«Herbstmäss-Stopp wegen Terrorrisiko»: Gegen Ende von Benjamin von Wyls Heimatvision steht die Schweiz am Rande eines Bürgerkriegs. Die Herbstmesse in Basel wurde nach zwei Tagen abgesagt, die Flüchtlinge im Zwischengeschoss des Zürcher Hauptbahnhofs mit einer Nagelbombe angegriffen. Die SVP bildet Bürgerwehren und schreitet zur Landesverteidigung. In den Städten führt eine Basler Politikerin von der Alternativen Liste die totalitäre Abspaltung vom Umland an. Es steht Stadt gegen Land und heisst treffend: «Land ganz nah».

Diese Eskalation lesen wir aus der Perspektive zweier Ichs: Karola ist Mitte zwanzig, arbeitet bei einer Zeitung in Basel, hat einen Macho als Chef und eine komplizierte Beziehung zum zweiten Ich des Romans. Das ist ein Er und bleibt namenlos. Wie vor ein paar Jahren der Autor, wohnt auch der Protagonist am Wiesenplatz, hält keine zwei Tage ohne Social Media aus und hasst Zürich, wo er ebenfalls etwas mit Medien macht. Das alles kann, wer will, auch an von Wyls meterlanger Facebook-Chronik ablesen.

«Mir sin mir!»

Während Karola und der Protagonist versuchen, ihre Beziehung mit einem Easy-Jet-Ausflug nach Amsterdam zu kitten, eskaliert in Zürich die Situation. Die SVP will mit ihrem «George Clooney vo de Aupe» das Flüchtlingscamp für einen Wahlkampfauftritt ausschlachten und wird von Autonomen angegriffen.

In der Universität Basel hält die ehrgeizige AL-Politikerin derweil eine Brandrede zur Abspaltung der Städte vom reaktionären Land: «Mir sin mir – und mir sin alli, wo do läbe!» Von Wyl lässt viele seiner Figuren in Dialekt sprechen, was jeweils in Fussnoten übersetzt wird. Episodisch kommt auch ein Geflüchteter namens Johnny zu Wort. Er spricht in einer Mischung aus Englisch und Deutsch. Das Sprachspiel wirft uns immer wieder auf uns selbst zurück: Wer sind wir in unserer Sprache? Plötzlich ist Luzerner Dialekt genauso schwer verständlich wie gebrochenes Deutsch.

Niklaus Meienberg auf Ritalin

Von Wyl hat eine beissende Satire auf seine Generation und den Schweizer Politbetrieb geschrieben. An manchen Stellen liest sich das wie ein dystopischer Heimatroman von Niklaus Meienberg auf Ritalin. Von Wyl arbeitet selbst als freier Journalist für zahlreiche Zeitungen und weist im Buch die Medien immer wieder als Katalysator für die wortwörtlich explosive Stimmung im Land aus.

Nebst viel Lokalkolorit zeigt er grosse Freude an popkulturellen Anspielungen und intellektuellen Referenzen. Über weite Strecken ist dieser Zukunftsroman aber im Stil eines journalistischen Berichts gehalten. Dabei entwickelt er einen erstaunlichen Sog, der bis zum Ende anhält.

«Land ganz nah» ist ein politisches Gedankenspiel. Was wäre, wenn bei uns die Stimmung kippen würde? Der erfundene Bürgerkrieg explodiert entlang der politischen Gräben der realen Schweiz: Stadt gegen Land, Drinnen gegen Draussen. Man hofft, dass von Wyls Text nicht recht behalten wird.

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Lesung:

Buchhandlung Labyrinth, Basel. 10. Oktober, 19.30 Uhr.