Ausstellung

Wo der Geist von Montreux lebt

David Bowie im Chalet «Le Picotin» von Claude Nobs, wo er in die berühmte rote Trompete von Miles Davis bläst. Claude Nobs Archives

David Bowie im Chalet «Le Picotin» von Claude Nobs, wo er in die berühmte rote Trompete von Miles Davis bläst. Claude Nobs Archives

Im Landesmuseum Zürich wir der Schatz von Claude Nobs zum ersten Mal allen zugänglich gemacht.

Claude Nobs hat alles gesammelt. Viel Krimskrams, Post- und Visitenkarten, Poster, Plakate, private Bilder und Konzertbilder, Kleider, Modeaccessoires, zum Teil wertloses Zeugs mit umso höherem Erinnerungswert. Dann aber auch unzählige Geschenke seiner dankbaren Musikerfreunde: Gitarren von B.B. King und Carlos Santana, einen Kimono von Freddy Mercury, ein gezeichnetes Selbstporträt von David Bowie sowie das Prunkstück, die rote Trompete von Miles Davis. Sie ist gleich am Anfang der Ausstellung «Montreux. Jazz seit 1967» im Landesmuseum Zürich zu bewundern.

Im Laufe der Jahre ist ein veritabler Schatz zusammengekommen. Entstanden ist eine «caverne d’Ali Baba» des Montreux-Gründers, ein Kuriositätenkabinett in dessen Chalet «Le Picotin» in Haut-de-Caux, hoch über dem Genfersee, mit Zeitdokumenten von unbezahlbarem Wert. Nach dem Tod von Nobs hat sich sein Freund und Erbe Thierry Amsallem der Sammlung sowie der Videoaufnahmen angenommen. Als Präsident der Claude Nobs Foundation will er alles für die Nachwelt erhalten, den Geist von Montreux bewahren. In Lausanne wird das audiovisuelle Archiv seit 2007 digitalisiert. Im Landesmuseum ist der Schatz von «Le Picotin» zum ersten Mal ausgestellt, zum ersten Mal allen zugänglich gemacht.

Reizvoller Blick hinter die Kulisse

Die Ausstellung ist dreiteilig und beginnt mit der Aussensicht. Wir sehen, wie sich das eingeschlafene Touristenstädtchen Montreux zur Festivalstadt entwickelte. Initiant ist der umtriebige Buchhalter Nobs vom «office de tourisme». Gezeigt werden die Stationen vom kleinen, dreitägigen Festival mit Hippie- und Woodstock-Charme zum Treffpunkt der internationalen Stars aller Sparten und hochprofessionellen Festival mit internationalem Renommee.

Der zweite Raum, umrahmt von Festivalplakaten, bewegt sich ins Innere des Festivals. Auf einer grossen Leinwand können Konzerte von Miles Davis, Ray Charles, Marvin Gaye und anderen abgerufen und abgespielt werden. Es ist die Sicht des Zuschauers. Hinter der Leinwand beginnt der Backstage-Bereich. Auf der Rückseite der Konzertleinwand gewähren private Filme Blicke hinter die Kulissen. Man sieht Nobs mit Musikern wie Quincy Jones und Herbie Hancock im ungezwungenen Rahmen.

Das private Herzstück

Die Ausstellung dringt in die private Welt des Jazzfestivals Montreux vor, wird immer intimer. Der dritte Raum zeigt das Chalet «Le Picotet» mit seiner umwerfenden Aussicht auf die Bergwelt und den Genfersee. Das Chalet, eigentlich zwei mehrstöckige Häuser mit Swimmingpool, Heimkino und Bars sowie einer weitläufigen Wiese ist so etwas wie die private Seite des Festivals, das in seiner Bedeutung für Montreux nicht überschätzt werden kann. Es war Treffpunkt und Wohlfühloase der Musiker. Hier hat Claude Nobs mit ihnen Barbecue-Partys gefeiert, sie bewirtet und selbst bekocht. Schliesslich war er gelernter Koch.

Nobs hofierte seine Musiker wie Könige und beschenkte sie grosszügig. Meist waren es teure Uhren. Nina Simone erhielt sogar Diamanten und war so glücklich, dass sie ihn heiraten wollte. Für Alice Cooper liess er die besten Golfplätze reservieren und Miles Davis stellte er einen roten Ferrari zur Verfügung. Der Jazz-Trompeter bedankte sich artig, bemerkte aber, dass er entsprechend seiner Hautfarbe lieber einen schwarzen Ferrari gehabt hätte. Nobs machte es möglich. Er hat alles für seine Musiker getan. «Aretha Franklin würde ich mit einer Limousine am Nordpol abholen, wenn es nötig wäre», sagte er in seinem letzten Interview mit dieser Zeitung. Claude Nobs liebte seine Musiker und sie liebten ihn. Die kolossale Gastfreundschaft im Chalet war das Erfolgsgeheimnis von Nobs und seinem Jazzfestival. Die Musiker, selbst die grössten Weltstars, kamen immer wieder gern nach Montreux und machten das kleine, verschlafene Städtchen zu einer Weltstadt der Musik.

Kein anderes Festival, keine andere Schweizer Kulturinstitution hat die Ausstrahlung des Montreux Jazzfestivals. Die Landesausstellung würdigt es zu Recht und bietet manches Bijou aus der bewegten Geschichte von Festivals. Doch der einzigartige Charme des Chalets kann im Landesmuseum leider nur erahnt werden. Der wahre Geist lebt hoch über dem Genfersee.

Landesmuseum Zürich: Montreux. Jazz seit 1967. 19.1.–21.5.

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