Zu Alberto Giacomettis Beerdigung reisten Leute aus ganz Europa an. Stampa im Bündner Bergtal Bergell sei mit «Fremden» überfüllt gewesen, schreibt James Lord, Biograf und guter Freund des Künstlers. Ein Pferdefuhrwerk überführte den Sarg im Leichenzug zum Friedhof von Borgonovo, wo Alberto 1901 als erstes Kind von Giovanni und Annetta Giacometti zur Welt gekommen war. Verschlechtert hatte sich Albertos Gesundheitszustand Ende der 1950er-Jahre. Kleine Beschwerden plagten ihn vorerst, Unpässlichkeiten, die sich dann aber zum chronischen Leiden ausweiteten. «Heute fühle ich mich schlapp, ohne Appetit», schrieb er 1960 in einem Brief. Lord berichtet von blutunterlaufenen Augen, Magenschmerzen, immer häufiger auftretenden Hustenanfällen. Der Arzt verschrieb Tabletten und riet, mit der Arbeit fortzufahren. Wer ihn zur Ruhe ermahnte, kanzelte der Künstler ab. Er wisse, was er tue, und niemand habe ihm dreinzureden.

Verordnungen missachet

Im Februar 1963 wurden Giacometti nach einer Krebsdiagnose grosse Teile des Magens entfernt. Trotz rascher Besserung verordnete ihm der Arzt – so Lord – «regelmässige Zeiteinteilung, ausgewogene Diät, keine übertriebene Arbeitsanstrengung, Vermeidung von Angst und Erschöpfung, Rauchverbot». Ohne Erfolg: Alberto rauchte weiter, täglich vier Päckchen Zigaretten. Seinen Lebensstil änderte er nicht, obwohl er wusste, dass ein Rückfall jederzeit möglich war. 

Nach erneuter Verschlechterung reiste Giacometti Ende 1965 nach Chur, um sich im Kantonsspital untersuchen zu lassen. Vor Weihnachten ereilten ihn Erstickungsanfälle. Am 10. Januar sagte er seinem Arzt: «Bald werde ich meine Mutter wiedersehen.» Annetta Giacometti, die wichtigste Person in seinem Leben, war im Januar 1964 verstorben.

Am Morgen des 11. Januar 1966 fiel Alberto ins Koma. James Lord schreibt: «Zehn Minuten nach zehn Uhr wurde der Körper des Künstlers von einem Krampf erfasst. Einen Augenblick lang richtete er sich gerade auf und fiel dann zurück, und das Kinn klappte herunter. Der Atem hatte aufgehört. Alberto Giacometti lebte nicht mehr.»

Exzessives Arbeiten und Lieben

Der Tod des Künstlers löste in der ganzen Welt Trauer aus. Spätestens seit 1955/56, als ihm die Kunsthalle Bern die erste Retrospektive ausrichtete, war Alberto Giacometti einer der Grossen im internationalen Kunstbetrieb. 1962 erhielt er den Staatspreis der Biennale in Venedig und eine Retrospektive im Kunsthaus Zürich. Es folgten 1965 unter anderem Ausstellungen in der Tate Gallery in London und im Museum for Modern Art in New York.

Die meiste Zeit seines künstlerischen Lebens verbrachte Alberto Giacometti in Paris im legendären Atelier an der Rue Hippolyte-Maindron. Hier wohnte und arbeitete er, kehrte aber immer wieder ins heimatliche Bergell zurück. Seine Frau Annette Arm lernte er in Genf kennen, wo er sich von 1942 bis 1945 aufhielt.

Hier entstanden nach seiner surrealistischen Phase die winzigen Figuren, die nach dem Krieg – Giacometti war nach Paris zurückgekehrt – von schmalen, hoch aufragenden Figuren abgelöst wurden. Der Künstler arbeitete im Quartier Montparnasse nicht nur exzessiv, sondern führte auch ein ebensolches Leben in den Cafés, Bars und Clubs.

Bei einem seiner nächtlichen Ausflüge lernte er die Prostituierte Caroline kennen. Sie wurde seine Geliebte. Die Beziehung finanzierte er grosszügig und bis an sein Lebensende. Ab 1961 malte er Caroline regelmässig, so wie seine Frau Annette und den japanischen Philosophieprofessor Isaku Yanaihara. Die vier waren eng und spannungsreich miteinander verstrickt, was Alberto und Annette in eine Beziehungskrise trieb.

Die Konkurrenz der zwei Frauen führte am Sterbebett zu einem letzten Kampf. Was Annette nicht gelang, nämlich Alberto nochmals zu berühren, blieb – mit Unterstützung von Albertos Bruder Diego – Caroline vorbehalten. James Lord: «Wieder gab es ein Zerren. Caroline machte sich los, und es gelang ihr, die Finger des Toten zu ergreifen. Kurz danach gingen alle anderen hinaus und liessen sie mit Alberto allein.» (sda)