Kulturpolitik
Wird das AKW Beznau ein Museum? Das fragen wir den Aargauer Kulturchef

Der Aargau ist in punkto Kulturausgaben gerade mal an 20. Stelle unter den Kantonen. Wie plant der neue Kulturchef Thomas Pauli-Gabi unter dem Sparzwang die Zukunft? Und wo sieht er Chancen?

Sabine Altorfer
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Thomas Pauli-Gabi, Leiter der Abteilung Kultur des Aargaus, zwischen Kantonsbibliothek und Kunsthaus.

Thomas Pauli-Gabi, Leiter der Abteilung Kultur des Aargaus, zwischen Kantonsbibliothek und Kunsthaus.

EMANUEL PER FREUDIGER

Herr Pauli, angenommen ein Besucher aus Asien will wissen, wie der Kulturkanton Aargau funktioniert. Was sagen und zeigen Sie ihm?

Thomas Pauli-Gabi: Kommt drauf an, ob er zwei Stunden oder eine Woche hier verbringt. (lacht)

Einen Nachmittag.

Ich würde ihm erklären, dass wir im Kulturkanton Aargau ein flächendeckendes, vielfältiges Kulturangebot haben, aber kein Opernhaus, kein Schauspielhaus – im Gegensatz zu Kantonen mit einem Zentrum wie Zürich, Bern oder Genf. Aber es gibt im Aargau spezielle Häuser und Festivals, wie zum Beispiel das Fantoche oder eine einmalige Dichte an Schlössern.

Und wohin würden Sie mit dem Besuch gehen?

(Zögert) Die Qual der Wahl ... Falls das Stapferhaus gerade eine Ausstellung hat, würde ich zuerst dorthin und dann hinauf auf Schloss Lenzburg. Dort würde ich die Geschichte des Kantons erzählen.

Als Chef der Abteilung Kultur sind Sie vor allem als Koordinator der verschiedenen Sektionen des Kantons tätig. Was spüre ich als Einwohnerin von Ihrer Arbeit?

Die Abteilung Kultur hat viele Aufgaben und Sektionen, wie Denkmalpflege, Archäologie, Kunsthaus, Staatsarchiv, Kantonsbibliothek, Museum Aargau. Ein Schwerpunkt ist die Pflege des Kulturerbes, an dem wir alle Freude haben, wenn wir durch die Altstädte oder auf die Schlösser gehen. Dazu kommt der Swisslos-Fonds, aus dem die Regierung für alle Regionen Gelder spricht. Wir bereiten diese Anträge vor. Das Publikum spürt uns auch indirekt über die Leuchttürme, wie zum Beispiel das Argovia Philharmonic, die wir mit Leistungsvereinbarungen mitfinanzieren.

Sie waren Initiant beim Legionärspfad Vindonissa und Direktor des Museums Aargau. Ihr Herz schlägt ein bisschen römisch und fürs Mittelalter. Bei welchen aktuellen Künsten erhöht sich Ihr Puls?

Ich schätze Theaterbesuche: Im Kloster Wettingen hat mich der Shakespeare mit seinem hohen Niveau überzeugt, ebenso das Osterspiel in Muri. Ich gehe auch gerne an Konzerte, ein Klezmer-Konzert in der Synagoge Endingen war ein Genuss.

Die zwei Theater waren Freilicht-Aufführungen. Bei den Theaterhäusern harzt es aber. Bei der Sanierung des Kurtheaters Baden wie bei der mittleren Bühne Oxer in Aarau. Was machen Sie dagegen?

Beim Kurtheater bin ich in der Projektsteuerung. Dort verhindern Einsprachen, dass man mit dem Bau anfangen kann. Da sind der Stadt, der Stiftung und mir im Moment die Hände gebunden. Auch beim Oxer hat die Stadt den Lead. Nach dem Architekturwettbewerb hat Aarau auf die Bremse gedrückt. Im neuen Kulturkonzept der Stadt hat der Oxer einen hohen Stellenwert, wir warten nun auf ihre Wünsche gegenüber dem Kanton.

