Kunst
Wurde die Sammlung Bührle mit Kanonen und Raubkunst bezahlt?

Schadet die Bührle-Sammlung dem Zürcher Kunsthaus? Ein Buch, das am Montag erscheint, sorgt für Unruhe.

Sabine Altorfer
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Emil Georg Bührle 1954 mit seiner Kunst. Von oben links im Gegenuhrzeigersinn: Renoir «Place de la Trinité», Van Gogh «Fleurs de Châtaignier», Cézannes «Le garçon au gilet rouge», Derain «La Table», Picasso «Blumenstillleben mit Zitronen», Corot «Sable et Chênes», Braque «Stillleben». Im Hintergrund: Degas «Madame Camus au Piano».

Emil Georg Bührle 1954 mit seiner Kunst. Von oben links im Gegenuhrzeigersinn: Renoir «Place de la Trinité», Van Gogh «Fleurs de Châtaignier», Cézannes «Le garçon au gilet rouge», Derain «La Table», Picasso «Blumenstillleben mit Zitronen», Corot «Sable et Chênes», Braque «Stillleben». Im Hintergrund: Degas «Madame Camus au Piano».

The LIFE Picture Collection/Gett

Raubkunst für das Kunsthaus Zürich? Das fragt ein Buch in seinem Untertitel, das ab Montag in den Läden aufliegt und am Dienstag wohl mit viel Aufsehen in Zürich Vernissage feiert. Der Wirbel ist dem Buch gewiss. «Schwarzbuch Bührle» heisst es – und es ist nicht nur schwarz eingebunden, sondern malt auch schwarz. Düster werden die Karriere des Waffenfabrikanten und Kunstmäzens Emil Georg Bührle (1890–1956) gezeichnet wie auch der Renommee-Schaden, den das Kunsthaus nehmen wird, wenn es in Zukunft mit dem Namen des Kriegsgewinnlers in Verbindung gebracht werde.

Motivation für Thomas Buomberger und Guido Magnaguagno, das Buch gerade jetzt zu schreiben und herauszugeben, ist die Erweiterung des Kunsthauses Zürichs, die ab 2020 unter anderem Platz schaffen soll für die «Sammlung Bührle». Eine der hochkarätigsten Schweizer Privat-Sammlungen, die bisher in einer Villa am Zürichberg residierte. Welche Schätze dort lagerten, wurde der Öffentlichkeit 2008 bewusst, als Diebe bei einem dreisten Raubüberfall vier Spitzenwerke von Cézanne, van Gogh, Degas und Monet abtransportierten. Und noch mehr, als das Kunsthaus Zürich 2010 – auch als Werbung für seine Baupläne bei den Stimmbürgern – die «Sammlung Bührle» ausstellte. Die rund 160 Werke von Monet, Manet und Degas, von Matisse, Picasso und van Gogh lockten scharenweise Besucher an.

Mit Kanonen bezahlt

Doch so richtig freuen dürfe man sich an diesen leckeren Kunstwerken nicht, schreiben nun Magnaguagno, Buomberger und ihre vier Ko-Autoren. Denn die «Sammlung Bührle» sei mit Kanonen bezahlt und Raubkunst, Fluchtgut und Werke, deren Herkunft nicht geklärt sei.

Diese – nicht neuen – Vorwürfe lässt die Stiftung Bührle nicht auf sich sitzen und reagiert, noch bevor das Buch erschienen ist: «Ganz offensichtlich ist keine Behauptung zu absurd, wenn sie hilft, Bührles Bilder mit Generalverdacht zu belegen.» Geschäftsführer Lukas Gloor schreibt weiter: «Bald sechzig Jahre nach seinem Tod lebt die von Bührle ausstrahlende negative Faszination offensichtlich ungebrochen weiter.»

