«Do women have to be naked to get into the Met. Museum?», fragten die Aktivistinnen Guerilla Girls 1989. Im New Yorker Metropolitan Museum zählten sie in den Abteilungen der Modernen Kunst die Werke von Künstlerinnen – und kamen auf einen Anteil von weniger als fünf Prozent. Im Gegenzug waren 85 Prozent der Sujets nackte Frauen. Seither sind dreissig Jahre vergangen – verbessert hat sich wenig. In Europa ist der Künstlerinnen-Anteil in den Museen gar noch tiefer als in den USA. Auch in der neu gehängten Sammlung des Kunstmuseums Basel sind Frauen massiv untervertreten. Wir haben den neuen Direktor Josef Helfenstein und die neue Kuratorin Eva Reifert darauf angesprochen.

Herr Helfenstein, müssen Frauen nackt sein, um ins Kunstmuseum zu kommen?

Josef Helfenstein: Vielleicht mussten sie das vor ein paar hundert Jahren, heute sicher nicht mehr.

Frauen sind in Kunstmuseen aber viel häufiger Objekte als Subjekte.

Eva Reifert: Das hat sich geändert.

Helfenstein: Schon im Kunstmuseum Bern habe ich viel Kunst von Frauen gesammelt und ausgestellt. Ich habe zudem meine Dissertation über eine Frau geschrieben: Meret Oppenheim. Sie war sehr gegen die Stereotypisierung und Fetischisierung der Frau. Wobei sie dagegen antrat, nachdem genau das mit ihr passiert ist, nachdem sie als Muse instrumentalisiert worden ist.

Eva Reifert: Ich habe auch über eine Künstlerin promoviert, über Vija Celmins. Da waren wir schon eine Generation weiter. Ich wusste von ihr, dass sie es gerade sehr schätzte, dass ich sie nicht unter dem Gender-Aspekt behandelt habe. Es gab in den 70er- und 80er-Jahren nämlich auch die komplette Gegenbewegung: Wenn man sich mit Frauen, die Kunst machen, beschäftigte, hatte man nur noch Genderfragen im Kopf. Das tut der Kunst von Frauen auch nicht gut, die kann genau so angeschaut werden wie Kunst von Männern.

Aber haben Sie eine Statistik, haben Sie mal nachgezählt, wie viel Künstlerinnen in Ihrer Sammlung enthalten sind?

Helfenstein: Wenige. Aber doch mehr, als man denkt.

Reifert: Das war wirklich das Allererste, das ich gemacht habe, als ich hier in Basel am Schreibtisch sass: Ich bin die Sammlung durchgegangen, die meinen Bereich betrifft, und habe alle Frauen aus unserer Datenbank herauskopiert. Daraus habe ich eine Liste von Werken von Frauen erstellt. Es gibt einige schöne Sachen, die wir zeigen werden. Wir haben vor, im zweiten Geschoss einen Raum einzurichten, wo wir auch spontanere Hängungen machen können. Insgesamt wird man künftig bisher zu wenig beachteten Werken, auch von Frauen, begegnen können.

Wie hoch ist denn der Frauenanteil in der Sammlung?

Reifert: Prozentual muss ich es ausrechnen lassen. (Antwort siehe Kasten)

Eine Aktivistin der Guerilla Girls war letzten Sommer im Kunstmuseum, kurz nach der Neuhängung der Sammlung. Sie hat danach öffentlich gemacht, es würden aktuell nur fünf Werke von Frauen ausgestellt.

Reifert: Die Hängung ist etwas anderes als der Bestand.

Aber die Frauen bleiben im Depot?

Reifert: Das werden wir ändern.

Helfenstein: Wesentlich viel mehr Werke von Frauen gibt es natürlich im Kupferstichkabinett. 90 Prozent der Basler Sammlung sind nun mal Werke auf Papier; wir haben viele Arbeiten von Rosemarie Trockel und Miriam Cahn. Das Geschlecht darf aber nicht das einzige Kriterium sein, unter dem man Kunst kauft. Für mich sind die Ankäufe von Sari Dienes und Lynette Yiadom-Boakye sehr gute Beispiele für geglückte Ankäufe, weil diese Werke perfekt in die Sammlung passen und sie ergänzen, auch thematisch.

Sind diese Neuanschaffungen von Künstlerinnen Einzelfälle oder hat das System. Will man gezielt das Geschlechterverhältnis verbessern?

Helfenstein: Ja, aber nur wenn es Sinn macht. Wir wollen die Kunst nicht gendermässig ideologisieren, eine übertriebene political correctness ist auch nicht gut. In der Gegenwartskunst gibt es sehr viele gute Künstlerinnen. Gute Werke von Künstlerinnen aus dem 19. Jahrhundert und früher zu finden, ist viel schwieriger. Für mich ist es nicht nur eine Frage des Geschlechts, sondern auch des ethnischen Hintergrunds. Wir sind sehr euro/amerika-zentristisch und sehr weiss. Insofern ist das Werk von Lynette Yiadom-Boakye sehr wichtig, weil hier noch mal eine andere Dimension dazukommt, nämlich der kolonialisierende Blick, der hier von einer schwarzen Frau umgekehrt und intelligent aufgeweicht wird. Damit kommentiert sie eine sehr ambivalente kunstgeschichtliche Tradition.

Wie steht es sonst um die Diversität in der Sammlung?

