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Er will seine Meinung sagen können. Cancel Culture fordert weiteres Opfer

Winston Marshall, Gründungsmitglied von Mumford & Sons, ist aus der Band ausgetreten. Er ist ins Schussfeld von linken Kreisen geraten.

Stefan Künzli
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Der Gitarrist und Banjo-Spieler Winston Marshall war seit 2007 bei Mumford & Sons.

Der Gitarrist und Banjo-Spieler Winston Marshall war seit 2007 bei Mumford & Sons.

Amy Harris / AP Invision

«Herzlichen Glückwunsch. Endlich Zeit, Ihr wichtiges Buch zu lesen. Du bist ein mutiger Mann», schrieb Winston Marshall, Gründungsmitglied der britischen Band Mumford & Sons, im März dieses Jahres über ein Buch des umstrittenen, konservativen Journalisten Andy Ngô. Dieser hatte in «Un­masked» die linke Protestbewegung Antifa angeprangert. Mit seinem Tweet löste Marshall einen Shitstorm in den sozialen Medien aus. Der Musiker geriet ins Schussfeld von linken Kreisen, die ihm vorwarfen, er verbreite Faschismus.

Marshall entschuldigte sich zunächst, nahm diese Entschuldigung jetzt aber wieder zurück. Er habe sich nur entschuldigt, um seine Bandkollegen von Mumford & Sons zu schützen. In dem Blog betont er weiter, dass sein Kommentar über das Buch «in keiner Weise eine Billigung der abstossenden extremen Rechten» sei. «Die Wahrheit ist, dass die Berichterstattung über Extremismus unter grosser Selbstgefährdung fraglos mutig ist. Ich habe auch das Gefühl, dass meine vorherige Entschuldigung in gewisser Weise an der Lüge teilhat, dass solch ein Ex­tremismus nicht existiert.» Er trete jetzt aus der Band aus, um seine Bandkollegen zu schützen und problemlos seine Meinung sagen zu können. «Ich könnte bleiben und mich weiter selbst zensieren, aber es wird mein Gefühl der Integrität untergraben. Es würde an meinem Gewissen nagen», schreibt er.

Die britische Zeitung «Telegraph», die der Konservativen Partei von Premier Boris Johnson nahesteht, kritisierte am Wochenende, der Musiker sei Opfer der Cancel Culture geworden. Damit wird das Phänomen beschrieben, dass Menschen in der Öffentlichkeit verurteilt werden, weil sie sich nicht an vermeintlich geltende Standards, etwa politische Korrektheit, halten.

Andy Ngôs Berichterstattung über antifaschistische Gruppen und Muslime hat zu heftigen Kontroversen geführt. Vor allem von linker Seite wird seine Glaubwürdigkeit angezweifelt. Sein Buch «Unmasked: Inside Antifa’s Radical Plan to Destroy Democracy», das Anfang Jahr erschien, wurde von einigen Kritikern verworfen, weil es angeblich irreführende Behauptungen und sachliche Ungenauigkeiten enthalte. Dazu werden ihm Verbindungen zu militanten rechten Gruppen in Portland vorgeworfen.

Die Alben von Mumford & Sons sind weltweit mehrfach mit Platin ausgezeichnet worden. Marschall ist der Sohn des Hedgefonds-Managers Paul Marshall, einem der Finanziers des neuen konservativen TV-Senders GB News, der Cancel Culture den Kampf angesagt hat und die für ihre demonstrative Unabhängigkeit bekannte BBC herausfordern will. Er sei stolz auf seinen Sohn, twitterte Paul Marshall. (sk/dpa)