Corona-Virus

Wir alle sind jetzt Hopper-Figuren: Das können wir vom amerikanischen Künstler über das Leben in der sozialen Isolation lernen

Der Maler Edward Hopper hat die Isolation vorweggenommen, die wir jetzt erleben. Seine Bilder machen Hoffnung – und Angst.

Jede Zeit hat ihre Propheten, auch wenn sich die beiden manchmal nie begegnen – die Zeit und ihre Propheten.

Edward Hopper, zum Beispiel: Der amerikanische Maler (1882–1967) hat mit seinen Bildern – ungewollt – vorweggenommen, was jetzt über uns alle hereinbricht. Er malte einsame Menschen in stillen Landschaften, verlorene Seelen an Schicksalskreuzungen. Er malte Enge und Weite – und vor allem malte er Leere.

Edward Hoppers Bild «Morgen in Cape Cod» (1950) zeigt vor allem eines: ganz viel Leere. Edward Hopper in der Fondation Beyeler.

Edward Hoppers Bild «Morgen in Cape Cod» (1950) zeigt vor allem eines: ganz viel Leere. Edward Hopper in der Fondation Beyeler.

  

Hoppers Bilder hängen derzeit in der Basler Fondation Beyeler, wo sie eigentlich ein grosses Publikum anziehen und dem Schweizer Publikum die Schwere und Tiefe amerikanischer Szenerien zeigen sollten. Doch Hoppers Gemälde hängen  – ironischerweise – in menschenleeren Hallen. Niemand da, der die leeren Landschaften auf seinen Werken bewundert. Niemand da, der den einsamen Figuren seiner Kunst Gesellschaft leistet. «Wir alle sind jetzt Edward-Hopper-Malereien», schrieb der amerikanische Autor Michael Tisserand gestern Nacht auf Twitter.

Die Leere tötet die Gefahr, langsam, aber zuverlässig

Wie Recht er hat. Das Virus hat uns zu wandelnden Hopper-Figuren gemacht. Wir sitzen in unseren Zimmern und schauen durchs Fenster. Draussen ist noch da. Immerhin. Doch leerer ist es als gewohnt. In Hoppers Gemälden hat diese Leere etwas Bedrückendes und sehr viel Bedrohliches. Wo Nichts ist, füllt unsere Fantasie die Lücke allzu oft mit Ängsten. Die Leere weckt Zweifel in uns, weil sie keinen Halt verspricht. Zwischen uns und ihr herrscht eine bedrückende Spannung.

Die gemalten Figuren – das sieht man ihnen an – wünschen sich die Leere weg. In diesem Punkt, mindestens, unterscheiden sie sich von uns, den wandelnden Hopper’schen Kreaturen der Corona-Ära. Denn uns gibt die Leere Sicherheit. Wenn da niemand ist, dann ist auch keiner, der uns ansteckt oder den wir anstecken können. Die Leere mag uns deprimieren. Aber richtig fertig macht sie nur eines: das Virus. In der Leere finden die gefährlichen Dingchen genauso wenig Halt wie wir. Die Leere tötet die Gefahr, langsam, aber zuverlässig. Wir müssen sie nur wirken lassen.

Was aber lehren Hoppers Bilder uns, den zur temporären Einsamkeit verdammten Seelen der bislang gar nicht goldenen Zwanzigerjahre?

Nun, zuallererst, dass soziale Isolation wunderschön sein kann. Auf sich zurückgeworfen begegnet sich der Mensch ganz neu. Im Blick von Hoppers Figuren schimmert neben ganz viel Unsicherheit oft auch eine tiefe Zufriedenheit. Die Frauen und Männer sind oft fast oder völlig nackt, scheinen die Freiheit zu geniessen, ohne die Blicke aller anderen einfach nur sein zu können, einfach mal für sich, mit sich, bei sich. Hoppers Figuren wissen, was wir jetzt – bestenfalls – erfahren: Es gibt viel zu entdecken, wenn man ganz sich selbst überlassen ist.

Selbstgewählt hat die Isolation einen wohligen Effekt. Doch selber wählen, tun die wenigsten. Da kommt uns das Virus eigentlich entgegen. Es zwingt uns zum seltenen Glück, uns mal mit uns selbst befassen zu müssen. Ablenkung ist natürlich immer noch zur Genüge da. Schliesslich sind wir nicht alle – wie Hopper es war – kinderlos und finden in unseren Räumen Ruhe und Besinnlichkeit.

Und schliesslich ist da – trotz Sport-Ausfall und Kultur-Stopp  – noch immer haufenweise Ablenkung, die uns in unsere leeren Räume hineinverfolgt: Wir sind zwar weg von den Strassen und fort aus dem Trubel, aber immer noch online und immer noch jederzeit erreichbar.

Hoppers Figuren lehren uns noch etwas ganz anderes: dass wir nie wissen, was kommt. Die schicke Frau, die durch das Fenster in die Weite starrt; der einsame Herr, der den Blick über die Dächer der Stadt schweifen lässt; der Mann, der verloren an der Tankstelle steht: Sie alle wirken wie vergessene Seelen zwischen dem, was war, und dem, was erst noch kommt.

Und was noch kommt, das wissen sie nicht. Wir auch nicht. Wir wussten’s nicht vor zehn Wochen, als erste Meldungen über ein neues Virus irgendwo weit weg in China bei uns eintrafen. Und wir wissen’s noch immer nicht, obwohl das Virus hier und die Gefahr erkannt ist. Werden wir’s schaffen? Wird die Kurve flach bleiben? Können wir das, solidarisch sein? Oder ist das Virus letztlich doch stärker als unser Teamgeist? Der Blick geht ins Leere, da funkelt ein wenig Hoffnung, aber Klarheit herrscht nicht.

Einsamkeit, sagte Hopper einmal, sei vielleicht der Grundzustand des Menschen. Vielleicht hatte er recht. Vielleicht ist die Leere unser natürliches Habitat – und wir haben es ob all der Ablenkung einfach nie gemerkt. Starren wir also eine Weile in sie hinein. Wer weiss: Vielleicht starrt sie ja zurück.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1