Als der elsässische Zeichner und Journalist Henri Zislin 1905 mit der Broschüre «Das Elsass als Bundesstaat» die Autonomie für die Region einforderte, war das der Beginn seiner oft scharfen Angriffe gegen die deutsche Verwaltung. Sechs Mal landete er aufgrund seiner deutschfeindlichen Karikaturen im Gefängnis. Von 1871 bis 1918 gehörte das Elsass zum Deutschen Reich.

Die deutschen Machthaber reagieren prompt: «Das Elsass als Bundesstaat» wird verboten und Zislin zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. In Paris wird er daraufhin als Held gefeiert, der sich für die Pressefreiheit und die Idee des französischen Elsass einsetzt. Die Broschüre wird mit der Aufschrift «confisquée en Alsace» ( zu Deutsch: im Elsass konfisziert) erneut herausgegeben.

Vor allem in Frankreich berühmt

In Frankreich wird Zislin durch die Ereignisse berühmt. «Er war dort bekannter als im Elsass», erzählt Joël Delaine, Konservator im Historischen Museum Mulhouse. Das Museum verfügt über eine Sammlung von 1700 Zeichnungen Zislins, die ihm seine Witwe nach dessen Tod vermachte. 300 davon entstanden während des Ersten Weltkriegs, als Zislin, der in Mulhouse geboren wurde (Lebenslauf siehe Box rechts), nach Frankreich flüchtete und für die französische Armee Propaganda gegen die Deutschen machte. 80 Karikaturen sind derzeit in einer Ausstellung über Zislin und seine Kriegszeichnungen im Historischen Museum zu sehen.

Auch ein bedeutender Künstler

Ein erster Teil im Erdgeschoss des Museums führt, thematisch gegliedert, in Leben und Wirken Zislins ein. In einem Raum im Musée des Beaux Arts, das nur wenige Gehminuten entfernt liegt, werden 22 weitere Zeichnungen gezeigt, die verdeutlichen, dass Zislin nicht nur ein begnadeter Karikaturist, sondern auch ein grosser und bedeutender Künstler war.

Die Kriegspropaganda war oft brutal. Hielt sich Zislin bis zum Ausbruch des Krieges mit Kritik an Kaiser Wilhelm II. zurück, wird dieser nun häufigstes Sujet seiner bitterbösen Karikaturen. In der Zeichnung unten ist er als Metzger dargestellt, der sein Volk im Krieg opfert. Sterben Menschen, sind dies stets Deutsche und nie Franzosen. Sie werden stereotyp mit Monokel und Bart dargestellt. «Ausserdem sind sie auf Zislins Zeichnungen immer schlecht gekleidet, die Franzosen hingegen elegant», erläutert Delaine.

Ein schwieriger Zeitgenosse

Zislin muss ein eher schwieriger Zeitgenosse gewesen sein. «Er hat sich in kürzester Zeit mit allen Leuten verkracht und Freundschaften haben nie lange gehalten», sagt Delaine. Gleichzeitig war er ungeheuer kreativ. In seiner zwölfseitigen Zeitschrift «Dur's Elsass», von der bis 1914 190 Ausgaben erschienen, veröffentlichte Zislin pro Ausgabe zehn bis zwölf Zeichnungen.

Während des Krieges arbeitete er für die Kriegs-Berichte, mit denen die französische Armee die elsässische Bevölkerung informierte. Von insgesamt 194 Ausgaben stammten 156 Titelseiten von Zislin, viele davon waren Aquarelle.

«Um wirklich gut zu sein, musste Zislin sich ärgern und aggressiv sein», ist der Konservator überzeugt. Nach dem Ersten Weltkrieg kam Zislin mit den Deutschen sein Feindbild abhanden. Das Elsass gehörte nach 1918 wieder zu Frankreich und Zislin hatte Mühe ohne sein Lieblings-Sujet, den hässlichen Deutschen.

Stattdessen engagierte er sich mit seinen Zeichnungen gegen die elsässische Autonomiebewegung, die zwischen den beiden Weltkriegen grossen Einfluss gewann. Die Autonomie, die Zislin selbst im deutschen Elsass noch einforderte, bezeichnete er im nunmehr französischen Elsass als falsch. In der Region wurden diese Stellungnahmen wenig goutiert und im übrigen Frankreich verlor Zislin stark an Bekanntheit. Daran änderte auch sein späteres Engagement gegen die Nazis und Hitler wenig.

Musée Historique de Mulhouse, Place de la Réunion. Bis 16. Nov. täglich ausser Dienstag 13–18.30 Uhr. Eintritt frei.