Landesmuseum

Zwischen Verharren und Aufbruch

Heute: Das Landesmuseum, vom Platzspitz aus gesehen. Matthias Scharrer

Landesmuseum

Heute: Das Landesmuseum, vom Platzspitz aus gesehen. Matthias Scharrer

Zur Feier des Tages wird am 1. August der renovierte Teil des Landesmuseums neu eröffnet. Doch Aufbruchstimmung herrscht deswegen nicht. Neues strebt das Land nur in kleinen Schritten an – wenn überhaupt.

Matthias Scharrer

Migros-Angestellte picknicken über Mittag auf der Wiese vor dem Landesmuseum, daneben rempeln ein paar Jugendliche einander an. An der Schiffsstation «Landesmuseum» wartet eine alte Frau auf einer Parkbank, während an der Museumskreuzung der Verkehr vorbeibraust. «Weed is the best, fuck off the rest», hat ein anonymer Kiffer auf einen Gedenkstein geschrieben: Alltagsszenen am Platzspitz, jenem Park, der den Hauptsitz des Landesmuseums beheimatet. Eine Art «Suisse miniature», Jahrgang 2009.

Eigentlich sollte hier schon seit 2008 ein wuchtiger Neubau stehen: die Erweiterung des Landesmuseums nach den Plänen der jungen Architekten Emanuel Christ und Christoph Gantenbein. Bei der Projektpräsentation im Jahr 2002 versuchte der damalige Landesmuseums-Direktor Andreas Furger Aufbruchstimmung zu verbreiten: «Wir wollen ein Haus der Geschichte der Schweiz wagen, das Gegenwart ebenso wie Vergangenheit darstellt.»

Doch die Vertreter des Bundes schienen schon damals nicht so recht an den optimistischen Zeitplan zu glauben. Zu unsicher war die Finanzierung aufgegleist. Zu unsicher war auch, wie gross der Widerstand gegen den Neubau im alten Park sein würde. Statt einen Neubau gleich in Angriff zu nehmen, mussten sich die Macher des Landesmuseum vorerst mit einer Renovation des bestehenden Baus aus dem späten 19. Jahrhundert begnügen.

Sie kostete 47 Millionen Franken und ist nun abgeschlossen. So lädt Furgers Nachfolger Andreas Spillmann die Bevölkerung am kommenden Samstag ab 10 Uhr im sanierten Bahnhofflügel des Landesmuseums zum Tag der offenen Tür ein. Und kann zeigen, wie sich die Geschichte der Schweiz heute präsentiert. Dass er dabei auf Räume aus dem vorletzten Jahrhundert zurückgreifen muss,
ist eine Ironie der Geschichte. Gleichzeitig macht es die geistige Situation der Schweizer Gegenwart «made in Zurich» kenntlich.

Denn das Projekt Landesmuseum zeigt exemplarisch: Aufbruch ist in der Schweiz zu Beginn des 21. Jahrhunderts suspekt. Lieber erst einmal das Alte erneuern, statt etwas Neues zu wagen, scheint die Devise zu sein. Massgeblich dazu beigetragen haben der Heimatschutz und die Schweizerische Gesellschaft für Gartenkultur. Sie sträubten sich aus Sorge um den Platzspitz-Park gegen das Neubauprojekt. Angesichts der drohenden Rekurse redimensionierten die Architekten Christ und Gantenbein den Erweiterungsbau erheblich.

Inzwischen liegt eine Baubewilligung vor. Eine Eröffnung des geplanten Neubaus ist nun für 2013 vorgesehen. Noch ist allerdings ein Rekurs der Gesellschaft für Gartenkultur vor Bundesgericht hängig. Und der 10-Millionen-Franken-Beitrag der Stadt Zürich muss erst einmal vom Stadtparlament bewilligt werden. Auch dagegen formiert sich Widerstand, der bis hin zu einer Volksabstimmung führen könnte.

Der Konflikt um ein Stück Parklandschaft, das dem Neubauteil des Museums zum Opfer fiele, versinnbildlicht das Schwanken zwischen naturnaher und urbaner Schweiz. Zwischen Mittelalter, wie es historisierend mit dem Märchenschloss-Museumsbau von 1898 dargestellt wird, und Moderne, wie sie das hängige Projekt - freilich nicht ohne Bezüge zur Vergangenheit - verkörpert. Gut möglich, dass sich am Ende ein Kompromiss durchsetzt. Ein gutschweizerischer, versteht sich.

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