«Nach Europa» ist ein Beitrag des Künstlernetzwerks Kunst+Politik zum 1. August. Am Nationalfeiertag sind die Texte der 17 Autoren auf www.marignano.ch gratis einsehbar.

Martin R. Dean: Europa aber wurde in Brüssel verspielt

Wäre der Blick der Europäer derselbe wie der von Neil Armstrong, der 1969 vom Mond aus unseren Planeten sah, dann würde uns endlich bewusst, wie klein und nichtig Europa auf der Welt ist. Armstrong sah, was durch die Globalisierung voran getrieben wird, einen einzigen Planeten- und er hätte, wäre es darauf angekommen, bestimmt auch Europas Marginalisierung gesehen.

Die Vereinigten Staaten von Europa – heute sind sie unattraktiver denn je, weil der Blick der Älteren nur den Einheitsbrei, nicht aber die Verschiedenheit in Europa sieht. Dieser Blick ist geprägt von der Angst vor dem Verlust des Eigenen, Typischen, Charakteristischen. Er sieht nicht, wie es beispielsweise bei der Gründung der Vereinigten Staaten der Fall war, dass man das Verschiedene unter einer Staatsverfassung zusammenfassen und dennoch bewahren kann. Es ist dieser Blick der Älteren, der von den Kriegen, dem Nationaldenken und dem Eigenbrötlerischen geprägt wurde, der Europa verhindert.

Die EU scheitert aber auch daran, dass sie nur ökonomisch definiert wurde – und selbst in ihrer Erweiterung ein ökonomisches Projekt blieb.

Gerade wurde bei der Fussball-Europameisterschaft Europa in seinen unterschiedlichen Gebräuchen und seiner unterschiedlichen Art, Fussball zu spielen, sichtbar. Ein Kontinent, auf dem jedes Land seine eigenen Feste feiert, seinen eigenen Käse isst, seinen eigenen Wein trinkt und selbst die Liebe auf eine landesspezifische Art gehandhabt wird. In dem jedes Land seine eigene gefärbte Sprache spricht, anders mit den Zugewanderten umgeht und andere Festtage pflegt. Länder ohne Migration, in denen alle gleich heissen, Länder, in welchen alle Namen fremdländisch klingen und doch dazugehören.

Die Politik der EU hat diese Vielfalt im Bewusstsein der Älteren offenbar mehr gefährdet als geschützt. Haben die Brüsseler genug für das Bewusstsein der Vielfalt getan, haben sie die Unterschiede in Erinnerung gerufen und gepflegt, oder haben sie nur schnöde vereinheitlicht, was sich am Lohnendsten vereinheitlichen liess? Die «Pflege» des Eigenen haben nun europaweit die Rechtspopulisten übernommen. Und was von den Brüsseler Vereinheitlichungsbemühungen noch ausgenommen bleibt, wird von der Globalisierung erfasst, die eine ebenso einseitig ökonomische Ausrichtung hat.

Dabei hält sich die Klimaerwärmung mit ihren Überschwemmungen und verschobenen Sommern nicht an Landesgrenzen; dabei werden weltweit Nahrungsmittel herumgeschifft, die dann als «einheimisch» in den Regalen unserer Supermärkte landen; dabei wurde die Globalisierung bereits 1492 mit Kolumbus’ Einfall in die Neue Welt begonnen.

Wie kann man das Eigene in der Vielheit pflegen? Eine Identitätspolitik, die das Andere als dem Eigenen feindlich entgegensetzt, wird im Grossen wie im Kleinen nichts zusammenbringen, sondern nur das Eine vom Anderen ausschliessen. Da Abstimmungen heute mehr einer Stimmung als Fakten folgen, muss das Bewusstsein für europäische Andersartigkeiten geweckt werden. Der Einführung des Euro hätte die Einführung europäischer Filmfestspiele folgen müssen. Neben der Europäischen Zentralbank müsste es ein europäisches Literaturfestival geben, mit einer Unzahl an Übersetzern. Denn übersetzen heisst, eine Fremdsprache ins Eigene zu retten, ohne das Fremde daran zu verlieren. Goethes Traum von einer Weltliteratur! Dass Europa, ausgegangen von den griechisch-mittelmeerischen Mythen, ein einziger in sich verschiedener Bildungsraum sein müsste, mit freiem Zugang für alle Studierenden zu allen Universitäten, sollte sich von selbst verstehen.

