Ein Ameisi. So heisst in der Schweiz liebevoll die Tausendernote. Weil darauf nicht nur Wissenschafter Auguste Forel, sondern eben auch drei der Ameisen abgebildet sind, die er erforschte. Videokünstlerin Ursula Palla (Zürich) hat die Tausendernoten und die Ameisen wieder zusammengebracht. Die Tierchen erstarren weder vor Ehrfurcht über so viel Geld noch interessieren sie sich für ihr Konterfei. Nein, sie haben das Geld zum Fressen gern, zerteilen die mit Zuckerwasser präparierte Tausendernote mit unglaublichem Fleiss in kleinste Stücklein und schleppen diese als Nahrung in ihren Bau. Das Gewusel von Papier- und lebenden Ameisen auf den am Boden gestapelten Bildschirmen ist faszinierend und amüsant. Aber wie immer bei Palla hat das Video auch seinen tieferen Sinn: «Man kann sich auf den Wert des Geldes nicht verlassen», sagt die Künstlerin. Reichtum kommt und geht. Damit er wächst, begeben wir uns wie Hamster Janyla – in Pallas zweitem Video – ins tägliche Räderwerk. Dass dabei ab und zu ein Fünfliber abfällt, ist dem Hamster egal. Aber wohl nur ihm.

Der Panda aus der Schweiz

«Wir wollten im Kunstraum Baden eine Ausstellung zum Thema Werte machen», sagt Gastkuratorin Hanneke Frühauf. «Das tönt trocken, aber sie sollte lustvoll, nicht theoretisch sein, genährt aus Alltagserfahrungen, aus Geschichten der Künstler.» «Märkte & Menschen» heisst die Ausstellung deshalb, die Frühauf mit Kunstraumleiterin Claudia Spinelli und Rolf Bismarck organisiert hat. Fünf international renommierte Künstler haben sie dazu eingeladen, schliesslich sei Ökonomie ein globales Phänomen.

Selbst die weltweit gültigen Kreditkarten sehen überall wieder anders aus. Das ist Meschac Gaba (Rotterdam/Cotonou, Benin) aufgefallen. Elefanten als Schmuck verweisen auf Afrika, Comicfiguren auf Japan. Nur der Panda schert aus: Er ist das Sujet einer Schweizer Karte. Gaba hat aus Kartenausschnitten ein rundes Puzzle kreiert, dessen Teile darauf warten, dass die Besucher sie wieder zusammensetzen. Ins Zetrum hat er das Bildnis eines Kindes, seines dreijährigen Sohnes Jonathan, gesetzt. Er meint das symbolisch («Im Zentrum steht der Mensch!»), ebenso seine Botschaft: «Kinder sind ein Investment.»

«Mich interessieren die Strukturen hinter scheinbar einfachen Warenflüssen», sagt Mark Vennegor (Amsterdam). Schliesslich habe er Ökonomie studiert. Auf drei Paletten sind Hunderte Kilo Ware aus einer Schweizer Kleidersammlung gepresst. «Die gelangen so zum Beispiel nach Guatemala, werden dort aber nicht verteilt, sondern verkauft.» Allein in der Kleinstadt Panajachel gebe es 33 Läden. Hier deckten sich Leute mit den vermeintlich coolen westlichen Textilien ein, vergässen darob ihre schöne, eigene Handwerkskunst.

Diese bestickten bunten Stoffe hat Vennegor wiederum nach Europa importiert und daraus eine bunte Wandcollage gestaltet, selbst die Fädeli hat er aus dem Abfall geklaubt und wieder als Kunst verpackt. In stundenlanger Arbeit, das Motto «Zeit ist Geld» einfach ignorierend. So bunt, so lebensfroh seine Werke und die Fotos aus Guatemala wirken, die Freude bleibt einem doch im Hals stecken. Spendet man nicht Kleider, um zu helfen, um sein Gewissen zu beruhigen – dann landet der Pulli doch im Markt-Räderwerk. Und macht erst noch Handwerkerinnen in Südamerika und Afrika das Leben schwer.

Wir spielen reiche Männer

Wie erkläre ich den globalen Handel?, hat sich auch Künstler Rémy Markowitsch (Luzern/Berlin) als Aufgabe gestellt. Anhand von «Zwiebel Optionen» geht das bestens. Denn Zwiebeln sind ein Grundnahrungsmittel, bringen an den Warenbörsen Gewinne (oder Verluste). Aber wenn die Detailhandelspreise steigen, treiben sie den Menschen nicht nur beim Rüsten Tränen in die Augen.

Vier Lausbuben wischen einem die düsteren Gedanken im Nu wieder weg. Im Film von Binelde Hycran (Luanda/Nizza) haben sie sich am Strand vier Löcher in den Sand gegraben, sich reingesetzt und spielen reiche Männer im Auto. Sie bluffen, malen Zukunftsträume in den blauen Himmel, schikanieren den «armen» Driver, der grinsend am Flipflop-Steuerrad dreht. Sie dreschen Klischees, dass es einem bange werden könnte, wenn es nicht urkomisch wäre und sie selber nicht so unbeschwert darüber lachen könnten.

Märkte & Menschen Kunstraum Baden, bis 9. Juli. Vernissage: Sa, 29. April, 17 Uhr.