Leipziger Buchmesse

Zwischen Kaffeehaus und Internet: die Literaturszene in Prag heute

Tschechien ist Gastland an der Leipziger Buchmesse, die am Donnerstag beginnt. Eine Reise zu drei tschechischen Erzählern und ihrem geheimnisvollen Prag, dem «Mütterchen mit Krallen».

Wumm! Eine Zeitmaschine wirft uns zurück ins letzte Jahrhundert. Wir landen in einem Saal aus den Dreissigerjahren mit runden Tischen und futuristisch kantigen Formen, mit Deckenleuchten gross wie Eimer und weiten Fenstern hinaus auf den Fluss. Prag, das Café Slavia, einst Literatentreff. Vorsicht! Denn aus der Moldau steigen leuchtende Quallen. Gleich stürzt ein wütender Waran ins Café, eine monströse Muschel, und auf dem Flügel im Slavia steppen Pinguine – Bestien aus dem Bestiarium des Erzählers Michal Ajvaz.

Tschechien Gastland der Leipziger Buchmesse. Wir sind deshalb nach Prag gereist, wir wollen wissen: Wie sehen Ajvaz und andere Autoren die Stadt der Kaiser und Könige? Was denken sie über den Gang der Dinge seit 1989? Und welche Bücher bringen sie mit nach Leipzig?

Panzer auf dem Wenzelsplatz

Michal Ajvaz (70) sitzt im Slavia am Fenster. «Ich bin in Prag geboren, ich habe immer hier gelebt», sagt er. Ein magischer Ort sei die Stadt gewesen. «Und jeder ist mit jedem verwandt. Meine Patentante war eine Tante von Kafkas Geliebter Milena Jesenská.» Auf den Hügeln jenseits der Moldau ahnt man die Prager Burg, wo 1618 das grosse Morden begann – der Dreissigjährige Krieg, ein Krieg zwischen zwei Lagern. Ajvaz sieht aus wie ein Statist jener Epoche, ein Böhme aus dem Barock: rundes Gesicht, Flaumbart, das weisse Haar schulterlang. Doch in Gedanken weilt er in anderer Zeit. Er nippt am Cappuccino und sagt: «Das war vor 1989 das Schlimmste – der schlechte Kaffee.»

Ajvaz erzählt: Wie er mit vierzehn süchtig wurde nach Literatur, vor allem nach Kafka. Und wie 1968 die Hoffnung kam, der Prager Frühling. Wenig später standen russische Panzer auf dem Wenzelsplatz, «die Bilder werde ich nie vergessen». Ajvaz studierte Bohemistik und Ästhetik, er war Hausmeister und Arbeiter. Nebenher schrieb er, Abstraktes und Absurdes.

Traurige Situation

1989 hat Ajvaz als Erzähler debütiert – «genau in der Woche, in der die Revolution stattfand». Was ist geblieben von jener Revolution und ihren Träumen? «Wir haben eine traurige Situation: Die Gesellschaft ist wieder in Lager gespalten. Das eine hört dem anderen nicht zu.» Die Lager, das wären: demokratisch oder populistisch, pro oder kontra Europa. «Doch ich werde endlich verlegt! Ich kann alle Bücher kaufen. Überall bekommt man guten Kaffee und im Internet sogar die ‹New York Times›.»

Herr Ajvaz, wo finden wir das magische Prag? Jedenfalls nicht mehr in der Altstadt, denn dort toben die Massen. Die leere Karlsbrücke zur Nacht – Vergangenheit. «Aber es gibt noch magische Orte, am Rand, in Industriegebieten. Laufen Sie doch einfach los!»

Das jüngste Buch von Michal Ajvaz heisst «Die Rückkehr des alten Waran». Alle Erzählungen spielen in Prag, in einer, nun ja, irritierenden Stadt. Es wimmelt in ihr von trotzigen Tieren, mürrisch wie Menschen, mit einer Vorliebe für akademische Diskurse. Ein Philosoph ist dieser Dichter und ein Fantast. Und ganz sicher ein Schüler jenes Autors, den er schon früh lieben lernte. Ein paarmal im Buch nennt er auch seinen Namen. «Da draussen sitzt Kafka», sagt Ajvaz, als er schon geht, «auf dem Geländer.» Er weist Richtung Fluss. Dort hockt nur ein Vogel, schwarz, frierend. Kafka, Kavka? Ist tschechisch die Dohle.

