«Ich bin der älteste Enkel Richard Wagners und dessen einziger Schweizer Nachkomme», schrieb der 41-jährige Franz Wilhelm Beidler 1942 an Gottlieb Duttweiler und bewarb sich – vergeblich – beim Migros-Kulturprozent. Ein Nachkomme des grossen Egomanen Wagner, der seine Sympathie für die «Migros-Genossenschaft» und ihre «Kultur für alle» beteuert und seine Swissness betont? Die Episode im Leben des Sohnes von Wagners ältester Tochter ist bezeichnend für das Buch «Die Beidlers», das mit Alltagsdetails drei unglaubliche Lebensgeschichten «im Schatten des Wagnerclans» nacherzählt – jene von Isolde, deren Schweizer Ehemann Franz Beidler und ihres Sohnes Franz Wilhelm.

Kein Tribschener Idyll

Bekannt ist die Ausgangslage für diese Familiengeschichte: Weil Wagners und Cosimas Töchter zur Welt kamen, als Cosima noch nicht von ihrem Ehemann Hans von Bülow geschieden war, galten beide juristisch als Kinder des Wagner-hörigen Dirigenten. Isoldes Versuch, ihre Anerkennung als leibliche Tochter Wagners juristisch einzufordern, scheiterte 1914 im Beidler-Prozess.

Diese traurige Boulevard-Groteske verhilft dem Buch der Aargauer Autorinnen Sibylle Ehrismann und Verena Naegele zu einem furiosen Start. Mit neuen Quellen zeigen die Autorinnen lückenlos auf, wie gezielt Wagner und nach dessen Tod Cosima Isolde und ihren Sohn eiskalt aus der Erb- und Thronfolge eliminierten. Den Überblick erleichtern Bilder, Stammbaum und Register.

Mit pikanten Details zur Ménage-à-trois mit Bülow in Tribschen zeigen die Autorinnen, dass Luzern für Wagner anfangs keinesfalls die Idylle war, zu der es später hochstilisiert wurde. Selbst die Geburt des Sohnes Siegfried wurde rechtlich ein Jahr lang verschwiegen: Im reformierten Geburtsregister Luzerns wird er 1870 erst ein Jahr nach seiner Geburt eingetragen – nach der Scheidung Cosimas und ihrer Heirat mit Wagner als «Siegfried Wagner».

Die Bemühungen, Siegfried als Alleinerben zu etablieren, verstärkten sich nach Isoldes Heirat mit Franz Beidler. Dieser war unter der Bayreuther Hofhaltung Cosimas nicht nur wegen seiner nichtaristokratischen «Schweizer» Manieren suspekt, sondern wurde mit internationalen Dirigiererfolgen zu einer Konkurrenz für Siegfried. Auch wenn Franz Beidler selbstbewusst Ansprüche als Dirigent einforderte, korrigieren die zitierten Dokumente das Bild des arroganten und machthungrigen Schweizers.

Gralshüter nach 1968

Von da an führt das Buch die Auseinandersetzung mit Bayreuth weiter anhand der Lebensgeschichte des ältesten, juristisch nie anerkannten Wagner-Enkels. Als Franz Wilhelm Beidler als Jusstudent in Berlin Teil der avantgardistisch-sozialistischen Strömungen der Weimarer Republik wurde, die bereits «Kunst für alle» wollte, kam es zum radikalen Bruch mit dem zunehmend völkisch-nationalen und schliesslich Hitler-hörigen Bayreuth. «National unzuverlässig, marxistisch verseucht und jüdisch versippt», so Beidler, floh er mit seiner jüdischen Frau nach Zürich.

Wagner und Bayreuth sollten ihn dennoch nie loslassen. Beidler verteidigte Wagner weiter als demokratischen Revolutionär gegen den Verrat an seinem Erbe in Bayreuth. 1946 wurde er vom Oberbürgermeister Bayreuths als nicht Nazi-belasteter Wagner-Nachkomme für ein Konzept zur Neuausrichtung der Festspiele angefragt. Sein Plan, das Wagner-Museum in Tribschen als Anti-Bayreuth aufzuwerten, scheiterte an dessen Verfilzung mit dem Wagner-Clan.

Noch als Sekretär des Schweizer Schriftstellerverbandes musste sich Beidler mit Intrigen herumschlagen. Ehrismann und Naegele rollen anhand der Entwicklung des Vereins, die Beidler als «graue Eminenz» (Adolf Muschg) mitgestaltete, eine kleine Sozialgeschichte der Schweiz auf – von der geistigen Landesverteidigung über den Kampf gegen faschistische Tendenzen bis zur 68er-Bewegung, die zur Abspaltung der Gruppe Olten führte. Als Sekretär des unpolitischen Schriftstellerverbands fand sich Beidler da zum Schluss in der vermittelnden «Rolle des konservativen Gralshüters wieder», nachdem er sein Leben lang gegen den geistigen Konservatismus des Bayreuther Clans angeschrieben hatte.

Unvollendete Biografie

Das Sinnbild dafür, dass dieses Leben keine Vollendung fand, liefert der Schluss. Ein Leben lang hatte Beidler sich bemüht, Einblick in die testamentarisch unter Verschluss gehaltenen Tagebücher Cosimas zu erhalten, um weiter an seiner kritischen Biografie über die Grossmutter zu arbeiten. Lesen konnte er die Tagebücher erst 75-jährig in der 1976 erschienenen ersten Edition. Danach aber war er – nach einer Beinamputation – bettlägerig und zu schwach, um das Werk zu vollenden, mit dem er sich einst als «Zukunftsversprechen» erfolgreich um die Aufnahme in den Schriftstellerverband beworben hatte. Obwohl sich die vorliegende Beidler-Familiengeschichte auch mal in der Faktenfülle und in Wiederholungen verliert: Mit solch lebensnahem Stoff bleibt sie ein emotionaler Thriller bis zum Schluss.

Die Beidlers: Im Schatten des Wagner-Clans, Verena Naegele, Sibylle Ehrismann; Rüffer & Rub.; 333 S., Fr. 42.90.