Der Kanton hat bei diesen Projekten wenig Einfluss. Juckt es Sie nicht, das Heft in die Hand zu nehmen und vorwärtszumachen?

Als ich angefangen habe, war klar: Der Lead liegt bei der Stadt. Natürlich wünschte ich mir, dass es schneller ginge. Ich könnte zwar mit Euphorie vorausgehen, doch meine Ideen könnte auch ich nicht einfach so realisieren.

Auch das Stapferhaus, einer der Aargauer Leuchttürme, steht vor einem Neubau für sein Haus der Gegenwart. Der neue Betrieb wird mehr kosten, da sind Sie gefordert.

Es ist wie im Schach. Das Stapferhaus hat den ersten Zug gemacht, ein Konzept vorgestellt. Die Abteilung Kultur hat das Gesuch bearbeitet, die Regierung hat 3,7 Millionen Franken für den Landkauf bewilligt und 10 Millionen für den Bau in Aussicht gestellt. Nun ist die Stiftung Stapferhaus wieder am Zug mit einem baulichen und betrieblichen Konzept und der Geldsuche.

Haben Sie zukünftig überhaupt Spielraum? Die Regierung hat den Kredit für die Leuchttürme trotz höherer Gesuche nicht aufgestockt und will keine neuen Leuchttürme. Die Sparmassnahmen treffen die Kultur hart.

Die Sparmassnahmen treffen alle hart, nicht nur die Kultur. Wir müssen
3,5 Millionen pro Jahr einsparen, bei einem Budget von 36 Millionen Franken. Knapp zwei Drittel der Einsparungen kann die Regierung über den SwisslosFonds ausgleichen. Reale Leistungskürzungen gibt es vor allem bei der Kantonsarchäologie, beim Museum Aargau und beim Naturama. Diese und auch andere Institutionen müssen Leistungen abbauen.

Der Aargau ist wirtschaftlich der viertstärkste Kanton, bei den Kulturausgaben aber ist er seit Jahrzehnten weit abgeschlagen.

Aktuell ist er an 20. Stelle bei den Kultur-Ausgaben pro Kopf. Nach uns kommen noch der Thurgau, Appenzell-Innerrhoden und die Innerschweizer Kantone. Trotzdem hat man im Moment im Aargau das Gefühl, alles sei zu teuer. Der Aargau investiert 93 Franken pro Einwohner und Jahr in die Kultur, der Schweizer Durchschnitt beträgt 138 Franken. Im Vergleich zu anderen Kantonen haben wir im Aargau enorm viel mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln erreicht. Aber man muss dieser Kultur Sorge tragen. Das finanzielle Polster bei den Institutionen ist so dünn, da mag es nicht viel leiden, ohne dass die Kultur nachhaltig Schaden leidet.

Verstehen Sie sich als Vertreter der Kultur? Als Kämpfer für die Kultur gegenüber der Regierung und dem Grossen Rat?

Ich bin vom Kanton angestellt als Vertreter des Kantons für die Kultur. Ich bin also nicht der Vertreter der Kultur. Aber ich setze mich für die Anliegen der Abteilung Kultur und des Kuratoriums ein – und ich zeige auf, welche Herausforderungen auf die Kultur der Zukunft zukommen.

Welches ist für Sie die wichtigste Herausforderung?

Ich will nicht eine herauspflücken. Denkmalpflege und Archäologie sind sehr gefordert durch das Bevölkerungswachstum. Es wird immer mehr gebaut. Die Archäologie musste in den letzten Jahren gegen 40 Prozent einsparen, aber das Arbeitsvolumen ist ständig gewachsen. Bis Anfang 2015 wollen wir dafür eine Strategie entwickeln. Eine andere grosse Herausforderung ist die Digitalisierung – zum Beispiel für die Kantonsbibliothek. Bibliotheken waren in den letzten 3000 Jahren Parkhäuser für Medien, dieses Zeitalter geht zu Ende. Welche Rolle spielen die Bibliotheken also zukünftig? Ist die Kantonsbibliothek und sind die 89 Gemeindebibliotheken Vermittlerin für Recherche- und Medienkompetenz? Oder ein Ort für informelles Lernen? Oder ein sozialer Treffpunkt in den Dörfern? Hier ist strategisches Vorgehen dringend notwendig.

