Verwalter Törek hat das Schlossgut der Gräfin Mariza in der ungarischen Puszta fest im Griff. So könnte er dem Besuch der Gutsbesitzerin gelassen entgegensehen, würde nicht er sich selbst, respektive würde ihm nicht Graf Tassilo im Weg stehen: Als verarmter Adliger hat Tassilo sich auf dem Gut verdingt, um alias Törek Geld für die Mitgift seiner Schwester Lisa zu verdienen. Diese Voraussetzung ist als Stoff für eine Operette ebenso golden wie die 20er-Jahre, in denen Emmerich Kálmáns Opus handelt.

Neun Jahre nach seiner berühmtesten Operette, «Die Csárdásfürstin», wurde «Gräfin Mariza» in Wien uraufgeführt und zu einem weiteren Welterfolg für Kálmán. Zum zweiten Mal nach 2013 («Die Herzogin von Chicago») führt die Operette Möriken jetzt ein Werk des ungarischen Komponisten auf. So klingen nun mitreissende Ohrwürmer wie «Einmal möchte ich wieder tanzen», «Komm mit nach Varasdin» oder «Grüss mir die reizenden Frauen im schönen Wien» durch den Gemeindesaal Möriken und fliegen den Herzen des Publikums zu.

Gesungen wird wundervoll. Allen voran vom mitreissenden Chor und der ebenso überzeugend agierenden, wie stimmlich hervorragenden Andrea Hofstetter in der Titelrolle. Mit seinem leicht belegten Tenor beherrscht auch Raimund Wiederkehr die grosse Partie des Tassilo problemlos. Offen blieb aber die Frage, wie der Graf zu der unmöglichen Perücke kam, die er an der Premiere trug. Störend war sie umso mehr, als die übrigen Masken attraktiv, das Bühnenbild (Kristin Osmundsen) ebenso wie die Kostüme (Max Kaiser) reizvoll und bezaubernd sind.

Stimmlich mit Können und darstellerisch mit komödiantischem Charme begeistern ebenfalls Niklaus Rüegg als Fürst Popilescu, Anna Gössi als Lisa und Jan-Martin Mächler als Baron Zsupán. Sämtliche Mitwirkende wecken mit grosser Spielfreude und Bühnenpräsenz zum Leben, was in dieser Operette in reichem Mass vorhanden ist: Humor und Sentiment.

Grosse Gefühle bei der Premiere von „Gräfin Marzia“

Die Operette in Möriken-Wildegg hatte einige Highlights zu bieten. Ganz besonders war der Kinderchor, bei dem es so schien, als sei niemand nervös.

Nicht immer glückliche Hand

Thomas Dietrich allerdings, der in Möriken bereits für mehrere sehr gelungene Inszenierungen verantwortlich zeichnete, hatte bei «Gräfin Mariza» keine durchweg glückliche Hand. Nebst einigen gelungenen Szenen, wie zu Beginn des 1. und des 2. Aktes, ufert die Regie gegen Ende immer mehr aus, wird die Handlung dadurch übermässig zerdehnt. Über drei Stunden dauert die Aufführung – das ist eindeutig zu lang. Dies auch, weil die Inszenierung verschiedene Stereotypien aufweist. Vorab indem die Sängerinnen und Sänger – egal ob im Duett, Terzett, Quartett oder Tutti – vorwiegend in Reih’ und Glied aufgefädelt an der Rampe singen und tanzen. Dabei halten sich die choreografischen Varianten arg in Grenzen.

Das 30-köpfige Orchester setzt sich aus Streichern und einem Pianisten zusammen. Aus kaum nachvollziehbaren Gründen hat der musikalische Leiter Bruno Leuschner alle Bläser aus der Partitur gestrichen. Ein kühnes Unterfangen, das nicht als gelungen bezeichnet werden kann. Zumal Leuschner die Ouvertüre äusserst verhalten und mit befremdlichen kleinen Pausen dirigiert. Vor allem aber weil im Verlauf des Abends die Rasse des ungarischen Paprika und die wilde Weite der Puszta öfter im süssen Schmelz der Streichinstrumente verloren geht – und damit ansehnliche Stücke aus der rhythmischen Verve von Kálmáns Melodienschatz.

Bis 3. Dezember, Gemeindesaal Möriken.