Europa aber wurde in Brüssel verspielt.

Denn eigentlich fehlt uns Europäern (auch wenn wir Schweizer nicht in der EU sind gehören wir zu Europa) weder der gemeinsame Blick noch die gemeinsame Geschichte. Einmal ist die Aufklärung das grosse europäische Projekt. Dazu kommt die Bibel als Geschichtenbuch, auch der Koran ist zu Zeiten der Kalifen von Cordoba und Sevilla zu Europa gekommen. Anders als Japan, das jahrhundertelang hermetisch abgeschlossen wurde, gibt es kein Europa der Grenzen, sondern nur der Durch- und Übergänge.

Europa ist ein Buch, in dem jede Nation ein Kapitel schreibt.

Die Schweiz ist dabei, immer mehr zu einer Insel zu werden, auf der die Züge nur noch von Zürich nach Wädenswil, von Basel nach Birsfelden und von Bern nach Bümpliz fahren. Gerade die Schweiz aber wäre ein Modell für eine Einheit in der Vielfalt. Im Ernst wird niemand behaupten, dass das Tessin oder das Welschland unschweizerisch wären. Der Traum der Separation aber ist nichts anderes als missverstandene Regionalität; soll die Region ihre Farbe ins Ganze einbringen, muss sie ihre Begrenztheit anerkennen, anders landen wir im Mittelalter, in dem Europa aus zighunderten von Einzelstaaten bestand.

Standen wir nicht alle einmal als Kinder im Bahnhof und haben uns die Augen gerieben, wenn wir auf den Anzeigetafeln «Milano Central», «Amsterdam Centraal» oder «Bruxelles Midi» gelesen haben? Oder wenn da «Paris Gare de l’Est» stand und wir voller Sehnsucht dem Nachtzug nach Moskau nachschauten. Aber das war damals, als die Reise nach Europa noch eine Sehnsucht war.

Jürg Halter: Der Trost, der bleibt

Jedes mal wenn ein hochbezahlter Sicherheitsexperte bemüht nüchtern erklärt, dass das Risiko bei einem Autounfall umzukommen weitaus grösser sei, als bei einem islamistischen Anschlag in Europa getötet zu werden, fällt in China eine Beruhigungspille von einem Fabriklaufband,

während in einem Hobbykeller irgendwo vor Dresden ein Nazi einen Brandsatz präpariert, um Recht und Ordnung wiederherzustellen,

während im Gebetstraum einer von Saudi Arabien finanzierten Moschee in Europa auf das Ende des Abendlands und den Tod der Ungläubigen angestossen wird,

während in Bern in einem Starbucks ein Mädchen dem anderen klagt, dass einfach nichts los sei in dieser Stadt,

während im Mittelmeer im Rücken von mit Maschinengewehren beschützten Schnäppchentouristen ein volles Flüchtlingsschiff untergeht,

während vor den neusten Verkaufszahlen auf dem Bildschirm weltweit kleine Freudentränen in die Äugelein von Waffenindustriellen treten,
während sich in Berlin Neukölln in einem Concept Store jemand nicht zwischen Laktose- und Glutenfrei entscheiden kann,

während im türkischen Kulturverein nebendran Männer stolz einer Lobrede Erdogans auf Putin in Erdogans Staatsfernsehen lauschen,

während in einem Pariser Vorort ein paar Jugendliche, die Baseballmützen tief im Gesicht, einen Appel-Kopfhörer im Ohr, einem jungen Mann mit runder Brille und Jutebeutel «Scheissjude» nachrufen,

während eine Wissenschaftlerin in Zürich kopfschüttelnd vor einer Wandtafel, auf der die Begriffe «Geschlechtergleichstellung» und «Religionsfreiheit» geschrieben sind, steht,

während ein polnischer Leiharbeiter in einer Kantine in Manchester davon träumt, sich in einen Roboter zu verwandeln, um nicht von einem solchen ersetzt zu werden,

während in Stockholm eine Frau, ihr schlafendes Baby auf dem Arm, einen negativen Asylbescheid erhält,

während in einem Hochhaus in Frankfurt ein Journalist mit geweiteten Pupillen vor einem anderen den Neoliberalismus mit den Worten «noch nie ging es uns so gut wie heute» verteidigt,

während fünf Hochhäuser weiter ein paar mit Millionenboni ausgestattete Banker gemeinsam mit einer renommierten Agentur die nächste Kampagne zur Bankrettung auf Kosten der Steuerzahler aushecken,

