Ludwig Hasler

Villa Langmatt. Charme der Bourgeoisie, nicht allzu diskret. Überall Kunst. Grosse, sündteure Kunst. Weltklasse-Impressionisten Monet, Renoir, zahlreiche Matisse, auch van Gogh. So erlesen schön, dass ich, vor drei Wochen hier, vom Gedanken nicht loskam, es müsse jetzt gleich ein Mord passieren. War aber grad kein Mörder unterwegs. Dafür Beat Zoderer. Er stand im Musiksalon, da, wo die Weltkunst auf uns Alltagswürstchen blickt; er stellte mitten in den erlauchten Saal einen simplen Sockel, darauf setzte er den banalen Farbkübel, worin die tagsüber gebrauchten Pinsel sich türmen, vielfarbig vor sich hin trocknend. Als Titel: «Feierabend».

Kein Mord, immerhin Feierabend. Nicht ganz neu bei Zoderer. Er schickt gern in Pension. 1993 eine Staffel Bundesordner, je vier leere Aktenordner zum Quadrat arrangiert, siebenmal, ergibt das bunte Relief «Departement I-VII». Ein Grabmal der Bundesverwaltung? Kann man so lesen. Aber auch als Pause, zum Atemholen. Zoderer erlöst die Aktenordner aus der Dumpfheit ihrer Funktion, lässt sie zwecklos glänzen. (. . .)

Feierabend als Zweckbefreiung. Aber hier, im Allerheiligsten der europäischen Malerei? Will er die Impressionisten pensionieren? Doch ein kleiner Mord an den Übervätern? Verdeckt fragte ich Beat, wie er es mit der Tradition halte. Als Bub habe er Künstlerbiografien verschlungen, von Rembrandt bis Picasso, begierig auf deren «Räubergeschichten», auf die Art, wie sie lebten, weniger auf die Finessen, wie sie malten. Typisch Zoderer, definitiv kein Kunsthistoriker: zielt hinter die Bilder, will wissen, woher die Schöpferkraft kommt, was die Kunst fürs Leben hergibt (und umgekehrt) (. . .).

Über den Kubismus habe er zur Kunst gefunden. Hier, im Brown-Boveri-Park, begann er zu zeichnen, in kubistischer Manier, gegen die Herrschaft des flachen Blicks. Seither gehört zu seinem Grundsatz-Repertoire der Satz: «Ich kann meiner Wahrnehmung nicht trauen.» Traurig wirkt er nicht, wenn er das sagt. Logisch. Es ist sozusagen seine Geschäftsidee. Weil er seiner Wahrnehmung nicht trauen kann, muss er sie zerlegen, überlisten, durchschauen, zerzausen, notdürftig neu formieren. Das hintergründige Spiel mit der Wahrnehmung nimmt kein Ende. Aber wem vertraut der verspielte Spieler Zoderer bei seinem Spiel? Einer Wahrnehmung zweiter Ordnung, die er sich spielend erworben hat? Man könnte es manchmal glauben. Etwa, wenn er fünf von den farbigen Klarsichthüllen, die wir täglich brauchen, aber nie sehen, so ineinanderschiebt, dass ein zauberhafter «Büro-Rothko» entsteht. Wenn er die Wellpappe von der Verpackung der Büchersendung rollt und daraus flink eine Schlaufe formt, die sich von einer Max-Bill-Schlaufe nur dadurch unterscheidet, dass sie mehr zu sehen gibt. Ja, Zoderer hat ein Auge, das unsereins neidisch macht. (. . .)

Zurück zum «Feierabend». Also doch kein Mord. Farbpinsel im Kübel. Kleine Sehstörung. Heiterer Blickwechsel. Mokiert sich über uns, nicht über die Grossmeister der Moderne. Die Pinsel sagen: Leute, so ehrwürdig die Bilder hier sind, sie wurden gemalt. Sie waren nicht immer schon fertig. Also beurlaubt eure museale Andacht. Zurück zum originalen Sehen. Wer das Nichts nicht sieht, aus dem alle Kunst kommt, bleibt besser beim Bier auf der Veranda.

