Seit ihrer Gründung 1996 haben sie sich die Verschmelzung der Stile auf die Fahne geschrieben, die Überbrückung von Grenzen auch. Das manifestiert sich allein in ihrem Namen: Calexico. Ein Wortspiel und zugleich eine Ortschaft im südwestlichen Teil der USA, die das sehnsuchtsvolle California mit dem schwelgerisch-melancholischen Mexico vereint. Wie sieht Bandgründer Joey Burns die Grenzpolitik heute, wie das Land der Freiheit und der Sehnsüchte? Anlass für ein Ferngespräch.

Grenzen sind ein wiederkehrendes Thema in Ihren Songs. Ihr Songklassiker «Across the Wire» (2002), worin Sie eine tragische Flucht aus Mexiko schildern, hat nichts an Aktualität eingebüsst. Das stimmt nachdenklich.

Joey Burns: Absolut, ja. Ich mache mir Sorgen. Nicht nur wegen der Situation hier in Nordamerika, sondern überall auf der Welt.

Wie nehmen Sie die Grenzpolitik wahr?

Ich lebe in Arizona, im Südwesten der USA an der Grenze zu Mexiko. Dass man den Immigranten respektive den Menschen, die anders sind oder anders aussehen, die Schuld für die Probleme gibt, ist leider nichts Neues. Bei der Immigrationsdebatte geht es im Kern aber um Rassismus. Das geht für mich gar nicht. Ich reise viel herum und war immer schon sehr offen, was Musik und Menschen aus anderen Ländern angeht. Das ist die Welt, in der ich gerne leben möchte. Politisch mache ich mir daher grosse Sorgen, auf der anderen Seite sehe ich aber auch Hoffnung. Es gibt neue Politiker, Studenten und sogar Kinder, die sich engagieren für eine bessere Welt.

Sie denken an Greta Thunberg?

Ja, ich finde sie fantastisch. Auch hier in den USA tut sich etwas. Zum Beispiel das Waffengesetz, zu dem sich viele Kids geäussert haben und weswegen diese auf die Strasse gingen.

Wann waren Sie zuletzt an der Grenze zu Mexiko?

Ich besuche die Grenze nicht so oft wie mein Bandkollege John Convertino, der in El Paso lebt. Aber gerade letzte Woche waren meine Tochter und ich in Tucson und haben dort Kleider für die Kinder von Immigrantenfamilien vorbeigebracht, welche Asyl in den USA beantragen wollen. Etwa 150 Leute kommen jeden Tag durch Tucson. Wir gingen zu einem Ort, wo man sich um die Menschen kümmert. Von dort aus reisen die Menschen in andere Teile der USA, um ein Zuhause zu finden.

Haben die Jahre unter US-Präsident Donald Trump Calexico zu einer noch politischeren Band gemacht?

Vielleicht, ja, denn die Zeiten sind extremer und die Politik ist absurd geworden. Es ist unmöglich, dem zu entkommen, egal ob in der Musik, Kunst oder in den verschiedensten Aspekten unseres Lebens. Die Realität, in der wir leben, ist beängstigend. Deshalb hoffe ich, dass die Leute bei der Präsidentschaftswahl 2020 wählen gehen und so einen Regierungschef erhalten, der hilft, den Problemen wirklich auf den Grund zu gehen.

Also haben Sie die Hoffnung in die Menschheit in den vergangenen Jahren nicht verloren?

Es gibt immer Menschen, die optimistisch sind. Oder wie Bob Marley es so schön sagte: Don’t give up the fight! Es fühlt sich heute mehr wie ein Kampf an als noch vor 15 oder 20 Jahren. Aber es gab schon immer Regierungen und Anführer, welche fragwürdig waren. Ich hoffe einfach, dass sich die Leute jetzt auch wirklich engagieren. Wenn wir etwas aus der letzten Präsidentschaftswahl ziehen können, dann, dass wir unsere Freiheit nicht als selbstverständlich ansehen können. Wir müssen uns wirklich engagieren. Es liegt in unserer Verantwortung. Nichts ist selbstverständlich. Ob es um die Gesundheit des Planeten geht oder um das Wohl von Tieren oder Menschen, die darauf leben. Man muss lokal handeln und global denken.

Sie haben mal gesagt, dass Ihre amerikanische Fangemeinde nicht so gross ist wie jene in Europa. Stimmt das noch immer?

Ja, ich denke schon. Dass wir eine amerikanische Band mit europäischen Mitgliedern und Latin-Einflüssen sind und an der Grenze zu Mexiko leben, ist für Europäer spannender als für die Amerikaner. In den USA gibt es ironischerweise kein grosses Interesse an regional beeinflusster Musik. In Deutschland werden mehr World-Music-Konzerte veranstaltet als in allen anderen Ländern dieser Welt. Es ist vor allem deshalb ironisch, weil es in den USA eine grosse Latin-Community gibt.

Wie erklären Sie sich den Unterschied?

Ihr Europäer schätzt die Kultur. Wenn ihr aufwacht, trinkt ihr eine Tasse tollen Kaffee, der meist noch aus Porzellan getrunken wird. Wenn wir aufwachen, haben wir Firmenprodukte, die von Werbung durchdrungen sind und in einem Styropor-Becher serviert werden. Ihr habt Kultur, wir haben Kommerz. Was ich damit meine: Kultur ist ein Grundnahrungs- mittel eurer Ernährungsweise und eures Lebens. In den USA verlassen wir uns auf grosse Unternehmen. Die Kultur stirbt hier schon seit vielen Jahrzehnten aus. In der High School war ich beispielsweise in der letzten Klasse, die noch einen Fachbereich Jazzmusik hatte. Nach meinem Abschluss wurde diese eingestellt.

Ihr neues Album ist eine Kooperation mit dem Sänger und Songwriter Iron & Wine. Was fügt er Calexico hinzu?

Sam Beam alias Iron & Wine ist einer der talentiertesten Singer-Songwriter, Arrangeure und Produzenten, den ich je getroffen habe. Wir haben das Album über fünf Jahre geplant und schliesslich in vier Tagen aufgenommen. Er erinnert mich an Bob Dylan, Simon and Garfunkel oder Leonard Cohen. Er hat nicht nur in seinen Texten, sondern auch in seiner Stimme eine Tiefe.

Und wie äussert sich das bei Ihrem einzigen Schweizer Gastspiel im Juli?

Am Stimmen Festival werden wir sowohl die neuen als auch die älteren Songs performen. Es werden dabei drei Mitglieder von Calexico und drei Mitglieder von Iron & Wine dabei sein, also der Kern beider Gruppen mit jenen Musikern, die das Album grösstenteils aufgenommen haben. Es wird sicher eine Outdoor-Show mit viel positiver Energie werden.

 

Calexico mit Iron & Wine: «Years to Burn» (City Slang/Irascible). Live: 20. Juli 2019, Stimmen Festival, Domplatz Arlesheim.