Musical

«Cabaret» am Zürcher Bellevue: Strapse und umwerfende Songs

Überzeugt als Sally Bowles: Fabienne Louves.

Überzeugt als Sally Bowles: Fabienne Louves.

Mit «Cabaret» wagt sich die Bernhardtheaterbühne an einen Klassiker, der erfolgreich verfilmt wurde. Insbesonders Fabienne Louves überzeugt mit ihrem Gesang restlos und hält sogar Liza Minelli aus dem Film Stand.

Theatralisch in die Fussstapfen eines mit acht Oscars, drei Golden Globe Awards und weiteren Auszeichnung dekorierten Films zu treten, ist ein mutiges Unterfangen. Selbst wenn ja eigentlich nicht zuerst der Film, sondern – mit Uraufführung 1966 – die äusserst erfolgreiche Broadway-Version war.

Weltberühmt wurde John Kanders «Cabaret» jedoch erst durch die Verfilmung 1972. Jetzt also ist die grosse Welt am Zürcher Bellevue gelandet: Eindeutig zweideutige Frivolitäten im Schatten des aufkeimenden Nationalsozialismus – in umwerfender Symbiose mit grossartigen Songs – haben im Bernhardtheater Einzug gehalten.

Fabienne Louves performt ein Medley aus dem Musical «Cabaret»

Fabienne Louves performt ein Medley aus dem Musical «Cabaret»

Flirrende Stimmung

Der Berliner Kit-Kat-Club der frühen 30er-Jahre gleich neben dem Opernhaus: Da geht die Post ab. Blinkende Glühbirnen, an der Decke Kristallleuchter, links und rechts der Bühne je drei Top-Musiker, dazwischen kleine artistische und leicht frivole Einlagen – schon vor Vorstellungsbeginn wird das Publikum meisterlich in flirrende Stimmung gebracht.

Und sie hält zweieinhalb Stunden lang an. Dazu tragen ein pfiffiges und ausgeklügeltes Bühnenbild ebenso viel bei wie raffinierte Kostüme und Masken und eine furiose Choreografie.
Regisseur Dominik Flaschka gelingt es, den Zuschauer – schwankend zwischen Lachen und Seufzen, Begeisterung und Beklemmung – zu packen.

Fabienne Louves - vom Teenie-Casting-Sternchen zur Musical-Sängerin:

Manchmal allerdings treibt die Opulenz seiner Einfälle etwas allzu bunte Blüten, etwa wenn er einen deutschen Zöllner seinem Kollegen zähnefletschend, bellend und mit Pelzhandschuhen bei der Passkontrolle assistiert. Vor allem aber räumt die Inszenierung Michael von der Heide als Conférencier allzu viel Raum für extensive «Schwulitäten» ein, unter anderem mit dem «running gag» einer ausgeprägten Kopulationsbewegung bei jeder Nennung des Wortes «Mann».

Dabei fehlt von der Heides Conférencier das Diabolisch-Untergründige, das die Figur erst richtig faszinierend macht. Von der Heide spielt vorwiegend sich selber, auch gesanglich. Er mag ein guter Schlager- und Chansonsänger sein, fürs Musical reicht das nicht.

Auf hohem Niveau

Im Gegensatz dazu Fabienne Louves. Sie überzeugt vor allem gerade gesanglich restlos. Bereits mit ihrem «You have to understand the way I am, mein Herr» reisst die Zuhörer förmlich von den Stühlen. Sie hält einem Vergleich mit Liza Minelli aus dem Film durchaus stand. In den weiteren Sprech- und Gesangsrollen des auf hohem Niveau sehr homogenen Ensembles fallen besonders die differenzierend und berührenden Sabine Martin als zimmervermietendes Fräulein Schneider und Helmut Vogel als Herr Schultz als jüdischer Früchtehändler auf.

Chapeau auch vor den wahrhaft berauschenden Leistungen der je vier Kit-Kat-Girls und -Boys. Wenn die Girls in Strapsen und Korsagen ihre Popöchen schwenken, bringen sie nicht nur männliches Blut in Wallung. Und wenn die Boys zigarettenrauchend ihre Muskeln spielen lassen, wirken selbst die Sockenhalter an ihren nackten Beinen sexy.

Cabaret Bernhardtheater. Bis 15. Januar 2017. www.cabaret-musical.ch

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