Literatur

Zimmer frei für die Übersetzer der Welt

Die Gäste, derzeit auch Übersetzer Donal McLaughlin (M.) und Übersetzerin Karin Betz (r.) sind zum konzentrierten Arbeiten hergekommen. Gabriela Stöckli (l.) leitet das Haus.

Die Gäste, derzeit auch Übersetzer Donal McLaughlin (M.) und Übersetzerin Karin Betz (r.) sind zum konzentrierten Arbeiten hergekommen. Gabriela Stöckli (l.) leitet das Haus.

Im Übersetzerhaus Looren, dem ersten und einzigen der Schweiz, findet die Zunft Ruhe und Geselligkeit. Es ist ein stiller, inspirierender Ort für Menschen, die sonst meist wenig für ihre anspruchsvolle Arbeit der Übersetzung von Literatur bekommen.

Einsamkeit? «Nein, hier sowieso nicht.» Alkohol? «Nein, nie! Obwohl ich nicht nur Übersetzer, sondern auch Schotte mit irischen Wurzeln bin.» Vielleicht stereotype Fragen, definitiv am falschen Ort.

Autor und Übersetzer Donal McLaughlin sitzt an einem Holztisch im Garten des Übersetzerhauses Looren. Der Blick von der Hangterrasse oberhalb des Dorfes Wernetshausen reicht über eine grüne Hügellandschaft bis auf den Zürichsee und die Alpen.

Dieselbe Sicht bietet auch die grosszügige, helle Stube. In diesem Paradies besteht McLaughlins einziges Problem gerade darin, dass der frech gewordene Kater Pablo ihm sein Mittagessen streitig zu machen versucht.

Idyllisch ist es hier, ruhig - und doch gesellig; vor allem abends, wenn die Übersetzer zusammen kochen, essen und fachsimpeln. «Looren ist das beste Restaurant der Gegend, mit Rezepten aus der ganzen Welt», sagt McLaughlin. «Und der Esstisch ist auch eine Literaturbörse.»

Im Übersetzerhaus Looren helfe man sich gerne über alle Länder- und Sprachgrenzen hinweg, schreibt eine Autorin im Gästebuch: «Mit dem richtigen Wort oder einer Zwiebel.»

Rund 750 Übersetzerinne und Übersetzer

Im September 2005 wurde das Übersetzerhaus Looren als erstes der Schweiz eröffnet. Das Ziel des privaten Trägervereins ist die Förderung qualitativ guter Übersetzungen: mit Stipendien, Weiterbildungen und mit diesem ruhigen Ort fürs konzentrierte Arbeiten und den gemeinsamen Austausch.

Seither haben rund 750 Übersetzerinnen und Übersetzer aus aller Welt im renovierten Gebäude des einstigen Albert-Züst-Verlags gewohnt, gearbeitet oder an einem Workshop teilgenommen.

Voraussetzung für den Aufenthalt in einem der zehn Zimmer zum symbolischen Beitrag von 25 Franken pro Woche sind in der Regel ein bereits übersetztes Werk sowie ein Verlagsvertrag für die Übersetzung, mit der man sich für den Aufenthalt beworben hat.

Nicht umsonst bedeutet der Flurname Looren «steiniger Grund». Übersetzen ist harte Arbeit. Meist schlecht bezahlt. Oft gering geschätzt. Und je mehr Zeit ein Übersetzer in ein Werk steckt, desto weniger verdient er ironischerweise dafür.

Es gibt Rumänen oder etwa Bulgaren, die laut der Geschäftsleiterin Gabriela Stöckli nur 2 bis 3 Euro pro Normseite verdienen. Etwa 40 Übersetzer jährlich unterstützt das Haus deshalb zusätzlich mit einem Beitrag aus einem Unterstützungsfonds.

So manchen Lesern ist nicht einmal bewusst, dass sie oft nicht nur das Werk des Autors, sondern auch das des Übersetzers lesen. Ein jeder Satz lässt viele Interpretationsmöglichkeiten zu, jede Sprache, jede Persönlichkeit schafft Werke mit ganz eigenem Charakter. Und nur dank der Übersetzerzunft haben wir Zugang zu Büchern, die wir im Original nicht verstünden.

«Diese Übersetzerarbeit möchten wir nach aussen vermitteln», sagt Gabriela Stöckli: «Wir wollen zeigen, wie komplex und vielschichtig dieses Metier ist.»

