Zirkusfestival
Das Zirkusfestival «cirqu’» muss sich neu erfinden – und nimmt dafür ganz Aarau in Beschlag

Nicht nur Corona versetzt «cirqu'» in einen Ausnahmezustand - auch der Umbau der Alten Reithalle wirbelt das Programm durcheinander. Umso kreativer sind die Ideen des Festivals.

Anna Raymann
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Bei «Reverse» läuft das Publikum rückwärts durch die Stadt − auch das ist Zirkus.

Bei «Reverse» läuft das Publikum rückwärts durch die Stadt − auch das ist Zirkus.

Bild: Dennis van Tilburg

Elefanten trotteten schwergewichtig durch die Stadt, begleitet von Musik und Menschen im bunten Dress. Auf Einkaufsstrassen und Quartiersplätzen eroberte der Zirkus mit farbenprächtigem Tamtam die Stadt. Ähnlich wird es dieses Jahr auch die achte Ausgabe des Zirkusfestivals «cirqu’» in Aarau machen– und doch wieder ganz anders.

Grund dafür ist nicht nur Corona, sondern vor allem die Sanierung der Alten Reithalle. Seit der Gründung des Festivals ist sie das Zuhause für die nationale und internationale Zirkuskunst: «Die Alte Reithalle ist der Grund dafür, dass ich Veranstalter wurde. Der Raum hat alles ausgelöst», sagt Roman Müller, der das Festival leitet. Nun also wird in der atmosphärischen Halle gebaut und das Festival wird ausquartiert. Roman Müller verteilt das Programm vom 10. bis 20. Juni auf verschiedene Standorte in der ganzen Stadt: Im Stadtmuseum residieren Trapezkünstlerinnen, im Forum Schlossplatz wird jongliert und auf dem Pontonierplatz stapelt der niederländische Künstler Nick Steur über Stunden tonnenschwere Steine zur Skulptur.

Nick Steur stapelt mit dem Stück «A piece of 2» seine Steine auch für das «cirqu'».

Nick Steur stapelt mit dem Stück «A piece of 2» seine Steine auch für das «cirqu'».

Livia Smith

Das Festival überrascht sich selbst mit neuen Programmpunkten

Roman Müller ist Gründer und Leiter des Zirkusfestivals.

Roman Müller ist Gründer und Leiter des Zirkusfestivals.

Oliver Hofer

«Eines Tages sind wir hoffentlich so weit, dass wir die Stadt während des Festivals in einen kleinen Ausnahmezustand versetzen», sagt Roman Müller. «Ausnahmezustand» trifft es schon heute gleich doppelt. Erstmals spielt «cirqu’» dezentral und Open Air. Zudem muss es mit einer Pandemie umgehen, unter der bis zuletzt unklar war, ob und wie das Festival stattfindet. «Ich will das Festival stets neu erfinden. Doch in diesem Jahr gibt es Programme wie etwa ‹Reverse›, die ich mir für die letzte Ausgabe noch nicht hätte vorstellen können», so Müller.

«Reverse» ist ein Stadtrundgang, den der Belgier Johannes Bellinkx erfunden hat. Dabei geht es nicht um schmucke Altstadtfassaden, sondern um einen neuen Blick auf die Umgebung – und zwar rückwärts. Mit dem Rücken voran und einer Klangkomposition auf den Ohren führt ein gesicherter Weg durch Aarau. Man hört Roman Müller die Freude auf das Fest an. Der Gedanke an rückwärtslaufende Passanten lässt ihn lachen.

Ein zwölf Meter hohes Silo für Aarau

Das Festival zeigt, dass es weder das gestreifte Zelt noch die Manege mit Sägespäne ist, die den Zirkus ausmachen. «Vieles in der Szene wandelt sich zurzeit», so Müller, «es entstehen aufregende Mischformen und interdisziplinäre Begegnungen. Die Grenzen zur Performance oder Installation sind fliessend.»

Das Programm bietet viele Nuancen. Einige Nummern sind überwältigend wie das zwölf Meter hohe Silo für «L’Absolu»− «Die Inszenierung wird das Publikum herausfordern» −, andere sind leiser wie «Horizon», in der die französische Artistin Chloé Moglia um die Stadtkirche schweben wird. Auffallend oft wird gebaut. Objekte und Körper werden zu Skulpturen und verhindern, dass sich das Festival an den vielen Standorten verzettelt.

Das Festival öffnet formale und geografische Grenzen

Die Programmierung des Festivals ist für Müller eine emotionale Angelegenheit, sie basiert auf Intuition und die Erfahrung als Artist statt auf Zahlen und Zuschauerforschung. «Für viele wird es die erste kulturelle Veranstaltung in diesem Jahr sein, ich bin gespannt, wie das Publikum reagiert», sagt Müller, «aber auch für die Künstler ist es eine Herausforderung, quasi von null auf hundert wieder zu funktionieren.»

In der achten Ausgabe des «cirqu'» sind viele Schweizer Künstler dabei: So auch Julian Vogel mit «China Series».

In der achten Ausgabe des «cirqu'» sind viele Schweizer Künstler dabei: So auch Julian Vogel mit «China Series».

Julien Vittecoq

Über die sieben Ausgaben ist «cirqu’» zu einem internationalen Treffpunkt der Zirkuskunst geworden – und ist es auch in diesem Jahr geblieben. Die Künstlerinnen und Künstler kommen aus Frankreich, Belgien und den Niederlanden. «Mir war es wichtig, während die Grenzen in den letzten Monaten geschlossen wurden, am internationalen Programm festzuhalten. Dennoch ist die Schweizer Beteiligung höher als in anderen Jahren.»

Vieles ist möglich, wenn man eng zusammenarbeitet. Die neuen Kooperationen mit dem Stadtmuseum, dem Kunsthaus und dem Forum Schlossplatz eröffnen Experimentierfelder, die Müller weiterpflegen will. Obschon das Festival in diesem Ausnahmejahr neue Ideen aufbringt, freut er sich bereits auf die neue Alte Reithalle und darauf, «die Ästhetik, die sie durch den Umbau eventuell bekommt, mit unseren Interventionen zu brechen». Brüche bietet aber auch diese Ausgabe, zum Beispiel eben mit einem neuen Silo für die Stadt.

Zirkusfestival «cirqu’8» 10. bis 20.6. Festivalzentrum im Stadtmuseum Aarau. www.cirquaarau.ch