Als Wilhelm Schmid am 1. Dezember 1971 starb, erhielt seine Witwe Kondolenzschreiben aus der ganzen Schweiz, vom Direktor der Berliner Museen, der Aargauer Regierung und in Schweizer Zeitungen erschienen umfangreiche Nachrufe. Tenor: Ein grosser Maler, ein wichtiger Künstler ist tot – einer auch, der Kontroversen ausgelöst hatte. Und heute? Wer kennt noch Wilhelm Schmid? Als das Kunstmuseum Olten 2007 eine Retrospektive organisierte, fand man das gut, doch ins breite Bewusstsein katapultiert hat sie den Künstler nicht wieder. Jetzt erinnert man sich in Potsdam daran, dass der Schweizer Maler und Architekt im Berlin der Zwischenkriegsjahre eine grosse Nummer war, und zeigt ihn erstmals wieder – zum 100. Jahrestag der Künstlervereinigung «Novembergruppe».

Revolution!

1918 rüttelte die Novemberrevolution auch Berlin durch. Am 9. November wird die Republik ausgerufen, Kaiser Wilhelm II. dankt ab. Revolution lautet auch die Losung in der Kunst. Am 3. Dezember 1918 gründen Dutzende Künstler die «Novembergruppe», ihr Ziel: «Mit a1len uns zur Verfügung stehenden Kräften Rückstand und Reaktion bekämpfen». Das war politisch wie ästhetisch gemeint. Aufgerufen waren «alle verantwortlich fühlenden kubistischen, futuristischen und expressionistischen Künstler». Bei der Gründung als eine der führenden Stimmen dabei: der 26-jährige Schweizer Wilhelm Schmid.

Eigentlich erstaunlich, wenn man seine Biografie anschaut. Als Verdingbub wächst er bei seinem Onkel, einem Weinbauern im aargauischen Remigen auf, arbeitet als Taglöhner, besucht teilweise die Primarschule in Basel. Kalenderbilder und römische Kacheln regen ihn zum Malen an. Nach einer Bauzeichnerlehre in Brugg macht sich der 18-Jährige selbstständig und zieht 1912 nach Berlin, arbeitet als Architekt und heiratet die Tochter seiner wichtigsten (reichen) Auftraggeber, die Sängerin Maria Metz. Als Künstler ist er Autodidakt, reist nach Paris, kann in Berlin und München bald ausstellen und gehört zur revolutionären Avantgarde.

Was die Künstler der Novembergruppe an der jährlichen «Grossen Berliner Kunstausstellung» zeigten, musste so verstörend wie unerhört gewirkt haben. 1920 gehörte Schmid der Ehrensaal, seine knallgelbe, nackte «La Luna» ist Augenfang und sei «ein kühner Wurf», wie ein Kritiker schrieb. «Fraglos enthält die Novembergruppe das Neue mit der Zeit Verbundene, womit gesagt ist, den suchenden oft irrenden Ausdruck der Verworrenheit und Verzweiflung. Hier steht unter den Begabungen mit an erster Stelle der Schweizer Wilhelm Schmid, ein zwingendes Talent.» (NZZ 25. Mai 1920)

Im Jahr darauf sorgten die drei von einem Geiger im Hintergrund angefeuerten Frauen von «Fuoco» für Aufsehen. Nackt, prall, eher Gliederpuppen gleichend als realen Frauenkörpern, standen sie für die Verschmelzung aller modernen Stile. Magischer Realismus, Expressionismus und Wegbereiter der neuen Sachlichkeit lauten die Charakterisierungen von Schmid.

Rückzug und Kampf

Doch die Zeiten in der Weimarer Republik änderten sich: Die Nationalsozialisten brandmarkten das Werk «Fuoco» als «entartet» und den Maler als «Kulturbolschewisten». Er und seine jüdische Frau Maria verliessen Potsdam 1936 fast fluchtartig und fanden im Tessin, auf dem Monte Bré, einen ruhigen Wohnort. Heute ist das Haus ein kleines Wilhelm-Schmid-Museum.

Wandbilder und Blumenbilder von spröder Schönheit sicherten das Einkommen. Bei szenischen Bildern ersetzte Schmid die fiebrig-aufgewühlten Grossstadtmotive durch bäuerliche Sujets. Trotzdem entsprach er mit seiner so kühlen wie expressiven Neuen Sachlichkeit hierzulande nicht dem gängigen Stil – auch wenn seine «Dorfmetzgete» aktuell im Aargauer Kunsthaus als Beispiel des braven Landistils gezeigt wird. 1946 schickte Schmid seine Darstellung eines bäuerlichen Festmahls an den Salon National in Genf. Bundesrat Philipp Etter liess es entfernen, der Titel («Heliand») und das Motiv des Abendmahls in Kombination mit den prallen Wurstessern und Weintrinkern könnten religiöse Gefühle verletzen.

Doch Schmid arbeitete weiter, zum 70. Geburtstag bereitete ihm das Aargauer Kunsthaus eine Schau und sein Geburtsort Remigen feierte ihn und sein Wandbild «Universum» mit einem grossen Empfang. Bei unserer Nachfrage auf der Gemeindekanzlei Remigen kennt man Namen und Bild erst nicht, bestätigt dann aber: Ja, das Gemälde mit Weinbauern, Eifelturm und der Sonne hänge noch immer im Schulhaus. Etwas abseits, aber immerhin.

Umkämpfte Wege der Moderne. Wilhelm Schmid und die Novembergruppe Potsdam Museum, bis 27. 1. 2019.