Literatur

Zeugnisse von Krieg und Verfolgung: Lukas Bärfuss übersetzt die Gedichte von Partnerin Muriel Pic

Muriel Pic und Lukas Bärfuss

Muriel Pic und Lukas Bärfuss

Mit einem Gedichtband treten Lukas Bärfuss und Muriel Pic als Künstlerpaar in Erscheinung. Die Gedichte hat sie geschrieben. Für ihn ist es die erste publizierte Lyrik-Übersetzung.

Der Blick eines Mannes verfängt sich in einem Paar pflaumenblauer Ballerinas. Er folgt der Frau und steigt aus seinem Leben aus. Darum ging es in «Hagard», dem letzten Roman von Lukas Bärfuss, der 2017, ein Jahr später als ursprünglich angekündigt, erschienen war.

Nun ist klar: Auch der Autor Lukas Bärfuss ist aus seinem Leben ausgestiegen. Er und die französische Literaturwissenschafterin Muriel Pic bildeten «eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft», schreibt Lukas Bärfuss auf Anfrage per Mail. Mit einem Gedichtband treten die beiden im deutschsprachigen Markt erstmals als Künstlerpaar in Erscheinung: sie als Dichterin, er als ihr Übersetzer. «Wir leben zusammen, in Paris und Zürich. Wir haben zusammen drei Kinder – eine ziemlich normale, ziemlich moderne Patchworkfamilie», so Bärfuss weiter. Die 44-jährige Muriel Pic ist nicht die Mutter der drei Kinder von Bärfuss. Er sei geschieden, sagt der 47-jährige Autor, aber «Hagard» sei eindeutig keine Reflexion seiner Lebensumstände gewesen. «Falls es in meinen Büchern autobiografische Teile gibt, dann lasse ich das die Leserschaft wissen. Ich halte nichts von vorsätzlicher Verschlüsselung, das fände ich albern.»

Mit Muriel Pic ist Bärfuss in der Literaturszene schon öfter in Erscheinung getreten. 2016 nahmen sie beide an den Solothurner Literaturtagen an einem Übersetzungskolloquium teil, diesen Frühling war Bärfuss als Begleiter von Pic in Solothurn und letztes Jahr haben sie zusammen Literaturbriefe von Walter Benjamin ins Französische übersetzt und herausgegeben. Nun also Lyrik. Doch worum geht es in Muriel Pics Gedichtband?

Ein Nachthimmel mit zwei gleissend hellen Sternen und einem Sternennebel ziert dessen Umschlag. Das Bild ist nicht blosse Dekoration, sondern ein Dokument, das der Dichterin als Ausgangspunkt dient. Es ist das Werk eines unbekannten Amateurfotografen, aufgenommen am 2. August 1939. Es zeigt das Sternbild Orion, das so zur «Desaster-Konstellation / im Himmel Kaliforniens» wird. Denn selben Tags schreibt Albert Einstein dem US-Präsidenten «nach einer zaghaften Nacht auf Long Island» einen Brief und rät ihm zum Bau der Atombombe. So legt Muriel Pic die Archivbestände übereinander und bringt sie im Gedicht zum Sprechen. Auch ein Vers von Tennyson («A single misty star . . .»), der auf die Fotografie gekritzelt ist, findet Eingang in die klangvolle und nachdenkliche Vergegenwärtigung eines düsteren historischen Moments.

Beerdigung der Menschlichkeit

Nicht nur die Himmelsfotografien hat Muriel Pic als Archivmaterial für ihre Gedichte genutzt, sondern auch Dokumente aus einem Kibbuz in Palästina von 1909 und aus Prora, dem gigantischen Nazi-Ferienkomplex auf der Insel Rügen. Unverwandt blickt die Dichterin auf die Dokumente der Nazi-Propaganda und lässt das trockene Statement jäh ins Drastische kippen. «Ich betrachte Dokumente / Fotografien. / Ich betrachte Tote.» Die Zeugen von Krieg und Verfolgung, die Beerdigung der Menschlichkeit, ist, was Muriel Pics lyrisches Ich umtreibt. So kommt sie unausweichlich auf eine Poetik der Trauer und damit auf das Klagegedicht, die Elegie. «Prora, deine Zeugenstimme. / Damit das einmal gesagt sei: / Es gibt keine dokumentarische Kunst / ohne Trauergesang / ohne tote Bilder.»

Muriel Pics Gedichte sind klagend, ihr Ausgriff auf die Geschichte ist eindrücklich. Der faktisch-nüchterne Blick auf die Quellen bricht jedoch jegliches Pathos. Die französischen Verse sind rhythmisch und musikalisch: «Le tourisme, c’est toujours la même chose / toujours la même île / le même sel, le même soleil / les mêmes gestes.» Solche intensive Klänge sind im Deutschen kaum nachzukomponieren.

Bärfuss als Übersetzer findet dennoch einen Ton, der dem Original durchaus adäquat ist. Dabei stellt er zuweilen die Form über die inhaltliche Präzision, etwa im Titel, wo er aus den dokumentarischen Elegien «Elegische Dokumente» macht. Zu solchen Freiheiten treten Achtlosigkeiten und Fehler, um die sich auch ein Lektorat hätte kümmern müssen. Aus «Beaucoup rêvent de pouvoir encore rêver» wird da «Viele träumen von der erst erträumten Macht», aus «l’objectif» ein «Objekt» (statt des gemeinten Kamera-Objektivs) und aus «six» sogar «neun». Und der Nazi-Badeort «Prora» wird, vielleicht in einem freudschen Verschreiber, zur «Prosa».

Dieser seiner ersten publizierten Lyrik-Übersetzung gingen allerlei Übersetzungsübungen aus dem Französischen und Englischen voraus, sagt Bärfuss. «In meinen jungen Jahren war ich der Auffassung, es gebe keinen besseren Weg, um das dichterische Handwerk zu erlernen, als Gedichte ins Deutsche zu übertragen.» Dank seinem Einsatz ist uns nun ein bemerkenswertes erstes Werk der Dichterin Muriel Pic auf Deutsch zugänglich.

Muriel Pic: «Elegische Dokumente / Élegies documentaires», übersetzt von Lukas Bärfuss, Wallstein, 144 Seiten, 19 Abbildungen.

Muriel Pic: «Elegische Dokumente / Élegies documentaires», übersetzt von Lukas Bärfuss, Wallstein, 144 Seiten, 19 Abbildungen.

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