Interview

Campino übers Älterwerden: «Bis 70 werde ich das kaum machen»

Campino: «Alt und zornig kommt jedoch schnell vergrätzt rüber.»

Campino: «Alt und zornig kommt jedoch schnell vergrätzt rüber.»

Der Sänger der Toten Hosen ist mittlerweile 57 und findet, ewig könne das mit dem Punkrock nicht weitergehen. Doch das dachte Campino schon mit 20. Ein Gespräch über den Zuspruch der Ostparteien, Fussball – und Musik ohne Strom.

Sie gehen mit Ihrem Album «Alles ohne Strom» erstmals unplugged auf Tournee. Was verstehen Sie unter «unplugged»? Eine Musikform, eine Alterserscheinung bei Rock-’n’-Rollern oder ein strom­sparender Tribut an die Greta-­Generation?

Zunächst einmal ist Unplugged ein leider geschützter Begriff des ehemaligen Musikkanals MTV. Er hat das Konzept erfunden. Wir nennen unsere Scheibe «Alles ohne Strom», weil wir erstens nicht mit MTV zusammenarbeiten und uns zweitens nicht den Regeln, die damit verbunden sind, unterwerfen wollen. Sie lauteten, bei Unplugged-Konzerten müssten die Künstler sitzen, ebenso das Publikum. Es war jedoch nie die Rede davon, dass man versucht, die Songs neu zu interpretieren, wie wir das nun machen. Trotzdem war es ein ­revolutionäres Konzept, das mich begeistert hat, spätestens seit dem Unplugged-Konzert von Nirvana.

Weshalb?

Da habe ich verstanden, dass eine gewaltige Band, wie das Nirvana war, plötzlich mit subtilen Tönen noch viel eindringlicher werden kann. Da war mir klar: Hier geht es nicht darum, Punkrock oder Rock ’n’ Roll über Lautstärke zu definieren, sondern über das Anliegen. Dass Inhalte plötzlich nach vorn rücken und sich nicht vom Krach zudecken lassen, war das Magische an den Unplugged-Sachen. Allerdings sind die zwanghaften Regeln aus der Zeit gefallen.

Punkrock war immer sehr energetisch und spassorientiert, aber auch politisch. Gewichten Sie diese Faktoren heute anders als früher?

Wir sind Ende der 1970er-Jahre, in Düsseldorf lebend, wahnsinnig anglophil geprägt worden. Unsere Vorbilder kamen aus England, wo der Punkrock sehr politisch war, und hiessen The Jam, The Clash und Sex Pistols, wobei sie meiner Meinung nach fast eher zu den unpolitischeren Bands zählten – auf Radau gebürstet und mit provokanten Texten die «Anarchy In The UK» propagierten und die Queen beleidigten. Das hat die Gesellschaft ins Wanken gebracht.

Und wie hat das Ihre eigene Musik geprägt?

Mir hat es nie gereicht, ein schönes Musikstück zu hören. Ich wollte immer wissen: Wer singt es, wie lebt dieser Typ, meint er, was er da sagt? Ich nehme es niemandem übel, der andere Prioritäten setzt, aber die Toten Hosen betrachten es bis zum heutigen Tag als Privileg und Chance, mit unseren Liedern für eine Haltung einzustehen und uns für Inhalte einzusetzen.

Beunruhigen Sie die letzten Wahlergebnisse in Deutschland?

Sie spielen auf Thüringen an. Ich finde es bemerkenswert, dass die Menschen 30 Jahre nach dem Mauerfall den alten Westparteien wieder den Rücken kehren. Was gewählt wird, sind die Ostvarianten der AfD und die Linke, die früher mal im Westen belächelt wurden und heute gefürchtet sind. Die Wahlresultate immer noch als Denkzettel abzutun, halte ich für völlig falsch.

Sie entsprechen jedoch meiner Einschätzung, dass in vielen europäischen Ländern – auch in der Schweiz, Österreich oder Frankreich – ein Viertel der Bevölkerung für Rechtspopulismus empfänglich ist. Beruhigend ist, dass sich immer mehr Menschen wehren. Die Leute stehen viel öfter auf und sagen, bis hierhin und nicht weiter. Ebenfalls sehr erfreulich ist, dass die jungen Leute sich einmischen und erkennen, dass sie etwas bewirken können, wenn sie auf die Strasse gehen und gegen die Klimapolitik demonstrieren.

Die SPD hat in Deutschland sehr viele Stimmen verloren, die Schweizer SP ist ebenfalls gebremst worden. Können Sie sich auch mehr mit Grün als mit Rot identifizieren?