Der Aargau gibt sich als moderner Kanton, hier stehen innovative Firmen. Müsste sich das nicht auch in der Kultur spiegeln?

Das tut es auch. Das Kuratorium fördert das aktuelle Kunstschaffen und das Aargauer Kunsthaus arbeitet viel mit zeitgenössischer Kunst. Aber nicht nur die beiden strahlen das Bild des zeitgemässen Kantons aus.

In der Denkmalpflege ist der Aargau mit der Inventarisierung und Unterschutzstellung der Bauten im Vergleich zu anderen Kantonen im Verzug – um Jahrzehnte. Warum?

Das stimmt, aber hier fehlen die Ressourcen. Die Denkmalpflege muss sich auf die absolut wichtigsten Objekte konzentrieren, sie muss sich schwergewichtig mit Gebäuden vor 1920 beschäftigen, in der neueren Baukultur kann sie ihren Auftrag nicht vollumfänglich erfüllen.

In den letzten Jahren gab es in der Aargauer Kulturpolitik viel Neues. Das Kulturgesetz wurde revidiert, die Leuchttürme eingeführt. Was steht nun für Sie an? Angesichts der Sparmassnahmen konsolidieren oder Neues anpacken?

(zögert) Wichtigstes Ziel ist, dass die Kultur den Level halten kann. Der Kanton ist ja nur ein Pfeiler der Kulturpolitik. Auf der anderen Seite müssen wir auf Herausforderungen der Zukunft achten und sie möglich machen. Wie das Projekt «Doppeltür» über die jüdische-christliche Kultur im Surbtal. Eigentlich war das finanziell unmöglich, und nun gehts doch schrittweise vorwärts.

Das ist Vermittlung von Vergangenheit. Wie kann sich der Aargau aber als Kanton der Zukunft profilieren?

Da kommt mir das Stapferhaus in den Sinn. Ein Haus, das sich so tiefgründig mit Gegenwartsfragen beschäftigt, hat kein anderer Kanton. Das zu unterstützen, heisst Zukunft gestalten. Und ein Schwerpunkt ist seit Jahren die Kulturvermittlung – auch sie ist eine zukunftsgerichtete Investition.

2028 feiert der Aargau sein 225. Jubiläum. Gehört dannzumal das AKW Beznau als Zeuge des Atomzeitalters zum Museum Aargau wie die Lenzburg oder Königsfelden?

(lacht, zögert) Wenn es eine überzeugende Idee gibt, wie man das Atomzeitalter und seine Bedeutung, hier vermitteln kann, dann ist wohl das Interesse an einem solchen Ort genug gross.

Aber könnten Sie sich vorstellen, dass ein AKW Beznau dieselbe Bedeutung bekommt wie Schloss Lenzburg?

Bedeutung punkto Besucherfrequenz?

Nein, Bedeutung als historisches Denkmal?

Ich glaube dafür müsste mehr Zeit ins Land gehen. Die Bedeutung und Wertschätzung von Denkmälern wächst mit ihrem Alter – das ist wie bei gutem Wein.

Thomas Pauli-Gabi

Seit August 2013 ist Thomas Pauli Leiter der Abteilung Kultur beim Kanton Aargau. Er ist 1966 geboren und in Solothurn aufgewachsen, studierte Geschichte und Archäologie sowie Kulturmanagement. Seit 2001 arbeitet er beim Kanton Aargau, erst in der Archäologie als Leiter der Ausgrabungen in Vindonissa, dann als Direktor des Museum Aargau. Er wohnt mit seiner Familie in Wildegg.

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