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Nach ihrem Debütroman liefert Emma Cline mit «Daddy» mitreissende Snapshots des heutigen amerikanischen Lebens

Mit ihrer Storysammlung «Daddy» liefert die kalifornische Schriftstellerin Emma Cline spannende Einblicke in heutiges amerikanisches Leben.

Peter Henning
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Mit «Girls» hat Emma Cline einen Bestseller gelandet. Ihre Short Stories sind ebenso brillant.

Mit «Girls» hat Emma Cline einen Bestseller gelandet. Ihre Short Stories sind ebenso brillant.

Ricky Said

Die grossen weissen Männer der amerikanischen Short Story der Achtziger- und Neunzigerjahre schweigen inzwischen: Raymond Carver und John Updike sind tot. Richard Ford verwaltet seinen Ruhm. Folglich hat sich dort längst eine Riege jüngerer Schriftstellerinnen auf dem Feld der sogenannten «Kleinen Form» etabliert.

Die Rede ist von Autorinnen wie Lauren Groff, Mary Miller – oder eben Emma Cline, deren in den USA hochgelobte, nun auf Deutsch vorliegende Story-Sammlung «Daddy» zu allergrössten Hoffnungen Anlass bietet.

Denn die 1989 geborene, in Kalifornien aufgewachsene Autorin, die 2016 ihren Debütroman «Girls» vorlegte, liefert in «Daddy» mitreissende, psychologisch scharf ausgeleuchtete Snapshots heutigen amerikanischen Lebens; also das, was der deutsche Schriftsteller Wolfdietrich Schnurre einst als «Stücke her­ausgerissenen Lebens» bezeichnete: Momentaufnahmen dieser oder jener Leben, in die sich ihre Sätze hinein öffnen wie aufgestossene Fenster – und uns so spannende Einblicke gewähren.

Und stets erleben ihre Figuren am Ende eine so tiefgreifende innere Wandlung, dass selbst die ihnen Nahestehenden diese nicht länger ignorieren können – so gerne sie es auch täten.

Die Sehnsucht nach dem anderen Leben endet im Dilemma

Entsprechend heisst es am Ende des Stückes «Arcadia» über die lange Zeit wankelmütig durchs Leben gehende Heddy: «Sie sah aus wie ein neuer Mensch, wie jemand, den er nicht kannte.» Tatsächlich findet die schwangere junge Frau, die gemeinsam mit ihrem latent gewaltbereiten Bruder Otto und dem angehenden Vater ihres Kindes, Peter, auf einer Obstfarm lebt, keinen rechten Sinn im Leben. Sie studiert eher lustlos an der Universität Französisch – und wenn sie abends nach Hause kommt, erwarten sie die beiden Streithähne.

So zieht es Heddy immer häufiger weg von der Farm – getrieben von der Sehnsucht nach grösseren Abenteuern, als sie ihr ein Dasein an der Seite ihres jungen unbedarften Mannes versprechen. «Schweigend frühstückten sie zu Ende. Der Raum wurde muffig von Stille, die Luft verdichtete sich, Luft, die hundert Jahre alt zu sein schien.»

Nicht viel besser ergeht es der Schauspielschülerin Alice in dem Stück «Los Angeles», die in einem Klamottenladen jobbt – und während sie Kleiderbügel sortiert von der grossen Leinwandkarriere träumt. Genau wie all die tausend anderen namenlosen Sternchen, die in die Stadt der Engel gekommen sind, um dort ihr Glück zu machen.

Denn der Unterricht, den sie erhält, ist ein teurer Witz. Und weil ihre Mutter sich irgendwann weigert, ihn zu bezahlen, verlegt Alice sich ebenso wie ihre Kollegin Oona darauf, ihre getragene Unterwäsche an dubiose Internet-Kunden zu verkaufen.

Bis sie dabei eines Tages an den Falschen gerät – und Alices Traum vom Glück in der Enge eines Wagens endet, dessen Türen sich nicht mehr öffnen lassen. «Alice war sich mit einem Mal sicher, dass sie in der Falle sass, aber sie riss immer noch hektisch, mit wild klopfendem Herzen an dem Türgriff. Hör schon auf!, sagte der Mann, Du machst es nur schlimmer.»

In all ihren Stories versetzt Emma Cline ihre Figuren in Situationen, in denen sie gezwungen sind, moralische Entscheidungen zu fällen. Ihnen dabei zuzusehen, geht unter die Haut.

Emma Cline: Daddy. Stories. Aus dem Amerikanischen von Nikolas Stingl. Hanser 256 Seiten.

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