Das Leben der Romanfigur Toto ist alles andere als ein Honigschlecken. Von der Mutter in ein DDR-Waisenhaus gesteckt, gepiesackt und verachtet, erlebt der Intersexuelle nichts als Abneigung. Und bleibt dabei wundersam gut. Ein Versuch, dem Protagonisten auf die Schliche zu kommen – per Mail mit der Autorin Sibylle Berg.

Frau Berg, Ihr neues Buch «Vielen Dank für das Leben» ist mit «Roman» überschrieben. Ist es nicht vielmehr ein Märchen?

Sibylle Berg: Das ist eine reizende Deutung. Man kann es so lesen. Das ist ja das Grossartige an Literatur, sie lässt so viel Raum für die eigene Deutung. Gemeint ist der Roman eher als ein Versuch zu zeigen, wie ein Mensch in einer Zeit lebt, die später als Geschichte in den Büchern behandelt wird. Die Figuren sind natürlich ein wenig komprimiert, aber real.

Die Figur Totos wirkt allerdings ziemlich irreal. Sie/er ist ein Hermaphrodit, lebt inmitten einer Welt, die nur aus Boshaftigkeit besteht – und sorgt sich doch am meisten um andere. Wie sind Sie auf so eine Figur gekommen?

Die Figur ist wie ich. Kleiner Scherz. Toto setzt sich aus einigen wunderbaren Menschen zusammen, die ich kenne. Es gibt Erwachsene, die ohne das Böse in sich auskommen. Toto ist intersexuell, weil ich Geschlechter-Zuweisungen langweilig finde und einen Gegenversuch unternehmen wollte. Ich wollte, dass der Leser sich beim Verwundertsein ertappt und sich vielleicht fragt: Was ist für mich männlich, was weiblich, und wozu werden Geschlechtszuweisungen so beharrlich unternommen? Zudem habe ich mit Toto versucht, all jenen, die nicht akzeptiert werden, weil sie anders sind, allen Dicken, Dünnen, Schwulen, Lesben ein Denkmal zu setzen, ihnen zu sagen: Ihr seid nicht allein. Und ihr seid wunderbar.

Aber Männer kommen in Ihren Büchern oft nicht gut weg. Frauen auch nicht. Nur der Intersexuelle ist eine Lichtgestalt. Hat seine Persönlichkeit auch mit seiner Geschlechtslosigkeit zu tun?

Das Unangenehm-Sein hat nichts mit dem Geschlecht zu tun, Toto ist so eine liebe Person, weil sie sich nie als Opfer begriffen hat, sondern als Teil der Menschheit. Und weil sie/er, da stossen wir schon an die Grenze unserer Sprache, vom Leben nichts erwartet. Das Leben ist nicht dazu da, seine Wünsche zu erfüllen, es ist einfach vorhanden, so wie auch Toto durch einen Zufall einfach vorhanden ist.

Schreiben Sie mit so einer Figur auch gegen das Schlechte in der Welt an?

Einen kleinen Versuch ist es doch wert.

In diesem Roman kommt auch etwas anderes nicht gut weg: Sex. Er ist feindlich, brutal, käuflich. Wieso?

Tatsache, steht das in meinem Buch?

Ich meine die Live-Sex-Szenen in den Bars oder das «Geschlechtlich werden» der DDR-Waisenhausleiterin Frau Hagen mit dem Parteivorsitzenden. Das wirkt auf mich nicht unbedingt erotisierend ...

Die Szenen sind auch nicht als einvernehmlicher Sex gemeint. Sex war nicht das Thema des Buches. Aber es gibt eine wunderschöne homosexuelle Liebeszene in der männlich konnotierten Phase in Totos Leben und eine, in der sie sich eher weiblich fühlt. Zweimal Sex in einem langen Leben, das sollte doch genügen.

Hermaphroditen oder «uneindeutige Geschlechter» sind spätestens seit Eugenides’ «Middlesex» ein Modethema, das durch die Medien kursiert.

Ich habe dafür, dass es doch einige tausend Intersexuelle in der Schweiz und in Deutschland gibt, sehr wenig darüber gelesen. Interessant ist, dass genau jetzt, drei Jahre nachdem ich mit dem Buch begonnen habe, der Unsinn von Geschlechterstereotypen-Zuweisungen vermehrt in den Medien behandelt und hinterfragt wird. Vielleicht ändert sich etwas?

Haben Sie den Pessimismus, den Sie, wie Sie einmal erzählten, «zum Schreiben aufsetzen» auch in diesem Buch hervorgeholt? Totos Umwelt wird ja beschrieben als abgrundtief schlecht.

Ich lächle versonnen und sage: nein, nein, die Welt ist völlig in Ordnung. Und trotzdem ist die Realität furchtbarer als jedes Buch es je sein könnte, nur passiert das meiste an Elend nicht uns, sondern irgendwo – und sei es in einem Schweizer Bergdorf, das von einem Berg begraben wird, weil vorher die Bäume abgeholzt wurden. Ich habe versucht zu beschreiben, wie man ein Leben überstehen kann, das für jeden von uns auch aus Demütigungen besteht, aus Krankheit und Verlust.

Steckt in Toto einiges von Ihnen? Die Kindheit in der DDR, das Auswandern und Alkoholprobleme der Eltern haben Sie ja selbst erlebt.

Sicher steckt in jeder Figur ein wenig von der Autorin, dem Autor. Welche Anteile genau es bei Toto sind, ob ich vielleicht auch ein Hermaphrodit bin, werden wir nie erfahren.

Und umgekehrt: Wären Sie gerne ein bisschen wie Toto?

Ich glaube, ich bin ein bisschen wie Toto. Zwei Meter gross und freundlich zu allen, die mir freundlich begegnen.