Im Theater mit

«Wir vermeiden es, über den Krieg zu sprechen»

Thusanthy Sinniah hat eigens für den Besuch des Theater Spektakels auf der Landiwiese einen srilankischen Sari angezogen.

Thusanthy Sinniah hat eigens für den Besuch des Theater Spektakels auf der Landiwiese einen srilankischen Sari angezogen.

Mit der Tamilin Thusanthy Sinniah haben wir das Stück über hiesige Tamilinnen und Tamilen, «The Camouflage Project, am Theater Spektakel in Zürich besucht.

Thusanthy Sinniah, teilen Sie die Anliegen, die im Stück über Ihre Landsfrauen und Landsmänner besprochen werden?

Thusanthy Sinniah: Es ist ein sympathisches Stück, ehrlich und echt. Manchmal kamen mir fast die Tränen. Was ich aber vermisst habe, ist ein klarer Fokus. Es werden für meinen Geschmack etwas zu viele Themen angeschnitten: Der Tanz, die Unterschiede zwischen den Generationen, die Integration, der Krieg und sehr Privates.

Was mochten Sie am Stück?

Es hat mich sehr berührt, wie die Darsteller über ihre Eltern gesprochen haben. Dass man innerhalb der Familie Gefühle nicht teilt und allzu persönliche Fragen nicht stellt, das ist hundertprozentig wahr. Wir versuchen es zu vermeiden, über unsere Erfahrungen während des Kriegs zu sprechen.

Warum sprechen Tamilen untereinander nicht über den Bürgerkrieg?

Vor allem sprechen Eltern nicht mit ihren Kindern darüber. Für die Kinder wollen sie ein gutes Leben, eine solide Ausbildung, unberührt von jeglichen schlimmen Gedanken oder Gefühlen.

Sie wollen also ihre Kinder nicht damit belasten?

Es ist vor allem sehr, sehr schwierig darüber zu sprechen. Wenn ich schon nur an den Krieg denke, ist mein ganzer Tag verdorben. Es sind so viele schreckliche Sachen passiert, man wüsste auch gar nicht, wo anfangen mit Erzählen. Ausserdem denke ich, dass Eltern befürchten, einmal ausgesprochen, könnte die Kriegserfahrung einen Graben zwischen ihnen und den Kindern aufreissen. Die Kinder hier haben nie Hunger, Vergewaltigung, Folter, abgetrennte Hände und Füsse, Tötungen, erlebt. Wenn man das erfahren musste, möchte man sich danach einfach an einem sicheren Ort niederlassen, wo es Essen und Arbeit gibt. So ein Ort ist die Schweiz. Die Geflüchteten sagen sich: Hier sind wir sicher, hier können wir Geld verdienen, hier können wir unsere Sprache sprechen. Mehr brauchen Tamilen nicht. Integration ist für sie ein zusätzlicher Luxus, den sie nicht anstreben.

Das heisst, die fehlende Integration ist eine direkte Folge der Kriegserfahrung.

Ich glaube, innerlich sind viele Tamilen immer noch stark aufgewühlt. Als sie ihre Heimat verlassen haben, wollten sie nur eines: Schutz. Bei diesem Ziel ist es bei vielen geblieben. Manche leben schon über 20 Jahre hier, ohne gut Deutsch zu sprechen, ohne Schweizer zu Freunden zu haben.

Der Schauspieler Patrick B. Yogarajan kritisiert, dass die Tradition den Fortschritt hemmt und viele Probleme überdeckt. Wie sehen Sie das?

Einige Werte und Überzeugungen, die unsere Eltern haben, können Fortschritte behindern: Etwa das Kastensystem, dass man eine Jungfrau sein soll vor der Hochzeit, starre Benimmregeln für die Frau. Aber es gibt auch so viel Gutes: Tanzen, Yoga, das Essen, das Erlernen von Selbstdisziplin. Wir könnten für uns das Beste aus dieser Tradition wählen. Ich möchte eine Sri Lankerin sein, einzigartig. Aber wenn Aspekte meiner Kultur mich daran hindern, eine moderne, mit anderen gleichberechtigte Frau in einer globalen Welt zu sein, dann lege ich diese ab.

Yogarajan kritisiert auch das Kastensystem. Welcher Kaste gehören Sie an? Und was bedeutet das?

Man fragt nie jemanden nach der Kaste! Ich glaube, das ist sogar gegen das Gesetz. Ich will auch nicht sagen, zu welcher ich gehöre, weil ich generell gegen das Kastensystem bin. Obwohl die Tamilen von den Schweizern als gleichberechtigte Menschen angeschaut werden wollen, orientieren sich sehr viele innerhalb der eigenen Gemeinschaft stark am Kastensystem. Sie suchen sich danach ihre Freunde aus, wollen nicht, dass ihre Kinder sich mit Kindern tieferer Kasten anfreunden.

