Ein Hotel ist ein gefährlicher Ort. Dort ist der Alltag nicht mehr strukturiert. Das schafft Platz für Verdrängtes. Deswegen ist das Hotel auch der richtige Ort, um den Dramatiker Auguste Strindberg zu verhandeln. Seine Texte leben davon, dass Ungesagtes aus allen Ritzen kriecht.

Simon Stone hat für das Wiener Burgtheater und das Theater Basel diesen Strindberg-Kosmos in ein grosses Theater-Tableau kondensiert. Sieben Texte des Autors und dessen Biografie hat er ausgeweidet, Figuren und Sprache ins Heute übertragen. Eine Collage aus Stücken? Das riecht nach Stössen gelber Reclam-Hefte. Das Resultat ist jedoch gänzlich staubfrei. Es verströmt die Frische einer guten Fernsehserie. Mit vier Stunden Spielzeit adaptiert es deren langsame, verschachtelte Erzählweise für die Bühne.

«Hotel Strindberg» ist ein gläsernes Puppenhaus. Dank Mikrofonen hören wir, was die Figuren in diesen Labor-Vitrinen sprechen. Gäste sind: der Autorenfilmer und seine Frau. Sie betrügt ihn mit ihrem Psychiater. Die Tochter verwandelt Pornos in Kunst. Dann ist da der junge Dramatiker mit Schreibstau. Angesichts der Scheidungspapiere erwürgt er seine Ex. Die junge Geliebte, die verzweifelt auf ihren Liebhaber wartet. Anstatt seiner klopft aber dessen Frau an die Tür. Da ist das junge Paar, das zwischen Tinder-Dates ein Baby grosszieht. Das alte Ehepaar, das sich überlegt, zu Exit in die Schweiz zu reisen. Da ist eine Mutter, die den Mann ihrer Tochter vögelt. Ein herumgeisternder Concierge und weiteres Personal.

Ein Ensemble in Höchstform

Stone teilt seinen Stoff gekonnt ein. Im ersten Akt etabliert das grandios aufspielende Ensemble Figuren und Geschichten. Im zweiten reizt es diese bis zu dem Punkt aus, wo dieser ganze Liebesschmerz, diese überall auftauchenden Lebenslügen zu nerven beginnen. «Wir haben begriffen», will man rufen. Da lässt Stone den ultimativen Streit zwischen dem Autorenfilmer und seiner Frau eskalieren. Sie kommen betrunken ins Hotel zurück. Martin Wuttke und Caroline Peters in Höchstform. Eine Beschimpfungsorgie, eine grotesk lallende Abrechnung erster Klasse. Alleine für diese zehn Minuten lohnt sich der Besuch des Abends. Danach ist nichts mehr wie vorher. Für das Paar – und im Stück.

Im dritten Akt wird das Bild vielschichtiger. Sehen wir nun ein Hotel oder eine Klinik? Egal: In diesem Spital sind alle krank. Allen voran der Mann als Künstler und Genie. Wie Wuttke und Michael Wächter diesen ins Leere, in die eiskalte Psychose laufen lassen, ist ebenso grossartiges Theater wie trauriges Psychogramm eines Künstlertypus. «Hat denn ein Mann kein Recht auf Würde!», schreit Strindberg-Wuttke an die Glasscheibe gequetscht. «MeToo», schiesst es uns durch den Kopf.

 

«Hotel Strindberg» im Burgtheater, Wien. Ab Januar 2019 im Theater Basel.