You-Tube-Generation auf dem Vormarsch

Im Internet kann heute jeder ein Künstler sein

Im Internet kann heute jeder ein Künstler sein

Mit Internetportalen wie Youtube, Myspace und Blogger erhielt jeder Nutzer die Möglichkeit, der ganzen Welt seine Videos, Songs und Texte zugänglich zu machen. Nicht wenige erlangten damit sogar ausserhalb des Internets Berühmtheit.

Evelyne Baumberger

Der angesagteste Star auf dem Online-Videoportal Youtube ist momentan fünf Jahre alt, Japaner, spielt seit einem Jahr Ukulele und verzaubert die Internetwelt mit seiner Version von Jason Mraz’ Pop-Hit «I’m Yours». Der kleine Bub generierte mit seiner umwerfend süssen Darbietung inklusive Welpenblick, unverständlichen Gesangs und leidenschaftlichen Headbangings über 8 Millionen Klicks innert zweieinhalb Wochen. Seinen Namen kennt niemand.

Eine gebürtige Appenzellerin, die seit zehn Jahren in New York lebt, schreibt auf www.swiss-miss.com über Design. Eine halbe Million Menschen rufen monatlich ihren Blog auf. Die Website machte die Exil-Schweizerin in der New Yorker Designszene bekannt. Ihren Namen kennt man dort: Tina Roth Eisenberg.

Zwei Beispiele für ein Phänomen, das die letzten zehn Jahre wohl am stärksten geprägt hat: Durch das Internet wurde jede Person mit Computer und Telefonverbindung zum potenziellen Mitgestalter der digitalen Welt. In den Neunzigern musste man noch komplizierte Programmiersprachen beherrschen und die Inhalte durften nur wenige Kilobyte umfassen, heute machen benutzerfreundliche Interfaces und Breitbandanschlüsse das Hochladen selbst von grossen Inhalten zum Kinderspiel: Ein Klick und das eigene Video wie Foto, der eigene Text oder das eigene Musikstück sind online – und für die ganze Welt abrufbar.

Bands veröffentlichen Songs ohne die Unterstützung eines Labels auf dem Community-Portal Myspace und erreichen damit ein Publikum, bevor sie überhaupt das erste Konzert gegeben haben. Hobbyfotografen tauschen sich beim Fotoportal Flickr aus und verkaufen Drucke im Onlineshop Etsy.com. Journalisten und solche, die es werden möchten, widmen sich in Internettagebüchern (Blogs) und -radiosendungen (Podcasts) Themen wie Musik, Politik oder Design. Privatpersonen stellen ihre Homesexvideos auf Youporn online und bringen die DVD-Industrie um Milliardengewinne.

Nicht wenige Internetstars schafften den Sprung zu kommerziellen Labels, Agenturen und Verlagen und wurden dadurch auch ausserhalb der Netzwelt berühmt: Lily Allen war die erste Künstlerin, die ihre Karriere nicht unerheblich Myspace zu verdanken hatte, der Promi-Blogger Perez Hilton gehört mittlerweile in Hollywood selbst zur Prominenz, der kanadische Comedian Jon Lajoie wurde mit seinen satirischen Musikvideos auf Youtube bekannt und hat heute eine Hauptrolle in der US-Sitcom «The League». Und würde der Schauspieler Ashton Kutcher nicht stündlich auf Twitter aus seinem Leben berichten und damit auch in den Medien zitiert werden, niemandem wäre der Name von Demi Moores Ehemann geläufig.

Auch kommerzielle Firmen machten sich in den vergangenen Jahren die neuen Plattformen zunutze. Einerseits verbreiten sie ihre Inhalte im Netz.

So stellt zum Beispiel Schweizer Radio DRS die meisten Sendungen als Podcasts über iTunes zur Verfügung und Filmverleiher wie Universal oder Sony machen über Youtube und die Online-Community Facebook Werbung für kommende Filme. Andererseits holen sie sich auch Inputs für ihre eigenen Zwecke: Fernsehsender zeigen Amateurvideos aus Krisengebieten, die über Youtube verbreitet werden, in den Nachrichten, Musikredaktoren suchen im Internet nach neuen Sounds für ihre Radiosendungen, Printjournalisten abonnieren Blogs, um über ihr Fachgebiet auf dem Laufenden zu bleiben.

Das Internet und seine Möglichkeiten bereicherten die Medienwelt. Doch weil das Hochladen so einfach ist, explodiert die Menge der publizierten Inhalte, und das Qualitätsspektrum der Musik, der Texte und Videos reicht von grottenschlecht bis professionell. Teilweise sorgen die User selbst für eine Selektion, indem sie zum Beispiel wie Tina Roth Eisenberg die «Blogosphäre» durchkämmen und ausgewählte News aus diversen Blogs in ihrem eigenen verlinken. Während einige wenige selbst zu Gestaltern und Künstlern im Web wurden, beschränkte sich die Aktivität der meisten User auf einige wenige Veröffentlichungen. Das Internet versprach, jeden zum Medienproduzenten zu machen, doch die meisten blieben Konsumenten.

Im Jahr 2000 nutzten 14 Prozent der Bevölkerung das Internet täglich, heute sind es laut der neusten NET-Metrix-
Base-Studie 60 Prozent. Die technischen Herausforderungen schürten Ängste, dass vor allem die ältere Generation bei dieser medialen Revolution ausgegrenzt bleiben würde. Ende 2009 nutzten knapp 40 Prozent der Schweizer über sechzig das Internet überhaupt nicht. Begriffe wie «Podcast», «Facebook» oder «Download», die heute für die 60 Prozent der Bevölkerung, die das Internet täglich nutzen, zum Alltag gehören, sind für sie rätselhaft. Geschweige denn, dass sie das Internet mit eigenen Inhalten füttern würden: Nur 20 Prozent aller Blogger sind über vierzig Jahre alt, dies ergab die Social-Media-Studie 2009 der Internetanalysefirma Infospeed. Allerdings verzeichnete die Altersgruppe der über 60-Jährigen 2009 auch die höchste Zuwachsrate.

Das Internet ist jung. Sehr jung: Nur noch 2,5 Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren sind laut ARD/ZDF-Onlinestudie offline. Sie gestalten die Internetwelt aktiv mit. Die 13-jährige Fashion-Bloggerin Tavi Gevinson zum Beispiel, die mittlerweile bei internationalen Modeschauen in der ersten Reihe sitzt. Oder der Fünfjährige mit der Ukulele: Vielleicht singt er schon bald auf MTV.

Meistgesehen

Artboard 1