«Eins-zu-Eins-Übersetzungen sind für mich eine Katastrophe», sagt McLaughlin. «Ein Text muss auch in der Übersetzung singen, nicht nur der Inhalt, auch der Rhythmus, der Klang, das Gefühl dürfen nicht verloren gehen.» Seine Berufskollegin Karin Betz ergänzt: «Übersetzen ist immer auch neu Schreiben, es ist immer eine Interpretation; diese sollte der Stimmung des Originals entsprechen.»

Sie hat unter anderen Nobelpreisträger Mo Yan und den Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Liao Yiwu, aus dem Chinesischen ins Deutsche übersetzt.

Manche Passagen müsse sie sogar kürzen, sagt Betz. Denn die Chinesen neigten dazu, alles doppelt und dreifach zu sagen. «Das sind andere Sprachgewohnheiten. Hier steht man nicht auf eine so blumige, ausschweifende Sprache. Die Übersetzung soll zur jeweiligen Sprache passen und gut lesbar sein.»

Manchmal sucht ein Übersetzer stundenlang nach einem einzigen Wort: in Wörterbüchern, in anderen Romanen, via Google oder Übersetzerforen im Internet. Weil es ein seltsamer Eigenname ist oder vielleicht ein Dialekt-Begriff, wie McLaughlin es beim Bündner Autor Arno Camenisch immer wieder erlebt.

Doch inzwischen laufe es bei den Camenisch-Übersetzungen so: Er schnippt mit den Fingern. «Arno und ich könnten uns gar nicht näher sein.»

«Dr Goalie bin ig» oder auch «Naw much of a talker»

McLaughlin konzentriert sich seit einigen Jahren auf Schweizer Literatur, die er ins Englische übersetzt. Urs Widmer, Monica Cantieni und Christoph Simon gehören zu seinen Lieblingen. Als er Pedro Lenz an einer Lesung hörte, habe er innerhalb einer Minute gewusst: «Den muss ich übersetzen.»

Vor einigen Tagen ist McLaughlins vielleicht speziellstes Werk herausgekommen: Er hat Lenz' «Dr Goalie bin ig» auf Glaswegian (den schottischen Dialekt der Stadt Glasgow) übersetzt. «Naw much of a talker» lautet der neue Titel; Pedro Lenz werde am 13. und 15. August in Glasgow daraus lesen. Der Berner Schriftsteller sei «inoffiziell ein Ehren-Glaswegian», seit er einmal längere Zeit als Gastautor in der schottischen Arbeiterstadt lebte.

Wenn McLaughlin von jemandem begeistert ist, dann setzt er sich für diese Autorin, diesen Autor ein - und dafür, dass das Werk in der eigenen Sprache neuen Lesern zugänglich gemacht wird. McLaughlin organisiert selbst Lesungen für seine Autoren. Mit den meisten Autoren tauschen sich die Übersetzer sporadisch aus, mit manchen befreunden sie sich. Mit Urs Widmer war McLaughlin sogar auf einer 18-tägigen Lesereise durch Indien.

Im Looren-Untergeschoss findet sich ein Raum mit Fachlexika, Enzyklopädien und Sprachbüchern von Abasinisch bis Ungarisch. Auch alte Wörterbücher. «Wir hoffen, dass diese die Übersetzer dazu anregen, auch weniger gebräuchliche Wörter zu verwenden», sagt Gabriela Stöckli.

Das Wohnzimmer dient auch als Bibliothek, und im Gang stehen unter anderem sämtliche Werke, die im Looren zumindest teilweise entstanden sind: Sie nehmen bereits drei hohe Regale ein.

So wie das Büchervolumen im Haus steigt in jüngster Zeit auch die Wertschätzung für Übersetzer: Sie bekommen mehr Preise, Stipendien und Aufmerksamkeit in den Medien.

Immer öfter werden sie auch auf dem Buchumschlag prominent erwähnt. McLaughlin erwähnt im Speziellen auch das Förderprogramm «Moving Words» von Pro Helvetia. «Der Grundstein ist gelegt», sagt Gabriela Stöckli, «aber es bleibt noch viel zu tun.»

Bis in zwei Jahren, wenn das Übersetzerhaus sein 10-Jahr-Jubiläum feiern wird, möchte Gabriela Stöckli im Übersetzerhaus Looren den tausendsten Gast empfangen.

Am Samstag, 7. September, öffnet das Übersetzerhaus ab 14 Uhr seine Türen für alle. Um 14.45 findet eine Veranstaltung mit dem Schriftsteller Liao Yiwu, der Übersetzerin Karin Betz und Dolmetscherin Yeemei Guo unter der Moderation des Basler Autors Martin Zingg statt.

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