Linken-Politikerinnen Martina Renner, Anne Helm und Janine Wissler und der Wiener Autorin Stefanie Sargnagel Vergewaltigungs- und Todesdrohungen schickt oder den CDU-Politiker Walter Lübcke erschossen hat, dass sich die linke Cancel-Culture-Jugend auf einem Feldzug gegen die Freiheit an sich befinde.

Nun muss man zugeben, dass die Scheinwerfer der sozialen Medien besonders grell leuchten. Gerade die für jederlei Hashtag-Phänomene besonders beliebte Plattform Twitter erlaubt nicht nur Pointiertheit, sondern auch aggressive Verkürzung. Früher hätte man gesagt, was in einer derartigen Knappheit präsentiert werde, sei gänzlich «aus dem Zusammenhang gerissen», etwa aus dem Zusammenhang eines längeren, recherchierten Zeitungsartikels. Doch wo die klassischen Medien ihrer Beobachtungsfunktion nicht mehr nachkommen, übernehmen eben andere. Alles hat eine Ursache.

Und alles hat eine Geschichte. Auch die Cancel Culture. Nur gibt es jetzt einen flotten Begriff, eine negative Prägung. Von jener Seite, die in Cancel Culture besonders erfahren ist. Und ich meine nicht Donald Trump, der jeden Tag andere cancelt: Mexikaner, Muslime, die LGBTQ-Community ...

Gecancelt wurden in der Schweiz so manche Karrieren von Menschen, über die im absurden Namen einer drohenden Übernahme durch den Kommunismus Fichen angelegt worden waren. In den USA gab es zu Beginn des Kalten Krieges die McCarthy-Ära, in der willkürlich gegen angebliche Kommunisten ermittelt wurde und unzählige Kunstschaffende und Wissenschafter ihre Jobs verloren. Unter Hitler wurden Juden, Menschen mit einer Behinderung, Fahrende, Kommunisten und Homosexuelle gecancelt. Und so weiter.

Die reale Macht war dabei auf Seiten der Macht. Jetzt ist zumindest die Definitionsmacht auf der Seite vieler. Das heisst, viele möchten viele Ungerechtigkeiten beheben. Was zu einer nicht ungefährlichen Verzettelung und Zersplitterung der Anliegen und der Blasenbildung einzelner Communitys führt.

Doch der Lauf der Geschichte schubst die Gesellschaften nun einmal ganz langsam, aber unaufhaltsam in Richtung von Gleichberechtigung und Teilhabe, von Diversität und Inklusion. Fortschritt ist unumkehrbar. Emanzipationsbewegungen sind möglich und zeigen Folgen. Was auch dazu führt, dass sich viele unterschiedlich ungerecht behandelt fühlen. Und wo einer ein Unrecht beanstandet, kommen drei und sagen, dass das doch einfach normal sei, schliesslich sei es immer schon so gewesen. Und wenn es anders werden soll, geben sie der Cancel Culture die Schuld. Die es so gar nicht gibt.

Die Publizistin Franziska Schutzbach beschreibt es so: «Ausschliesslich um die noch existierenden Missstände zu kreisen ..., birgt die Gefahr, sie dadurch noch grösser zu machen. Vor allem kann Untergangsstimmung die eigene Handlungsfähigkeit und auch Stärke unterminieren. Sich aus der marginalisierten Perspektive einseitig auf einen Standpunkt der Ohnmacht, der Diskriminierung oder der Unterdrückung zu berufen, hiesse am Ende, genau die Position zu reproduzieren und zu akzeptieren, die einem von den herrschenden Verhältnissen zugewiesen wird: eine Position der Marginalität.»

Wir befinden uns im Fluss feinnerviger Prozesse und Anpassungen. Und ja, das bedeutet auch Privilegienverluste für die einen. Aber es bedeutet weder ihre Annullierung noch ihre Entfernung aus der Öffentlichkeit, das ist reine Selbststilisierung. Seht her, ich bin auch Opfer!

Wie sagte der dänische Schauspieler Nikolaj Coster-Waldau – der Jamie Lannister aus «Game of Thrones» – letztes Jahr in Zürich so schön: «Mich belastet es, zu wissen, dass andere nicht die gleichen Freiheiten haben wie ich. Gleichstellung heisst nicht, dass Männer etwas aufgeben müssen, wir gewinnen etwas. Wir können unsere Freiheiten besser geniessen, wenn wir wissen, dass sie auch die Freiheiten der anderen sind.»

Bruce Springsteen performs at Stand Up For Heroes, presented by the New York Comedy Festival and the Bob Woodruff Foundation, at The Theater at Madison Square Garden on Tuesday, Nov. 1, 2016, in New York. (Photo by Greg Allen/Invision/AP)

Bruce Springsteen performs at Stand Up For Heroes, presented by the New York Comedy Festival and the Bob Woodruff Foundation, at The Theater at Madison Square Garden on Tuesday, Nov. 1, 2016, in New York. (Photo by Greg Allen/Invision/AP)

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