Helfenstein: Das möchte ich ebenso wenig zum Hauptkriterium erheben. Aber es ist mir ein grosses Anliegen – vielleicht auch, weil ich 16 Jahre lang in den USA gearbeitet habe–, dass wir einen globaleren Blick werfen auf die Kunst. Es ist für unsere etablierte europäische Kunst sehr bereichernd, diesen anderen Blick auf sie zu werfen. Nächstes Jahr machen wir zum Beispiel ein Projekt mit Theaster Gates. Da geht es um wesentlich mehr als um die Sammlung; es geht darum, das Museum zu hinterfragen, zu öffnen und sogar mit Kunst aus dem Museum herauszugehen.

Was hat Sie für diese Themen sensibilisiert?

Reifert: Die Zeit in den USA hat mich geprägt, dort war Geschlechtergerechtigkeit ein zentrales Thema. Anderseits ist der Ausdruck political correctness nun wieder in Misskredit geraten, gerade weil man so hypersensitiv war. Wenn man hierherkommt, sieht man eine Sammlung schon stärker auch unter dem Gender-Gesichtspunkt und merkt: «Holla! Hier müssen wir etwas machen!» Mit diesem Wunsch habe ich bei Josef Helfenstein offene Türen eingerannt, weil er sich das ohnehin schon vorgenommen hatte.

Helfenstein: Das trifft auch auf Anita Haldemann und Ariane Mensger zu – ebenso auf Sören Grammel. Es ist heute selbstverständlich. Es öffnet zudem neue Möglichkeiten, die Sammlung auf originellere, interessantere Weise zu ergänzen als mit den immerselben 50 Namen. Man muss jedoch mit viel Wissen um die vorhandenen Bestände an die Erweiterung herangehen.

Ich bezweifle, ob diese Sensibilität für Genderfragen so selbstverständlich ist. Ein junger Mann, den ich kenne, sagte: Wo ist das Problem, Hauptsache die Kunst ist gut?

Reifert: Das oberste Kriterium ist bei uns ohnehin die Qualität. Zugleich wollen wir unseren Besuchern neue, spannende Dinge bieten. Adya van Rees-Dutilh ist zum Beispiel eine Künstlerin, von der wir ein Textilbild von 1914 in der Sammlung haben. Ich bin sicher: Ihr Werk ist keinem Basler präsent. Dabei ist es ein grosses Glück. Wir müssen es nur noch hängen und erklären. Wir möchten solche Kleinode neu einordnen und präsentieren.

Helfenstein: Wir möchten grundsätzlich wichtige Künstler, die unverdientermassen an den Rand gedrängt wurden oder in Vergessenheit geraten sind, wieder in den Fokus rücken. Die baldige Otto-Freundlich-Ausstellung ist mir deshalb sehr wichtig. Mit ihm ist ein grosser Künstler des 20. Jahrhunderts von den Nazis völlig zerstört worden. Als Jude und Linker verkörperte er alle damaligen Nachteile.

Reifert: Übrigens hat Adya van Rees nach seinen Entwürfen Wandteppiche gewebt.

Helfenstein: Da gibts dann diese Zusammenhänge! Zwischen den Häusern, zwischen den Perioden, zwischen den Medien. Es ist mir ein grosses Anliegen, dass wir dieses Geflecht reichhaltiger machen. Damit gerade auch das Basler Publikum, das die Sammlung schon gut kennt, immer wieder überrascht wird.

Reifert: Und 2020 werden wir in Zusammenarbeit mit dem New Yorker MoMA Sophie Taeuber-Arp zeigen.

Der ganze Kunstmarkt wird von reichen, weissen Männern dominiert. Die interessieren sich wahrscheinlich am meisten für Kunst von ihresgleichen.

Helfenstein: Das sehe ich nicht so. In den USA habe ich sehr viele Hispanic-Sammlerinnen getroffen. Es gibt auch immer mehr schwarze Sammlerinnen und Sammler. Und es gibt auch weisse Kuratoren, die sich stark für schwarze Künstler einsetzen. Man muss aufpassen, damit man das nicht zu einseitig sieht. In den USA empfand ich die Sammler als sehr weitsichtig.

Reifert: Ich kenne eine ganze Reihe sehr einflussreicher Galeristinnen.

Helfenstein: Manchmal trifft auch das Gegenteil zu: Mir sind einige Frauen begegnet, die keine Frauen gesammelt haben. Oder das MoMA wurde von drei Frauen gegründet, die eher Männer gesammelt haben. Es ist komplex. Meret Oppenheim, die ich noch erlebt habe, sagte mir, sie wolle auf keinen Fall in einer reinen Frauenausstellung vorkommen.

Aber etwas muss man doch ändern, solange in Europas Kunstmuseen der Anteil der Werke von Frauen bei maximal 20 Prozent liegt.

Helfenstein: Klar. Das ist ein Problem, wir wollen das nicht beschönigen. Zugleich muss man es auch haben, um es zu zeigen. Aber wir sind nun daran, die Sammlung neu anzuschauen und den Kanon zu erweitern.

Reifert: Wir gehen jetzt mit Lust daran, die Positionen zwischen den ganz grossen Namen herauszuholen. Das führt zwangsläufig zu einer grösseren Vielfalt. Und dann stellt man plötzlich fest, dass einige Männer nicht so gross geworden wären, hätten sie nicht ihre Frauen gehabt. Und dass die Frauen auch malten und ganz herausragende Künstlerinnen waren. Dann kaufen wir auch was von denen! Wenn man uns jetzt etwas Zeit gibt, wird man schon sehr bald Änderungen sehen.