während in Warschau ein alte Frau einem Pokémon-Go-Spieler über die Strasse hilft, da es diesem nicht mehr möglich ist, vom Display aufzusehen,

während in einem Landgasthof im Thurgau der Milliardär Christoph Blocher vor fünfhundert Menschen tritt und «wir sind das Volk» sagt,

während in einer Yogaklasse in Rom ein Staubkörnchen ins Auge der Kursleiterin fliegt,
während zwei Kinder in einem Park in Brüssel auf einer Bank sitzend über ihre Lieblingsfussballer fachsimpeln,

während in New York Trumps Assistentin aus dem Internet die Präsidentschafts-Antrittsrede für ihren Chef abschreibt,

während in einem Hinterzimmer in Genf China und Katar den Bau einer neuen Öl-Pipeline, weg von Europa, beschliessen,

während in einer Airbnb-Wohnung in Rio de Janeiro ein Selbstmordanschlag auf die Schlussfeier der Olympischen geplant wird,
während in Südsudan in einem Lager abseits der hysterisierten Weltöffentlichkeit ein hungriges Kind seine letzten Atemzüge macht,

während in einem Flüchtlingslager in Griechenland ein Politiker ein Baby in die Kameras hält, bevor er zurück in die Lobby eines Fünfstern-Hotel gefahren wird, wo er während eines Interviews ohne Scham zehnmal das Wort «Empathie» in den Mund nimmt,

während in der Schweiz ein Schriftsteller in einem Strassencafé, ein Caffè freddo in der Hand, über die gewaltige Unschärfe des Begriffs «Wir» nachdenkt und sich doch vorstellt, dass es eigentlich genau jetzt an der Zeit wäre eine wirkliche, eine demokratische, eine solidarische, eine starke Europäische Union zu gründen, und seine Notizen mit den Worten «Tote Utopie!» durchstreicht.

Er fächert sich mit einer Zeitung frische Luft zu, während er in sein Notizbüchlein schreibt: «Und so geht das Gewurstel weiter, bis es nicht mehr geht. Die Menschheit, das erfolgreichste gescheiterte Projekt aller Zeiten.»

Eine Tram biegt um die Kurve, ein paar Kinder spritzen sich lachend mit Wasserpistolen an und der Schriftsteller lässt, geistesabwesend, einen Eiswürfel in seiner Hand schmelzen.
Er beobachtet wie das Wasser auf seiner Hose trocknet und fragt sich, ob das der Trost ist, der bleibt, während im Himmel über ihm ein Passagierflugzeug nach Europa fliegt.

Franz Hohler: Nach Europa

Du musst ein Stück der Passstrasse nach, und dann bei der Waldhütte rechts abbiegen, sagt dir der bärtige Mann mit dem Hund an der Endstation des Postautos, nachdem du gefragt hast, wo es hier zum Bergsee geht. Du tust, wie er dich geheissen hat, steigst dann einen Fahrweg zu einem Maiensäss hinauf, der einmal durch einen alten Tunnel führt, nach dem Maiensäss wird der Pfad schmaler, ein Wanderweg, der über ein Band am Fuss einer schier endlosen Felswand führt, mit grandiosen Ausblicken in die Tiefe des Bergtals, aus dem du gekommen bist, oft fällt auch unter dem Pfad eine Felswand ab, und du hältst dich, mit Schwindel kämpfend, mit der linken Hand an einem fixen Seil, siehst vor dir eine Bergkette, über die nun langsam Gewölk aufzieht, gelangst endlich zum Ende der Felswand und steigst nun eine Schneise hoch mit uralten hohen Fichten, deren Wurzeln und Stämme mit Moos und Flechten überzogen sind, dazwischen wächst üppiges Gras, und du hörst auf einmal Glocken bimmeln, da muss also eine Alp in der Nähe sein,