Bührle musste nach dem Krieg die Herkunft einiger Käufe offenlegen. Das Bundesgericht verurteilte ihn 1948 zur Rückgabe von dreizehn Werken. Das machte er und kaufte sie zu handelsüblichem Wert wieder zurück. Dass ihm das Gericht aber Gutgläubigkeit bei den ursprünglichen Käufen attestierte, sei wohl eher «politisch» begründet gewesen, schreiben die Autoren des «Schwarzbuches».

Gloor verweist zu Recht darauf, dass es auf der Homepage der Stiftung zu jedem Bild eine Dokumentation mit seiner Geschichte gebe. Eine solch detaillierte, öffentlich einsehbare Information ist für Museen eher unüblich.

Brisant ist der Fokus Fluchtgut

Für Buomberger/Magnaguagno aber geht sie zu wenig weit. Auf Nachfrage schreibt uns Guido Magnaguagno, einst Vizedirektor am Zürcher Kunsthaus, zu seiner Zeit sei Bührle ein «Tabu-Thema» gewesen. Nun habe er genauer hingeschaut «und fand nicht nur Provenienz-Lücken, sondern ein sehr rudimentäres Verständnis von Herkunftsforschung». Ein happiger Vorwurf. Wer recht hat, ist von aussen kaum abschätzbar.

Die eigentliche Brisanz des «Schwarzbuches» ist, dass Buomberger/Magnaguagno die Definition für Werke, die man an die ursprünglichen Besitzer zurückgeben müsste, weiter fassen als bisher üblich: Sie nehmen nicht nur sogenannte Raubkunst ins Visier, sondern auch Fluchtgut. Also nicht nur die Werke, welche das Naziregime den jüdischen Besitzern gestohlen oder enteignet hatte, sondern auch Bilder, die Verfolgte selber ins Ausland retteten und verkauften, weil sie zum Beispiel Geld brauchten für ihre Flucht.

In der Schweiz gelten diese Käufe – im Gegensatz zur neuen Auffassung in Deutschland – als legal. Diese Rechtsauffassung sei mehr als störend, argumentiert Buomberger. Die Besitzer hätten sich ebenfalls unter Not von ihren Werken getrennt. Die Schweiz habe hier Nachholbedarf – für die Sammlung Bührle wie für das Gurlitt-Erbe in Bern und generell für die Museumssammlungen, lässt sich Buombergers Forderung zusammenfassen. Und Magnaguagno doppelt gegenüber der «Nordwestschweiz» nach: «Die Fluchtgut-Debatte ist neu und die ‹Sammlung Bührle› voll davon.»

Die Diskussion über Fluchtgut dürfte weit über Zürich hinaus verfolgt werden. Waren es in den Jahren vor und während des Zweiten Weltkrieges ja nicht nur private Sammler, sondern auch zahlreiche Museen, die Fluchtgut ankauften.

Fluchtgut in Museen

Björn Quellenberg, Pressesprecher des Zürcher Kunsthauses, sagte gegenüber der Agentur SDA, Fluchtgut sei von den Eigentümern selbst in Sicherheit gebracht worden und habe «weiterhin ihrer freien Verfügung unterstanden». Anhand von zwei «ohne Zwang» und zu «marktüblichen Preisen» erfolgten Bilderkäufen – «typische Fälle von Fluchtgut» – illustriert Quellenberg die Überzeugung des Kunsthauses, den verkaufswilligen Eigentümern sogar «entschieden geholfen» zu haben. «Man handelte verantwortungsvoll und kaufte nur, was unbedenklich schien.»

Ob die Museen und die Schweizer Behörden willens sind, über Fluchtgut zu diskutieren und gar die Rechtsprechung neu zu formulieren, wird sich zeigen. Ausser Thomas Buomberger hat die Forderung selbst nach dem Fall Gurlitt, dessen Erbe ins Kunstmuseum Bern kommen soll, niemand wirklich aufgreifen mögen.