Ich gestehe, dass die Grünen für mich schon in den Gründungsjahren der ­Partei die Alternative waren, die ich ­gewählt habe. Ich bin zwar längst nicht mit allem einverstanden, was sie machen, aber ich habe sie schon bei gewissen Projekten unterstützt.

Welche Rolle haben Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll in Ihrem Leben gespielt?

Wie soll ich auf so eine Frage reagieren? Ich lächle dazu meistens. Ich habe ein gutes Stück vom Kuchen abbekommen. Ich bereue nicht viel in dieser Richtung und habe auch nicht das Bedürfnis, noch viel nachzuholen. Die hundertste Party ähnelt irgendwann der ersten und man fängt an zu überlegen, ob das Preis-Leistungs-Verhältnis noch stimmt. War diese Fete vier Tage Kater wert? Ich sage deswegen nicht: Nie wieder eine harte Feier. Aber ich beuge mich keinem Gruppenzwang mehr.

Viele Rock-Legenden sind heute um die 70 und touren noch immer. Wo sehen Sie sich in diesem Alter?

Hmh. Ich glaube nicht, dass ich noch auf einer Bühne stehen und singen werde, aber ich habe mit 20 auch gesagt, mit 30 werde ich das nicht mehr tun, und es ist alles ganz anders gekommen.

Sie sind jetzt 57 Jahre alt. Wie gut kommen Sie generell mit dem Älterwerden zurecht?

Ich bilde mir ein, dass ich nicht über alle Massen hadere. Vielleicht kam die Geburt meines Sohnes genau im richtigen Moment. Ich bin mit 42 Vater geworden. Bis dahin hatte ich in allen Bereichen Gas gegeben und nie das Gefühl einer Bindung verinnerlicht. Und dann kam plötzlich diese Konstante in mein Leben, von der ich mich nicht einfach verabschieden konnte und wollte. Das hat mich geerdet. Einem Kind ist es egal, was der Papa macht, ob er Filmschauspieler, Milchmann oder Finanzbeamter ist. Es will, dass du da bist und dich mit ihm auseinandersetzt.

Es hat mir gutgetan, dass sich meine Welt nicht nur um mich dreht, sondern auch um andere.

Schreiben Sie aus Dankbarkeit immer mehr Hymnen auf das Leben wie die aktuelle Single «Feiern im Regen»?

Ich finde es wichtig, immer auch das Positive zu sehen. Jung und zornig ist echt schön und hat absolut seine Romantik. Alt und zornig kommt jedoch schnell vergrätzt rüber, als sei man über verpasste Möglichkeiten enttäuscht. Ich will kritisch bleiben, aber das Leben auch feiern. Das Lied ist der Gegenentwurf zu Sunshine Reggae auf Ibiza. Wir sitzen darin im täglichen Grau von Düsseldorf und machen das Beste draus.

Ihnen macht nicht nur Musik grosse Freude, sondern auch Fussball. Sie sind Fan des FC Liverpool, der die Champions League ­gewann. Waren Sie live dabei im Stadion?

Natürlich, und vor allem beim legendären 4:0 im Halbfinale gegen Barcelona, genauso wie in Porto, Neapel, Genk sowie kürzlich im englischen Ligapokal bei strömendem Regen in Milton Keynes. Ich ziehe mir das so intensiv rein, wie es geht, aber leider Gottes muss ich mit der Band ja auch ein paar Konzerte spielen...

Kennen Sie Trainer Jürgen Klopp so gut, dass Sie wissen, ob er auch Tote-Hosen-Fan ist?

Ich kenne ihn sehr gut, und er muss ja nicht Tote-Hosen-Fan sein. (Belustigt) Wichtig ist, dass er etwas vom Fussball versteht! Tatsächlich verbinden ihn starke Emotionen mit uns, da unser grösster Hit «Tage wie diese» genau in der Zeit durch die Decke ging, als ­Borussia Dortmund Meister wurde. Die haben das dort so oft genudelt, dass Jürgen wohl jedes Wort auswendig kennt.

Verstehen Sie, dass hierzulande immer noch viele Menschen fasziniert sind, dass ein deutscher Rockstar und eine Schweizer Schauspielerin ein Paar waren, obwohl es schon einige Jahre her ist?

(Denkt lange nach). Klar, das begreife ich. Da haben sich halt zwei Menschen getroffen, die allgemein sehr bekannt sind. Dass die Leute da aufgehorcht haben, weil es bei Melanie und mir klick gemacht hat, ist verständlich. Ob man damit im öffentlichen Fokus stehen möchte oder nicht, spielt da ­keine Rolle mehr.

Meistgesehen

Artboard 1