Wo anfangen? Julia Hölscher hat sich das selbst oft gefragt; so vieles angefangen, ausprobiert, wieder verworfen, neu angefangen. Filmregisseurin, Entwicklungshelferin, Agronomin, Musicaldarstellerin, Sängerin, Schauspielerin, Journalistin, Fluglotsin, Physiotherapeutin. Was das eine mit dem andern zu tun hat? Julia Hölscher findet ungeahnte logische Verbindungen. Sie liebt die Kunst, sie liebt den Menschen, das Körperliche am Menschen. Und ein bisschen die Welt retten wollte sie zwischendurch auch – zum Beispiel mit der richtigen Saattechnik.

Jetzt ist die 35-Jährige seit zehn Jahren Theaterregisseurin, inszeniert Schauspiele und Opern, seit diesem Herbst als Hausregisseurin am Theater Basel. Und es sei genau das Richtige. Das, was sie im Grunde schon als Kind werden wollte, ein Beruf, bei dem so viele ihrer Interessen zusammenkämen.

Ziel erreicht, Suche zu Ende? Nein, die Suche gehe immer weiter, derzeit innerhalb des Berufs. Ihr sei es wichtig, immer wieder «frisch hinzukucken». Und gerade die Unsicherheit bringe einen dazu, sich immer wieder zu hinterfragen, weiterzuentwickeln. Diese Erkenntnissuche interessierte Julia Hölscher auch als wichtiges Motiv der «Zauberflöte», «den neusten Opern-Klopper», den sie inszeniert. Mozart war Freimaurer, und für die Freimaurer ist die ständige Arbeit an sich selbst zentral. Eine Basler Freimaurerloge – wie alle Logen auf die Geheimhaltung ihrer Mitglieder bedacht – hat Julia Hölscher sogar zu einem Gespräch eingeladen «und mir ein paar weitere Flöhe ins Ohr gesetzt».

Lieber Coach als Chefin

Hat sie sich die «Zauberflöte» ausgesucht? Wäre Hölscher religiös, würde sie sich ob dieser Frage bekreuzigen. Nein, das wäre anmassend, sagt sie. So eine grosse Oper werde einem angetragen, ist Ehre – und Bürde. «Ich habe mich sehr gefreut, dass die mir das zutrauen.»

«Die ‹Zauberflöte› kann einen den Kopf kosten.» Julia Hölscher ruft diesen Satz von etwa acht Metern Höhe herunter, von einem der fahrbaren Türme ihres Bühnenbilds. Fürs Foto ist sie auf unsere Bitte hinaufgeklettert. Sie sei für alle Schandtaten zu haben. Unerschrockenheit braucht es für die «Zauberflöte». «Und einen intuitiven, fast kindlichen Zugang», sagt die Regisseurin.

Julia Hölscher ist quirlig und scheu zugleich. Als sie sich im Herbst als Teil des neuen Teams vorstellen musste, machte sie das sichtlich nervös. Wie setzt sich die junge, zierliche Frau auf der grossen Bühne durch? Sie wolle wenn möglich nicht die Chefin markieren, sondern sehe sich eher als Coach, der jede und jeden Einzelnen dazu motiviert, «das mit mir gemeinsam zu machen». Wie eine Plastikerin – das wollte sie übrigens auch mal werden – forme sich mit und durch die Menschen langsam das Werk. «Ich möchte den Menschen das geben, das sie brauchen, damit sie dann ihr Potenzial entfalten können.»

Wie es ihr gefällt

Erkältungen und Verletzungen beutelten die ansonsten mit viel Lob bedachte Produktion. Einmal musste Julia Hölscher selbst im Chor singend einspringen; im Wams mit Schnauz – «nicht mal meine Freunde erkannten mich».

Den vielen sexistischen Passagen des Librettos setzt sie durch die ganze Inszenierung hindurch solche feinen Spiele mit den Geschlechterrollen entgegen – und eine Pamina, die am Ende in zu grosser Männerkleidung ihren Tamino an die Hand nimmt und durch die Prüfungen führt. «Ich erzähle am Ende, dass die Frau stark ist.»

«Die Nachtwelt ist in der ‹Zauberflöte› die, in der du alles sein kannst. Die Tagwelt diejenige, in der alles geordnet sein muss.» Julia Hölscher hat gegen Abend die Kunstwelt, in der sie alles tun kann. Und jeden Morgen die Alltagswelt, in der sie ihr Islandpony füttert und den Stall mistet. In Rheinfelden hat sie einen Stall und eine Wohnung gefunden. Beide Leben, ein erfüllter Mädchentraum. Ihre nächste Inszenierung? Shakespeares «Was ihr wollt».