So wenig übrigens wie die Frage, ob die als entartete Kunst von den Nazis in deutschen Museen konfiszierten Werke von ihren heutigen Besitzern wieder an die ursprünglichen Häuser zurückgehen sollten.

Auch davon gibt es in Schweizer Privatsammlungen und Museen einiges. Das Kunstmuseum Basel etwa tätigte wichtige Ankäufe von entarteten Werken, auch um sie in Sicherheit zu bringen. Dass das Hitler-Regime von den selber initiierten Verkäufen profitierte, ist die unschöne Kehrseite der Medaille.

Bührle als Sündenbock

Dass Buomberger/Magnaguagno jetzt die Sammlung Bührle als Anlass nehmen, um die Diskussion über Fluchtgut und Raubkunst wieder in Gang zu bringen, hat mit ihrer besonderen Geschichte zu tun. Denn kaum eine andere Sammlung und ein anderer Sammler verknüpft die tragische Geschichte der Judenverfolgung durch die Nazis, die Biografie eines Kriegsgewinnlers und die harzige Wiedergutmachung so eng.

Und je nachdem, welche Worte man wählt, wird Bührle zum deutschen Parvenü, der zusammen mit seinem reichen Banker-Schwiegervater sich raffiniert die solide Werkzeugfabrik Oerlikon geangelt und ruchlos mit seinen Kanonen vor und während des Zweiten Weltkrieges mit (fast) allen Seiten paktiert und Geld gescheffelt hat.

Oder er wird zum Opfer, weil er nach dem Krieg die ganze Schuld an den Schweizer Waffenexporten nach Deutschland und die Kollaboration mit dem Nazi-Regime zugeschoben bekommen hatte, obwohl die offizielle Schweiz ihm die Geschäfte nicht nur bewilligt, sondern sie gefördert und gefordert hatte. «Ausgegrenzt und eingespannt», nennt Historiker Hans-Ulrich Jost die Situation von Bührle im «Schwarzbuch» denn auch durchaus differenziert. Genüsslich – scheint es – wird im Buch aber auch jede mögliche Nähe von Bührle zu rechten Kreisen und Frontisten aufgelistet, wie sie bereits der junge Reserve-Leutnant im Ersten Weltkrieg pflegte. Und betont wird auch, wie Bührle und sein Schwiegervater die Waffenproduktion in die Schweiz verlegten, um das deutsche Aufrüstungsverbot nach dem Versailler Vertrag zu umgehen. Oder wie Bührle als Mäzen Steuern optimierte.

Kommt dazu, dass das Geld des reichen Bührle in Zürich durchaus willkommen war, man ihm 1937 das Schweizer Bürgerrecht gab, ihn aber nie richtig in die Gesellschaft aufgenommen und als ihresgleichen geachtet habe. «Der Deal Blutgeld gegen Mäzenatentum funktionierte zunächst nur hinter den verschlossenen Türen von Verwaltungs- und Stiftungsräten», schreibt Schriftsteller Charles Lewinsky im «Schwarzbuch». Aber «am Ende waren es die Stimmbürger einer ganzen Stadt, die dem Mann, der Hitler mitten im Krieg für 300 Millionen Franken Waffen verkaufte, für gerade zwei Prozent dieser Summe Absolution erteilten.» Gemeint damit ist der Erweiterungsbau des Zürcher Kunsthauses von 1958, den Emil Georg Bührle gänzlich finanzierte. Seither heisst der grosse Saal des wichtigsten Schweizer Kunstmuseums «Bührle-Saal».

Daran haben sich Zürich und die Schweiz seit sechzig Jahren gewöhnt. Ob es mit der Sammlung Bührle ab 2020 ebenso geschieht?

Thomas Buomberger/Guido Magnaguagno Schwarzbuch Bührle. Raubkunst für das Kunsthaus Zürich?
Rotpunktverlag, 256 S., Fr. 38.–; Buchvernissage Di 25. August, Kaufleuten Zürich, 19 Uhr.

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