Musikperformance
Zehn Königinnen sind auf ihrem künstlerischen Lebensweg

«Blut» heisst das neue Album von Les Reines Prochaines – ihre Tour startet am Samstag in Basel. Dem rein weiblichen Künstlerkollektiv gehören auch Pipilotti Rist an.

Tumasch Clalüna
Drucken
Teilen
Verlieren die Zukunft nie aus dem Blick: Das Künstlerinnenkollektiv Les Reines Prochaines.

Verlieren die Zukunft nie aus dem Blick: Das Künstlerinnenkollektiv Les Reines Prochaines.

HO

Sie sind legendär, kultverdächtig und als Band gerade mal junge 25 Jahre alt: Die Königinnen der Zukunft, Les Reines Prochaines. Ein rein feminines Künstlerkollektiv, dem schon so illustre Persönlichkeiten wie Pipilotti Rist angehört haben und irgendwie immer noch angehören. So sieht es jedenfalls Muda Mathis, eines von zwei verbleibenden Gründungsmitgliedern in der aktuellen Besetzung: «Es gibt inzwischen zehn Königinnen. Bei jedem Projekt fragen wir wieder an, wer Lust und vor allem Zeit hat mitzumachen. Und wer kann und will, ist dabei.»

Das mit der Zeit sei ein Problem. Deshalb hat es wohl auch so lange gedauert mit dem neuen Album. Die letzte Veröffentlichung «Starke Kränze» liegt immerhin acht Jahre zurück.

Nicht jünger, dafür älter

«Man wird nicht jünger, dafür älter», scherzt sie über die erstaunliche Beständigkeit ihrer Performanceband. Spielt das eine Rolle? «Nein». Zumal ihr das Wort «ihrer» nicht angebracht scheint: «Wir haben keinen Bandleader. Wir sind alle Frontfrauen und Autorinnen dessen, was wir präsentieren.»

«Wir», das sind: Sus Zwick, Fränzi Madörin und Michèle Fuchs. Das neue Album heisst «Blut» oder besser gesagt «Syrup of Life», was irgendwie auf das Gleiche hinausläuft. «Das eine ist nur süsser.» Sind die Reines Prochaines plötzlich zu Vertretern einer Blut-und-Boden-Ideologie geworden? «Blut heisst Körperlichkeit, heisst Mensch sein: Denken durch den Körper», widerspricht Mathis.

Man merkt, es sind nicht die Spinnereien gelangweilter Hausfrauen, die zu amüsanten Polterabenden verquirlt werden, vielmehr Konzeptarbeiten auf höchstem Niveau. Logisch, sind alle Mitglieder auch ausserhalb der Reines als Künstlerinnen oder Dozentinnen für Kunst tätig. Der Kopf komme ihnen aber nicht in die Quere. «Der Kopf ist ein Organ, wie das Herz auch. Wir suchen nicht das duale Denken von Geist und Körper, es ist alles deckungsgleich und durchdrungen.»

Logischerweise produzieren und installieren sie ihre Shows so weit als möglich selbstständig. Das Rüstzeug haben sie dazu. Gerade sitzen sie zusammen und schneiden die letzten Playbacks zusammen, basteln Requisiten, es wirkt wie ein kleines Theater mit vier Mitarbeiterinnen, vier Schauspielerinnen und hoffentlich mehr als vier Zuschauerinnen.

Das Publikum darf denken

Wie politisch darf so eine Kunstform denn sein? Mathis spricht vom «antüpfen», das heisst wohl kurz berühren und dann weiter zum nächsten Thema. Überzeichnen wollen sie nicht, es sei eher eine Kreisbewegung um den Kern der Sache, kurz: Das Publikum darf mitdenken.

Dieses darf bei «Syrup of Life» zum einen die tollen Lieder von «Blut» erwarten, zum anderen eine stetige Transformation von Mafia-Witwen über die russischen Protestpunkerinnen Pussy Riot zu lustigen Feministinnen bis hin zum grauen Alltag. Der sei eh am schönsten, überrascht Mathis mit einem Bekenntnis zur Normalität. «Im Grau sind alle Farben enthalten.»

Und da ist sie wieder, die Dozentin von der Hochschule für Gestaltung und Kunst: Farbspektrum, Videokunst, Musik und Tanz. Les Reines Prochaines sind die Realität gewordene Transdisziplinarität, allerdings alles «à la Frau». Was die Zukunft bringt, kann Mathis nicht sagen: «Wir spazieren weiter auf unserem künstlerischen Lebensweg, und das, was uns passiert, weiten wir aus.» Ausweiten oder Verwerten. Eso-Tanten oder gewiefte Geschäftsfrauen? Die Reines Prochaines balancieren wieder einmal geschickt auf dem schmalen Grat zwischen Intellekt und Derbheit. Aber sie, sie können es – zumindest sagt das ihr Erfolg in Deutschland, Österreich, Frankreich und der Schweiz.

Album-Release «Blut» und Tourstart «Syrup of Life» am Samstag, 2. Februar, in der Kaserne Basel. www.kaserne-basel.ch

Aktuelle Nachrichten