und einzelne Waldkühe drehen ihre Köpfe nach dir um, du blickst auf die Uhr und siehst, dass du vor bloss vier Stunden noch in der Stadt warst, im Morgengewühl eines Hauptbahnhofs, wirst dir auch bewusst, dass du seit dem bärtigen Mann mit dem Hund niemanden mehr gesehen hast, und denkst mit einem plötzlichen Glücksgefühl, das ist die Schweiz, das ist die Schweiz, steigst höher und höher, ohne die Alp zu erblicken, zu der die weidenden Kühe gehören, und stehst schliesslich am einsamen Bergsee, über dem ein Nebel liegt, der das andere Ufer verhüllt, in Erwartung der Stille, die dir als Lohn für deine Wanderung zusteht, doch die wird gestört vom Knattern eines Motors und von wirren Rufen, und langsam taucht ein Schlauchboot auf, übervoll mit dunkelhäutigen Menschen, die dich ungläubig und hilfesuchend anschauen und mit den Händen fuchteln, von Strapazen gezeichnet, am Bug steht ein Mann in einem langen, weissen Gewand, wirft dir, als das Gefährt näherkommt, ein Seil zu, und du kannst nicht anders als es mit beiden Händen zu packen, und du ziehst das schwer beladene Boot an Land, an dein Land, das mitten in Europa liegt.

Ivona Brdjanovic: Insane/Insieme (Unite, Unite Europe!)

Europa ist eine bipolare Angelegenheit für jemanden wie mich. Zu sagen, dass in meiner Brust zwei Herzen schlagen... das einer Serbin und das einer Schweizerin ist mir zuwider. Pfui! Keines der beiden Länder verursacht tatsächlich eine Tachykardie, da keines von beiden am Meer liegt. Wenn ich jetzt mal in Grenzen denke.

Es sind diese gegensätzlichen Innenräume und die dazugehörenden Raufereien, gegensätzliche Aus- und Marschrichtungen, die in mir eine Art Europagefühl auslösen. Dann eher dieses eine Herz als die beiden genannten.

In dieser Verbindung von Ost- und Westeuropa, Balkan- und Alpenregion (man sagt Balkaner, aber nicht Älpler), tauchen noch heute viele Stereotypen auf. Natürlich gibt es einige Kuriositäten und Mysterien einer balkanischen Realität, die einer Schweiz nie entsprechen könnten, weswegen sie ein Herr und eine Frau Älpler auch nie verstehen werden. Aber das haben unterschiedliche Kulturen und Länder an sich. Tatsachen sind ohnehin nichtssagend, ohne Zusammenhang, in dem sie bammeln. Nichtsdestotrotz erwische ich mich, wie fest ich hierzulande versuche, die Mysterien und Kuriositäten, ja sogar die aktuellen und vergangenen Ereignisse im ehemaligen Jugoslawien zu erklären. Und dabei fällt mir auf, dass ich die Stereotypen, die hier verbreitet sind, viel zu selten anzweifle. Dieser pawlowsche Reflex, der mich immer wieder einholt. Ich darf doch kein Aufsehen erregen. Denn zu oft dürfen insbesondere diejenigen Freundlichkeit und Wohlwollen erfahren, welche die Sichtweise von Älplerinnen und Älplern bestätigen.

Toto Cutugno am Eurovision Song Contest mit Insieme.

Toto Cutugno am Eurovision Song Contest mit Insieme.

Eurovision 1990 - Toto Cutugno - Insieme: 1992

Vorurteilslosigkeit scheint ebenso wie der Gedanke an ein Europa sowie auch die damit einhergehende Humanität die Valuta zu sein, mit der man sich als etwas Naives offenbart. Etwas, dem auf den Kopf getätschelt wird, etwas, wie das süsse, kulleräugige Pokémon Pummeluff*, das man gähnend abnickt und abwinkt. Das ist keine Einbildung, denn oft höre ich, dass ich eine Ausnahme sei. Ich bin keine Ausnahme, nur weil ich Sichtweisen bestätige. Wenn ich eine Ausnahme bin, dann nur, weil sie mich gerne in diese Rolle zwingen. Älplerinnen und Älpler bauen sich gerne ihre fantastische Welt, ihre Schlösser auf dem Bergzipfelchen über den Wolken. Ich bin eine Ausnahme in Älplers Fantasie, wegen seiner Scheuklappen, Ungerechtigkeit und seines Weltbildes. Älpler und Älplerinnen machen mich zu einem Fantasiewesen.

In diesem Sinne, wundert euch nicht, wenn wir manchmal ein bisschen laut werden müssen.

PS: Mein Hund aus Spanien hat einen EU-Pass #AdoptDontShop


* Pummeluffs Stimmbänder können die Tonlage seiner Stimme beliebig variieren. Dieses Pokémon benutzt diese Fähigkeit, um seine Gegner mit monotonem Gesang in Tiefschlaf zu versetzen.