Aber wie wissen Tamilen wer zu welcher Kaste gehört, wenn man das nicht fragen darf?

Sie versuchen es indirekt mit anderen Fragen herauszufinden: Woher sind Sie? Sind Sie mit dem oder der verwandt? Was ist Ihre Ausbildung?

Warum ist das Kastensystem so problematisch?

Es wird missbraucht. Wir glauben im Hinduismus an Dharma und Karma: Wenn man Schlechtes tut, wird man im nächsten Leben in einer tieferen Kaste geboren — und umgekehrt. Die ursprüngliche Absicht ist es die Menschen zu guten Taten zu bewegen. In Wirklichkeit aber trennt das Kastensystem Menschen: Jede Kaste verkehrt nur mit ihresgleichen. Es ist sehr hierarchisch: Manche Menschen werden dominiert. Und es ist unfair, führt zu Ungleichheit: Menschen aus tiefen Kasten haben kaum eine Chance auf eine gute Ausbildung.

Was Sie offenbar irritiert hat, sind die Tanzeinlagen. Sie tanzen selber das traditionelle Bharatanatyam und hätten am liebsten protestiert.

Mich hat gestört, dass ein grosser Teil der Tanzeinlagen weder traditionell noch ganz modern war. Ich finde es in Ordnung, den Tanz zu modernisieren. Aber das muss sehr bewusst gemacht werden, es muss eine Bedeutung haben. Und auf dem Programmblatt stand, es sei Bharatanatyam. Das halte ich für irreführend, das Publikum bekommt einen falschen Eindruck.

Was bedeutet Ihnen dieser Tanz?

Ich bin damit aufgewachsen, während des Kriegs war es das Einzige, das uns Freude bereitet hat. Der Tanz hilft dabei, Geist und Seele zu verbinden. Auch manche Lieder sind sehr emotional für mich. Im Stück singt Yogarajan ein Lied, das wir während des Kriegs jeden Tag gehört haben: Thooram athigam illai. Es ermuntert dazu, nicht aufzugeben, denn eines Tages würden wir unser Land und den Frieden wieder haben. Wer dieses Lied in Sri Lanka singt, landet im Gefängnis.

Auch heute noch?

Mit Sicherheit. Ich fand es sehr mutig, dass er das gesungen hat. Aber in Zürich ist das möglich.

Was es für Sie schwierig sich in Europa zu integrieren?

Ich bin auch durch diesen Prozess gegangen, in dem die Gedanken vor allem um die Flucht vor dem Krieg kreisen. Aber ich kam schnell aus dieser Phase heraus. Integration ist mir immer leicht gefallen. Ich habe viele Schweizer Freunde und liebe sie sehr. Sie sehen mich nicht als Ausländerin an. Eine Freundin bat mich, Brautjungfer bei ihrer Hochzeit in Klosters zu sein. Ich war dort die einzige dunkelhäutige Frau.

Im Publikum hat ein älterer Herr Sie gefragt, ob Sie aus Sri Lanka seien. Macht es Ihnen Mühe, dass Sie aufgrund Ihres Äusseren sofort als anders identifiziert werden?

Überhaupt nicht! Ich verstehe nicht, weshalb sich Leute über solche Fragen aufregen können. Ich bin einzigartig, ich bin anders; die Menschen sehen das und sind interessiert. Ich fand es sogar nett von diesem Herrn, zu fragen. Ich gebe gerne Auskunft. Ich schäme mich nicht für meine Hautfarbe, schäme mich nicht für meine Identität.

Haben Sie je Rassismus erlebt?

Mir ists lieber, wenn jemand offen sagt, rassistisch zu sein, als heimlich so zu denken. Dann kann man mit so einem Menschen reden. Und manchmal frage ich mich, ob es Rassismus ist oder die Angst vor Fremden und dem Fremden. Leider gibts überall auf der Welt Rassismus. Auch in der tamilischen Gesellschaft, wegen des Kastensystems. An manchen Orten in Sri Lanka darf kein Tamil gesprochen werden. Das finde ich sehr rassistisch.

Sie haben selbst in zwei Stücken am Theater Basel mitgespielt. Denken Sie, dass Theater einen Beitrag gegen Rassismus und zum besseren Zusammenleben leisten kann?

Auf jeden Fall. Ich werde bis heute auf «Biedermann und die Brandstifter» angesprochen, obwohl die Derniere schon über ein Jahr her ist. Das hat bei den Leuten etwas bewirkt. Und ich bin stolz auf die Leistung dieser beiden Tamilen in «The Camouflage Project».

«The Camouflage Project» premierte am Theater Spektakel in Zürich. Es läuft Ende September im Roxy Birsfelden.

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