Der Lover in London

Nördlich der Moldau, jenseits der Brücken, ist Schluss mit Prags k. u. k Herrlichkeit. Die Strassen werden schmutziger, der Putz beginnt zu bröckeln. Holešovice ist Arbeiterviertel. Frauen führen kleine Hunde durch den Schnee, die Hunde tragen Mantel und Pelz, sie kacken überall hin. Der Bahnhof Praha-Bubny liegt nahe: Von hier fuhren die Züge nach Theresienstadt.

Wir haben ein seltsames Buch im Gepäck, die Geschichte einer jungen Frau namens Hana. Sie sucht sich selbst, sucht ihren Platz, vergebens. Und so bricht sie aus – aus der Familie, aus Beziehungen, aus dem Land. Sie kehrt zurück und zieht sich zurück. Fortan lebt sie auf einem Hof, in einem Schrank. Das Provisorium wird ihr Platz. Ein paarmal erscheint auf Hanas Wegen der Unvermeidliche. «Franz Kafka» heisst ein Zug, den die Heldin nimmt. Und ein Lover in London, ein Callboy, greift zu einem Buch, bevor es zur Sache geht. Der Lover liest, na was schon? «One morning, when Gregor Samsa woke from troubled dreams ...»

Die Autorin wohnt in einem grauen, maroden Haus. Ihre Stimme, deutsch, sagt per Sprechfunk: «Sechster Stock! Stellt euch ganz an die Wand und bewegt euch nicht.» Oben geht eine Tür auf, und die Besucher stehen mittendrin: in der engen Bleibe einer jungen Frau. Ein Bett, drei Regale voller Bücher, Kleiderständer und Kochnische. Fenster und Balkon führen zum Hof. Davor steht ein Küchentisch, vollgestellt mit Krimskrams. 10'000 Kronen zahlt sie für diesen Raum, 400 Euro.

Die unbehauste Generation

Sie, das ist Tereza Semotamová, geboren 1983. Sie stammt aus einem Dorf bei Brünn, hat Germanistik und Drehbuch studiert, sie war im Ausland und kam zurück. Seit fünf Jahren wohnt sie in Prag. «Es ist ein Traum. Ich wollte immer hier leben. Und ich staune immer noch, dass ich hier bin.» Tereza übersetzt und unterrichtet, sie schreibt Hörspiele, Kolumnen, nun auch Prosa. «Schriftstellerin, na ja», sie hebt die Hände. «Im Schrank» heisst ihr Buch, es ist ihr erster Roman.

Was ist das für ein Wesen, diese Hana? «Das ist unwichtig. Es geht um das Gefühl.» Die junge Frau im Schrank wird zum Sinnbild: für eine Generation, die unbehaust wirkt, weil ihr zu viele Räume offenstehen. «Ich bin auch so!»

Terezas Wohnung ist Abbild eines Lebens im Entwurf. Döschen, Schachteln, Nippes, Angebrochenes, Abgebrochenes. Beim Balkon, zwischen Sukkulenten und welken Lilien, liegt ein Kafka-Kalender von 2017, acht mal zehn, klebrig und wellig. «Den habe ich auf dem Bahnhof gefunden. Hat jemand weggeworfen. Und was jemand wegwirft, hebe ich auf. Kafka hat auch in einem Schrank gelebt. Er hat sich seinen Träumen hingegeben. Und er wusste, sie werden nie wahr. Träume von Dates, die es nie geben würde. Ich habe Mitleid mit Kafka. Ich würde ihn gern umarmen!»

Als sei ein UFO gelandet

Wir streifen durch die Strassen. Ein Herr ist uns auf den Fersen, ist uns voraus, wo immer wir hinkommen, war er just da. Man trifft ihn nie, doch sein Bild überall. Noch im letzten Souvenirshop schaut er uns an: ein Büromensch, unauffällig – dunkle Haare, trauriger Blick. Ausgezehrt wirkt er, dieser Franz K., als hätte er Tuberkulose und würde mit knapp 43 sterben.