«Ich versuche, mit meinen Arbeiten einen Raum für Projektionen zu schaffen, einen leeren Raum, einen Raum für das Nichts.» Voilà. Es muss nicht das grosse Nirwana sein. Feierabend reicht. Aber bitte mit Langeweile. Der Titel über einer Installation aus dem Jahre 2004: «Eine Lange Weile von A nach B». 240 Meter Stahlrohr winden sich durch den Raum, auf Umwegen, Rückkehrschlaufen. Wozu die Verrenkungen? Auf direkter Linie kämen wir schneller von A nach B. Effizienter. Fragt sich bloss wozu. Ohne Abweichung, Verzögerung, Ab- und Ausschweifung könnten wir gleich in A bleiben. Die gerade Linie ist fruchtlos, null Seitenblick, Irritation, Inspiration. (. . .) Es geht um uns, nicht um da und dort. Es geht um unsere Freiheit.

Langeweile und Freiheit. Damit begann einst Kultur. Der Steinzeitmensch, eines Tages genug Fleisch im Vorrat, setzte sich vor die Höhle, erstmals hatte er nichts Dringendes vor, seine Existenz begann zu jucken, zu kratzen, er blinzelte in die Sonne, fragte: «Was nun?» Die Geburtsstunde der Freiheit. Träumte er von einer überirdisch schönen Frau? Malte er einen stilisierten Bären auf die Höhlenwand? Jedenfalls ging es jetzt los mit der Geschichte. (. . .)

Zoderers Plädoyer für «Lange Weile» ist nichts für Langweiler. Langweiler sind, aus Mangel an Langeweile, Spiesser, immer auf Trab, im Tritt, auf der Linie von Konvention und Mode; ihr Leben läuft ab, sie sind dabei, doch nie wirklich drin, nicht als Autor, nicht als Regisseur. Zoderer könnte kurieren, vorausgesetzt, man ist bereit, aus dem Tritt zu geraten. «Täuschen und ent-täuschen»: Da muss man bei Zoderer durch.

Zoderer Kunst ist entschieden diesseitig; sie wirkt im ewig Unfertigen, zerlegt, fertigt, wird aber nie fertig, macht nie etwas fertig, weil genau das Fertige uns fertigmacht. Weil am Fertigen die Freiheit erstickt. Weil es Zoderer um konkrete Freiheit geht, nicht um ästhetische Läuterung. Ums schöpferische Wühlen im hundskommunen Weltmaterial der Welt. Zoderer, der vergnügte Sisyphus. Jede Präzision hebelt er aus, jede Abweichung probiert er durch. Bis die Abweichung zu präzis wird. Dann von vorn.

Es hat etwas vom wissenschaftlichen Zweitakt Trial and Error. Nur ungleich listiger, lustiger, lustvoller. Er selbst beschreibt seine Methode so: «Mit ordentlichen Materialien etwas erzeugen, das ordentlich aussieht, ohne es im mindesten zu sein.» Ordentliche Materialien. Ordinäre Materialien gar, Bürozeug, Bauplatzschrott, Klebeband. Was er damit erzeugt, sieht verdammt ordentlich aus. Richtig schön, bei aller Unfertigkeit, eine Freude fürs Auge, eine Rarität mitten in der Gegenwartskunst. (. . .) Ich schaue vergnügt hin - und falle gleich aus der Rolle des Voyeurs, bin Créateur, baue mit, forme selbst, klebe eigenwillig. Ob der Meister das mag? Keine Ahnung. Selber schuld. (. . .)

«Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Und spielt nur, wo er ganz Mensch ist.» Friedrich Schiller. Beat Zoderer. Für mich ist der Aargauer Kulturpreis 2009 ein Freiheitspreis. Lieber Beat, du machst uns im besten Sinne zu Kindern. Verführst uns zum sinnlichen Vergnügen an Freiheit. Das ist mehr als eine künstlerische Leistung: ein gesellschaftliches Verdienst. Dafür sind 25 000 Franken ein relativ günstiger Preis.
Feierabend, liebe Gäste.