Die Insel

Wir leben alle auf einer Insel

Die Verheissung vom Paradies auf Erden ist tief verankert im kollektiven Bewusstsein.

Die Verheissung vom Paradies auf Erden ist tief verankert im kollektiven Bewusstsein.

Alle sehnen sich nach ihr. Aber gerade jetzt, in der Ferienzeit, fragt sich, was wir auf ihr eigentlich suchen – auf der einsamen Insel.

Inseln sind Orte der Sehnsucht. Am schönsten ist es, sie mit dem Schiff anzusteuern. Raus aus dem Hafen, raus aufs offene Meer, das Festland bald ein ferner Streifen, auf welchem der Alltag zurückbleibt. Der weite Himmel weitet das Gemüt und spätestens wenn das Ziel, die Insel, sich aus den Wellen erhebt wie eine Fata Morgana, flutet das Gefühl der Freiheit den Geist.

Eine kostbare Emotion, so wertvoll, dass wir das ganze Jahr über dafür arbeiten und sparen. Die Tourismusindustrie weiss von dieser Sehnsucht und bewirtschaftet sie mit dem Versprechen vom leeren weissen Strand, der einsamen Bucht, dem Haus auf der Klippe. Die Bilder flüstern uns zu: Hier kommst Du zu Dir! Hier entsteigst Du dem Hamsterrad Deines durchgetakteten Lebens, hier fühlst Du den Puls des Erhabenen. Dass uns ein stampfender, rauchender Dieselmotor an diesen Ort bringt, ist ein kleiner Schönheitsfehler in diesem Panorama, den wir ferienhalber gekonnt ausblenden.   

Die touristische Verwertung der Insel-Sehnsucht hat ein leichtes Spiel. Die Verheissung vom Paradies auf Erden ist tief verankert im kollektiven Bewusstsein. Sie hat Geschichte, wenn auch eine janusköpfige.

Während die europäischen Seefahrtsnationen in der anbrechenden Neuzeit jede frisch entdeckte Insel unverfroren als ihr Eigentum betrachteten, egal, ob dort bereits Menschen lebten oder nicht, wurden die fernen Eilande zur Projektionsfläche für die Daheimgebliebenen.

Während Europas Kolonisatoren die Inselvölker mit dem Kreuz Christi in der Hand «zivilisierten», sprich enteigneten und versklavten, entstand in Europas Schreibstuben die Idee der Insel als Ort des harmonischen Zusammenwirkens von Mensch und Natur.

Bereits 1516 verpflanzte Thomas Morus seinen Idealstaat auf die Insel Utopia. Daniel Defoe liess seinen Robinson in der Einsamkeit der Südsee den wahren Glauben entdecken.  Johnathan Swift schickte seinen Gulliver von Insel zu Insel, von den Liliputanern zu den Riesen und nach einer veritablen Odyssee schliesslich auf das Eiland der Houyhnhnms, jener pferdeähnlichen Lebewesen, die weder Krankheit noch Krieg kennen.

Die widerwillige Rückkehr aus der Entschleunigung

Bald wurde die Insel zum beliebten Motiv in der Kunst. Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat sie in Songs und als Filmkulisse Karriere gemacht (siehe Artikel nebenan). Viele der realen Inseln sind mittlerweile Teil demokratischer Staaten oder sie haben sich ganz von den Kolonialmächten befreit. Sie sind, in den meisten Fällen, von Menschen bewohnt, deren Leben sich nicht wahnsinnig von dem unsrigen unterscheidet.

Die Sehnsucht nach der Insel ist jedoch geblieben. Aber was genau ist eigentlich Gegenstand dieser Sehnsucht? Ist es die Nähe zur Natur und zum Sternenhimmel, die unser Dasein in ein anderes Verhältnis rückt? Sehnen wir uns nach Ruhe, nach Stillstand? Danach, Zeit zu haben, das eigene Leben zu überschauen und zu begreifen, losgelöst von den Anforderungen des Alltags zuhause? Wollen wir sie endlich lernen, die bittersüsse Kunst des gekonnten Müssiggangs, der nicht Anfang des Lasters, sondern der Beginn des Eigentlichen ist?

Falls dem so ist, hätten wir alle in diesen Monaten eine kollektive Inselerfahrung gemacht. Im März, April und Mai, als wir in unseren Wohnungen sassen, umgeben von Stille und Vogel-
gezwitscher. Wie auf einer Insel konnten wir nicht einfach davonlaufen. Wir hatten Zeit für uns selbst und unsere Familien. Wir taten Dinge auf dieser Lockdown-Insel, die wir auf dem Festland der real funktionierenden Marktwirtschaft kaum in Betracht gezogen hatten. Innerhalb weniger Wochen hat eine Entschleunigung von uns Besitz ergriffen, aus welcher der Ausstieg nun gar nicht so einfach ist.

Wir reagieren unterschiedlich auf die Aufhebung dieses Inselzustands. Die einen entfliehen dem entstandenen Horror Vacui und stürzen sich in die Arbeit, die Einkaufsmeile oder die Party. Andere sind froh, können sie endlich ihren normalen Alltag pflegen, ihr Geschäft wieder betreiben. Ohne Zugriff auf ein Bankkonto ist auch das Inseldasein keine Lösung.

Nicht wenige sagen jedoch, sie wollten eigentlich gar nicht mehr zurück in den Zustand vor dem Lockdown. Sie ziehen die Handbremse und wehren sich gegen die anstehende Wiederbeschleunigung des Lebens. Sie treten die Rückreise von der Insel nur widerwillig an.    

Und wie bei der Rückkehr aus den Ferien stellt sich die Frage: Vergessen wir das eben Erfahrene bereits bei der Ankunft zuhause, oder können wir nicht doch etwas in unseren Alltag
hinüberretten? 

Die blaue Insel driftet durchs Universum

Am 24. Dezember 1968 wurde von der Apollo 8 aus ein Bild geschossen, das als Jahrhundertfoto in die Geschichte einging. Es ist das erste Foto, das unseren blauen Planeten zeigt, von Wolkenwirbeln gezeichnet, einsam in der schwarzen Leere schwebend. Aus dieser Perspektive gesehen, leben wir alle auf einer Insel, die durch die Weiten des Universums driftet. Festland ist keines in Sicht. Wir Inselbewohnerinnen und -bewohner können hier nicht weg. Aber vielleicht müssen wir ja gar nicht mehr reisen. Vielleicht ahnen wir ja mittlerweile: Das Paradies könnte vor der Haustüre liegen. Falls nicht, bleibt uns nur eines: Dafür zu sorgen, dass diese blaue Insel für alle Lebewesen auf ihr ein Zuhause bleibt, dem man nicht entfliehen will – oder muss.

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