Theater

Zwölf Menschen, vier Tage, eine Aufführung

Das Theaterformat «96amstück» will jungen professionellen Theaterschaffenden erste Praxiserfahrung ermöglichen. Mit dem extrem engen Zeitlimit von 96 Stunden erarbeiten Menschen, die sich vorher nicht kannten, zusammen Kurzstücke.

Noch drei Tage bis zur Premiere und die Künstlerinnen und Künstler wollen das ganze Publikum mit Funkkopfhörern ausstatten. Eigentlich ist der Fall klar: Die Künstler bekommen normalerweise, was sie wollen. So läuft das in der Theaterwelt.

Anders beim Format «96amstück»: Jonas Darvas versucht, im Gespräch mit ihnen abzutasten, wie sie die Kopfhörer überhaupt einsetzen würden. Noch ist er unentschieden. Blockiert es die Entwicklung der Arbeit, wenn er zustimmt? Wenn es zwei Tage dauert, die Kopfhörer zu organisieren, wartet diese Gruppe die Hälfte ihrer Probenzeit auf ihr entscheidendes Gimmick.

Bei «96amStück» (siehe Kasten) entspricht Darvas Funktion am ehesten jener des Produktionsleiters. Sonst sind Produktionsleiter Tausendsassas, die wenige Entscheidungen selber treffen dürfen – umso mehr müssen sie umsetzen. Hier sieht Darvas die Aufgabe seines Teams als «Ermöglicher». Er kennt die Schwierigkeiten beim Berufseinstieg: Selbst erst 28 arbeitet er sonst in verschiedenen Konstellationen als Regisseur, Theatermusiker und Produktionsleiter.

«Würden wir zu TheorieDiskussionen einladen, gäbe es vielleicht nicht weniger spannende Ideen wie nach dieser intensiven Woche. Die Teilnehmer hätten aber weder Theaterpraxis sinnlich erlebt, noch tatsächlich etwas auf die Beine gestellt», erklärt Darvas das experimentelle Format.

Arbeiten, essen, schlafen

Aus etwa 100 Bewerbungen von Theaterschaffenden unter 30 hat «96amstück» zwölf ausgewählt. Nicht nur die eingefahrenen Theaterhierarchien werden dabei umgestossen. Statt mindestens vier Wochen Probenzeit, einem Vorlauf aus ewiger Konzeptphase und Monaten, die vom Schreiben von Finanzierungsanträgen an Stiftungen geprägt sind, haben die Künstler genau 96 Stunden zwischen dem ersten Zusammentreffen und der Aufführung.

Während den vier Tagen arbeiten sie zusammen, leben sie zusammen und essen sie zusammen. Für das leibliche Wohl sorgt Elias Buess, der ehemalige Küchenchef des Restaurants Feldberg.

Die Voltahalle ist für zwölf Leute mehr als gross genug. Dank dem Zirkuswagen, dessen Einrichtung an den Orientexpress erinnern soll, und den «Hotelzimmern», die das «96amstück»-Team auf das zur Halle gehörende Hochplateau gebaut hatte, bietet die Voltahalle den Theaterschaffenden auch Rückzugsraum.

Der Do-it-yourself-Charme des Formats wird von Detailfreude bei der Einrichtung gekrönt: In jedem Zimmer gibt es eine Topfpflanze. Das Team um Darvas eint nicht die gemeinsame Theatererfahrung, sondern die geteilte Pfadfinder-Vergangenheit. Dementsprechend praktisch denken sie und dementsprechend können sie sich für handwerkliche Arbeit begeistern.
Egal, ob es um das Thema oder die Arbeitsweise geht: Bei «96amstück» muss man schnell Entscheidungen treffen.

Die Aussicht durch die Fenster des Hallenhotels war für eine der drei Gruppen prägend. Sie mussten nur durch die Glasfront der Voltahalle über die Strasse gucken, um ihr Thema zu finden: die Basler Pharmaindustrie.

Dieser Umgang mit der direkten Umgebung ist im Sinne des Konzepts. Das Format wird unter anderem getragen von diversen Kooperationen im Quartier. Dazu gehören etwa die externen Zusatzproberäume oder Leihvelos für Stadtausflüge während Pausen. Selbst wenn einige der Theaterschaffenden nie zuvor in Basel waren: Allzu oft werden die Fahrräder nicht benutzt. Natürlich geniessen die jungen Theaterschaffenden die Pfadilager-Stimmung – sie spüren aber auch den Druck der bevorstehenden Aufführung.

Bewerbungen aus ganz Europa

Die Künstler sind unter anderem aus Giessen, Wien und Prag nach Basel gereist. Die Meisten haben sich zuvor noch nie gesehen. Sie sind Performer, Dramaturgen oder Bühnenbildner. Wer zusammenarbeiten soll, hat das «96amstück»-Team anhand der Bewerbungsmappen entschieden. Im Vorfeld erhielten alle die Email-Kontakte der anderen Gruppenmitglieder.

Die Gruppe um Lea König, Cosima Baum, Maria Huber und Jakob Boeckh nutzte diese Möglichkeit zur digitalen Vorbesprechung. «Wir haben bereits per Mail entschieden, dass wir von Objekten ausgehen wollen. Ähnlich wie beim Kinderspiel ’Ich packe meinen Koffer’ nannte jeder von uns Gegenstände. Alle hatten dann den Auftrag das genannte Objekt mitzubringen», erzählt Lea König.

Jetzt entwickeln sie ihr maximal 30 Minuten langes Kurzstück ausgehend von Kleidungsstücken mit Tiersujets und Leuchtkörpern. Manchmal blicken sie neugierig quer durch die Halle zur Gruppe, die vor dem Laptop Texte schreibt und bespricht. Was die wohltun? «Der Rahmen von ’96amstück’ ist klar. Wie er gefüllt wird, bleibt offen», schliesst Darvas seine Ausführungen.

Niemand erwarte am Ende der Woche ein fertiges Stück.
«Ich finde Unfertigkeit eine gute Fertigkeit», schliesst wiederum Maria Huber aus der Gruppe mit den Tiersujet-Klamotten den Einblick in ihre Arbeit. Ob das Publikum tatsächlich mit Funkkopfhörern ausgerüstet wird, findet man bei der Aufführung heute Abend in der Voltahalle raus. Zwischen dem Probebesuch und dem Erscheinungstag dieses Artikels liegen 60 Stunden. Eine Ewigkeit, während der sich noch alles ändern konnte.

Öffentliche Werkschau: Freitag, 6 April, 20 Uhr, Voltahalle, Basel. 

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1