Zurück im Zentrum; ein Nachmittag Ende Januar. Treffpunkt: Nová scéna, «Neue Szene», ein gläserner Protzbau. Im Haus gibt es eine Bühne des Nationaltheaters. Darunter glänzt das Café Nona im Chic der Achtziger – als sei ein UFO gelandet. Auftritt Iva Procházková: moosgrün der Pullover, rot die Würfel ihrer Kette, braunes Haar. «Hier sitzen wir», erzählt sie, «Leute, die schreiben. Hier hat man seine Ruhe.»

Im Saal oben wird jährlich im April der höchste Literaturpreis vergeben, der Magnesia Litera. Iva gehört zur Jury, und sie hat den Preis gleich zweimal selbst bekommen. Was Wunder: Seit Jahrzehnten gehört sie zu den besten Autoren von Kinder- und Jugendbüchern, auch bei uns.

Grenzdurchbruch nach Kärnten

Ivas Vater Jan Procházka war ein Wortführer des Prager Frühlings; 1971 ist er gestorben. 1972 machte Iva in Prag Abitur, doch sie durfte nicht studieren. Sippenhaft. Zehn Jahre lang war sie Putzfrau, der Kopf blieb frei. 1975 kam ihr erstes Theaterstück in Prag auf die Bühne; der Bürgermeister liess es verbieten. Weitere Stücke fanden nur ausserhalb ein Publikum. Ihrem Mann, dem Schauspieler und Regisseur Ivan Pokorný, erging es ähnlich.

«Irgendwann hatten wir die Nase voll», sagt Iva im Nová scéna. «Wir hatten ja zwei Kinder.» 1983 reist die Familie über Ungarn nach Jugoslawien. Was folgt, ist ein Krimi aus dem Kalten Krieg: ein Grenzdurchbruch nach Kärnten. Elf Jahre lang lebt die Familie von nun an in der Fremde, in Wien, Konstanz, Bremen; Mitte der Neunziger kehrt sie zurück nach Prag. In rascher Folge entstehen wunderbare Bücher, Titel wie «Die Zeit der geheimen Wünsche» und «Orangentage». Die Autorin schreibt Romanzen, aber auch düstere Utopien. Habt Mut!, sagt sie ihren jungen Lesern. Seid tolerant! Und kämpft, wofür es zu kämpfen lohnt!

Ein Bulle namens Dreckschwein

Wenn Iva Procházková nach Leipzig zur Messe fährt, hat sie einen Krimi im Koffer. «Der Mann am Grund. Der erste Fall von Kommissar Holina». Holina, Ermittler in Prag, stammt aus der Slowakei. Das Mordopfer ist ein korrupter Polizist, genannt «Dreckschwein». Rauschgift ist im Spiel. Nein, in diesem Buch scheint Prag kein guter Ort zu sein.

Wie steht es um das Land? Nicht gut, meint die Erzählerin. «Die starken Führer kommen wieder zu Wort. Ein Oligarch ist an der Macht.» Sie mischt sich ein, geht zu Demos, unterschreibt offene Briefe. Vor zwei Jahren fragte sie sich: Was ist der beste Weg für einen Autor, wenn er sich politisch äussern will? Schreiben. Prompt schrieb sie einen Politthriller, in Tschechien erscheint er im April. Die Zutaten sind: Korruption in der Politik, Moskaus langer Arm, Oligarchen-Geld und der Mord an einem Journalisten.

Februar 2019. Es gibt Fragen zu Fakten in diesem Text. Die Autorin aber liegt im Krankenhaus, Lungenentzündung. Ihr Mann antwortet, Ivan Pokorný. Er schickt Fotos, und so wird die Welt der Iva Procházková plötzlich bunt und greifbar. Dort also entstehen ihre Bücher, in einer Dachwohnung der Prager Altstadt. Ach, übrigens, schreibt Pokorný, und es klingt resignierend: «Gegenüber unserem Haus liegt die Schule, wo der kleine Franz Kafka eine Bank drückte.»

Das schönste Denkmal für Kafka steht im jüdischen Viertel, vor der Spanischen Synagoge: ein Riese aus Bronze, im Jackett; ohne Arme, ohne Kopf schreitet er munter voran. Auf seinen Schultern sitzt schmal der Dichter, er zeigt Richtung Zentrum. «Prag lässt nicht los», raunt er. «Dieses Mütterchen hat Krallen.»

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